Bier statt Liebe

„Schattenleben“: Hamburger „Tatort“ sortiert die Front zwischen linken Frauen und der Polizei

Die Hamburger Ermittler Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring).

Die Hamburger Ermittler Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring).

Falke steht nur in der zweiten Reihe, Thorsten Falke, Kommissar in Lederjacke, ein Mann aus der Sektion „Lass mich mal machen!“. Wotan Wilke Möhring spielt ihn meist kurz angebunden, nicht zu viel Psychologie, denkt Falke, und wühlt sich lieber durch Dateien. So kann man Fälle lösen, aber keine Menschen öffnen.

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Weil es in der Folge „Schattenleben“ aber ausnahmsweise um die Kräfte eines Liebespaares geht, nein: um die Kräfte zweier Liebespaare, tritt Falke nun zurück ins Glied. Die Kollegin Grosz (Franziska Weisz) übernimmt, von der man bisher kaum charakterliche Tiefenschärfe sah, weil sie Falke zwar zur Seite steht, doch lediglich als Reaktion auf diesen Mann erkennbar ist. Sie ist das Korrektiv zu Thorsten Falke, sie ist Falkes Fußnote, sie leuchtet aus, was Falke übersieht. Und das ist eine Menge.

Von der Polizistin zur autonomen Kämpferin

Julia Grosz taucht ein in ein Milieu, in dem Kollege Falke Atemnot bekäme, weil man ihm seine Sprüche und die Lederjacke um die Ohren hauen würde. Ela (Elisabeth Hofmann) ist verschwunden, im Film wird sie als weise, schöne Frau mit einem Hang zum Eigensinn gezeichnet, nie ganz loyal, nie vorlaut, weil sie spürt, dass Kraft im Leben von zwei Polen stammt, Plus und Minus. Frau und Mann. Sie steht auf Frauen. Oder? Sie war mal Polizistin, ist jetzt aber autonome Kämpferin. Oder? In Elas Leben gibt es viele Fragezeichen.

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Als sie verschwindet, wird das Fragezeichen größer. Wo steckt sie? Julia Grosz und Ela hatten, vor Jahren bei der Polizeiausbildung, einen Sommer der Liebe verbracht. Ela hatte sich in sie verliebt, Julia aber hatte Angst vor einer festen Bindung. Plötzlich meldet Ela sich bei Julia wieder. Sie treffen sich, sie turteln kurz, Ela läuft davon. Sie wirkt getrieben. Von wem?

Wo steckt Ela?

Um das seelische Geflecht in Elas Leben zu entknoten, lässt sich Julia in die linke Szene schleusen. Aus der Kommissarin Grosz wird Julia, Mitarbeiterin in einem Fahrradladen. Ist Ela gekippt, lief sie von der Polizei zum Gegner über? Eine tiefe Abneigung herrscht zwischen Staatsgewalt und linker Szene an dem Schauplatz Hamburg, seit die Krawalle zum G20-Treffen einen schweren Imageschaden für die Stadt bedeuteten.

Julia Grosz kommt aus dem Süden, passt aber gut in diese Stadt. Das liegt nicht nur am blonden Haar, denn sie verkörpert eine Kühle, die in ihrem Job vermutlich überlebenswichtig ist, weil man mit Zuspruch oder freundlicher Befragung nicht weit kommt. Als Ela nicht mehr aufzufinden ist, zieht Grosz ins linke Wohnprojekt, um ihrer alten Freundin auf die Spur zu kommen. Wer war sie wirklich, wo steckt sie jetzt?

Ein linksradikales, feministisches Wohnprojekt zählt zu den fernsehfernsten Milieus, die sich denken lassen. Wie sehr kann das daneben gehen, wenn der „Tatort“ sich in dieses Lager wagt, wo Rasta und Frauenliebe so gebändigt werden müssen, dass es auch fürs brave Bürgertum erträglich ist, wenn diese Themen sonntagabends aufs Tablett gehoben werden.

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Doch dieses Haus der autonomem Frauen ist nicht eingerichtet wie die Puppenstube einer durchgeknallten Bühnenbildnerin, vieles wirkt authentisch. Auch wenn der Ton, der dort im echten Leben herrscht, nicht eins zu eins ins Fernsehen zu holen ist. Dass man der Inszenierung glaubt (Regie: Mia Spengler, Drehbuch: Lena Fakler), hat vor allem mit Nana (Gina Haller) zu tun, einer jungen Frau, die als das Kraftzentrum des Films zu gelten hat. Weil sie auf die Liebe dringt, als sei ihre Erfüllung irgendwo vertraglich festgelegt.

Nana fordert das Leben heraus, hat ihre Kraft nicht permanent im Griff, doch ihre Ehrlichkeit und ihre Stimmungen sind echter als das Doppelleben, dessen Scherben dieser Film am Ende aufkehrt – in den bürgerlichen Vierteln, wo die Männer noch das sagen haben. Sie werden von dem „Tatort“ nicht verraten, doch sie werden ruhig gestellt. Mit Bier. Nicht mit Liebe.

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