Omid Nouripour floh mit Familie aus dem Iran

„Retraumatisierend“: Grünen-Chef kämpft bei „Hart aber fair“ mit den Tränen

Omid Nouripour, Bundesvorsitzender der Grünen, hat sich beim Politiktalk "Hart aber fair" sichtlich ergriffen vom Kriegsgeschehen in der Ukraine gezeigt. (Archivbild)

Omid Nouripour, Bundesvorsitzender der Grünen, hat sich beim Politiktalk "Hart aber fair" sichtlich ergriffen vom Kriegsgeschehen in der Ukraine gezeigt. (Archivbild)

„Hier sind so viele Kinder – und es ist so leise“: Es waren ergreifende Worte, die ARD-Korrespondentin Isabel Schayani am Montagabend zugeschaltet von der polnisch-ukrainischen Grenze an das „Hart aber fair“-Publikum richtete. „Die Kinder stehen unter Schock. Die sind wie erstarrt, lethargisch. Denn sie merken, dass ihre Eltern ihnen keine Sicherheit mehr geben können“, berichtete die Reporterin. Jeder zweite Mensch, der derzeit aus der Ukraine am Bahnhof Przemyśl in Polen ankomme, sei laut Schayanis Beobachtungen ein Schulkind.

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Erleichterung sehe sie nicht in den Gesichtern der Menschen, nur Fassungslosigkeit. „Heute bin ich in ein älteres Ehepaar aus Charkiw gestolpert, die hatten nur zwei schäbige kleine Rucksäcke dabei“, erzählte sie. Schayani selbst sei verblüfft gewesen darüber, dass viele der Geflüchteten nur kleines Gepäck mit sich tragen. Dabei liege der Grund auf der Hand: „Damit man rennen kann“ – wenn wieder Bomben fliegen.

Omid Nouripour: „Ich war sehr oft im Keller, Bomben haben in der Nachbarschaft eingeschlagen“

Rund 1,5 Millionen Menschen sind den Vereinten Nationen zufolge innerhalb der vergangenen Tage aus der Ukraine geflohen. Es handle sich hierbei um „die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk am Sonntag bei Twitter mitteilte. Schayanis Schilderungen vom Bahnhof in Przemyśl zeigten: Die Bereitschaft in Polen, den geflohenen Menschen aus dem Nachbarland zu helfen, ist enorm. Auch die gebürtige Kiewerin und Grünen-Politikerin Marina Weisband, die ins ARD-Studio zugeschaltet war, berichtete von einer „überwältigenden“ Solidarität, die auch hierzulande zu spüren sei.

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„Bei mir melden sich sehr, sehr viele Menschen“, sagte Weisband. Sie versuche, so gut wie möglich zu vermitteln: „Ich bekomme so viele Hilfsangebote, dass ich einige davon nicht mehr beantworten kann.“ Nichtsdestotrotz erinnerte die Publizistin daran, dass jegliche Unterstützung letztendlich „nur ein Pflaster“ für Menschen sei, die gerade alles verloren hätten – und die Hilfsbereitschaft auch dann noch vonnöten sein werde, wenn eines Tages wieder Geflüchtete nach Deutschland kommen sollten, die nicht „weiß und christlich“ seien. „Jetzt, wo wir diese Geschichten hören, hoffe ich, dass wir vertriebenen Menschen nie wieder empathielos begegnen“, mahnte Weisband.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

„Einige in der Runde können sich vorstellen, wie es ist, die Heimat zu verlieren“, erklärte die Grünen-Politikerin, die 1994 mit ihrer Familie im Zuge der Regelung für Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen war. Wen sie offensichtlich meinte: Omid Nouripour. Der Grünen-Chef wirkte stark berührt von der Berichterstattung von der polnisch-ukrainischen Grenze. „Das zu sehen, ist nicht nur für mich, sondern für viele Menschen retraumatisierend“, kämpfte der iranischstämmige Politiker mit den Tränen. Er selbst sei in den 80er-Jahren im Ersten Golfkrieg aufgewachsen: „Ich war sehr oft im Keller, Bomben haben in der Nachbarschaft eingeschlagen. Das ist nicht nur meine Geschichte, sondern die Geschichte von ganzen Generationen.“

Ex-Gerneral Vad: „Wir in Europa sind Habenichtse“

Um den Menschen, die sich aktuell in dieser schrecklichen Situation befänden, so gut wie möglich durch die schwere Zeit zu helfen, sei eine Bund-Länder-Runde nun dringend notwendig, stellte Nouripour fest. Nun müsse über das weitere Vorgehen hinsichtlich der großen Zahl an zu erwartenden Geflüchteten beraten werden: „Es braucht Koordination und Geld.“

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Auch im Umgang mit Putin sei es wichtig, mit Bedacht zu handeln, wie der Parteivorsitzende im Laufe der Sendung immer wieder betonte: „Wir werden jeden Tag aufs Neue überprüfen, wie wir der Ukraine helfen können und Russland unter Druck setzen können. Ich kann – Stand jetzt – nichts ausschließen.“ Eine Einmischung der NATO halte er jedoch für „eine Rutschbahn in den dritten Weltkrieg“.

Diese Auffassung teilte bei „Hart aber fair“ auch der deutsche Brigadegeneral a.D., Erich Vad. Er warnte: Man müsse beim Krisenmanagement „behutsam und besonnen sein“. Vad halte es für ausgeschlossen, in der derzeitigen Lage eine militärische Lösung zu finden. „Ab einem gewissen Zeitpunkt müssen wir deshalb auch wieder mit Putin reden“, mahnte der Ex-General.

"Ab einem gewissen Zeitpunkt müssen wir deshalb auch wieder mit Putin reden", erinnerte Erich Vad bei "Hart aber fair".

"Ab einem gewissen Zeitpunkt müssen wir deshalb auch wieder mit Putin reden", erinnerte Erich Vad bei "Hart aber fair".

Er machte jedoch auch klar, dass dann nicht die Europäer wortführend sein werden: „Wir sollten nicht so tun, als hätten wir in der Angelegenheit überhaupt mitzureden“, beschrieb Vad die Kräfteverhältnisse. „Putin reagiert auf Militärmacht. Die haben die Amerikaner. Wir in Europa sind Habenichtse. Wir haben Putin nichts entgegenzusetzen als folgenlose Rhetorik.“

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Auch der Politikwissenschaftler Christian Hacke plädierte dafür, Putin „eine gesichtswahrende Möglichkeit“ zu geben, den Krieg zu beenden. Sein Lösungsansatz: eine neutrale Ukraine. Neutral sei das Land jedoch schon 2014 gewesen, bevor es zum ersten Mal von Russland auf der Halbinsel Krim angegriffen wurde, war die Journalistin Gesine Dornblüth ein: „Putin will keine neutrale Ukraine, Putin will die Ukraine einverleiben.“ Zudem gehe es in dem Konflikt nicht ausschließlich die Ukraine, sondern auch um die EU, bekräftigte Dornblüth.

RND/Teleschau

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