Ein Plakat machte sie berühmt

Neuer Job für Marina Owsjannikowa: Warum Russlands Protestikone jetzt in der Kritik steht

Der Screenshot von der Nachrichtenplattform Twitter zeigt ein Statement von Marina Ovsyannikova vor ihrer Aktion im russischen Fernsehen.

Der Screenshot von der Nachrichtenplattform Twitter zeigt ein Statement von Marina Ovsyannikova vor ihrer Aktion im russischen Fernsehen.

Hannover. Rund einen Monat ist es inzwischen her, dass die russische Fernsehmacherin Marina Owsjannikowa beim Staatssender „Perwy kanal“ ein Protestplakat in die Kamera hielt und damit ein weltweites Medienecho auslöste.

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Stimmen in Zeitungen, in Fernsehsendungen und in den sozialen Netzwerken überschlugen sich seinerzeit mit Lob für diesen Mut: Nutzerinnen und Nutzer auf Twitter bezeichneten Owsjannikowa als Heldin, der deutsche Sender RTL beförderte die „Perwy-kanal“-Angestellte in einer Überschrift gar zur „mutigsten Frau Russlands“.

Für genau diesen Mut wird Owsjannikowa jetzt sogar ausgezeichnet. Die russische Redakteurin erhält den deutschen „Freiheitspreis der Medien“, der in diesem Jahr ganz besonders dem Freiheitskampf in Osteuropa gewidmet ist. Er wird am Freitag beim Ludwig-Erhard-Gipfel in Gmund am Tegernsee verliehen.

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Zweifel an Qualifikation

Die Euphorie und das Lob für die einstige Fernsehmacherin sind, rund fünf Wochen nach dem denkwürdigen Auftritt am 14. März, allerdings abgeebbt. Stattdessen mehren sich inzwischen kritische Stimmen. Auslöser dafür ist nicht zuletzt ein neues Engagement der 43-Jährigen bei einem deutschen Medienhaus.

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Mitte April hatte der Axel-Springer-Konzern bekannt gegeben, Owsjannikowa werde künftig als Korrespondentin für die Tageszeitung und den Fernsehsender „Welt“ arbeiten. „Marina Owsjannikowa hat in einem entscheidenden Moment den Mut gehabt, die Zuschauer in Russland mit einem ungeschönten Bild der Wirklichkeit zu konfrontieren“, wird Chefredakteur Ulf Poschardt, in einer Mitteilung zitiert. „Damit hat sie die wichtigsten journalistischen Tugenden verteidigt – und das trotz drohender staatlicher Repression. Ich bin gespannt auf die Zusammenarbeit.“

Schon mit Verkündung dieser Nachricht am 11. April regte sich Kritik – insbesondere auch unter ukrainischen und unabhängigen russischen Medienschaffenden. Die ukrainische Journalistin Olga Tokariuk schrieb auf Twitter: „Wie sieht es mit ihren beruflichen Fähigkeiten aus? Ist sie eine qualifizierte Journalistin? Ich habe Zweifel: Journalismus gibt es in den russischen Staatsmedien nicht. Sie hat dort jahrelang gearbeitet und war mit der Propaganda über die Ukraine zufrieden.“

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Kritik an Marina Owsjannikowa: „Keine Journalistin“

Andere wiederum sehen das Engagement vielmehr als Schlag ins Gesicht der vielen unabhängigen russische Journalistinnen und Journalisten, die tagtäglich für ihre Arbeit ihre Freiheit oder gar ihr Leben aufs Spiel setzen. So schreibt beispielsweise Farida Rustamova von der unabhängigen russischsprachigen Nachrichtenseite Meduza, die unabhängigen Medienschaffenden seien „hochqualifiziert und haben alle einen guten Ruf. Aber es ist Marina Owsjannikowa, die einen Job bei ‚Welt‘ bekommt. Bei allem Respekt, sie war es nicht, die ihre Sicherheit bei der Arbeit in Putins Russland riskiert hat.“

Für Gesine Dornblüth, ehemalige Moskau-Korrespondentin des Deutschlandradios, ist Owsjannikowa nicht mal eine Journalistin. „Owsjannikowa hat acht Jahre Propaganda gemacht, das hat sie selbst beschrieben: gelogen, manipuliert und zum Hass aufgestachelt“, sagt sie Deutschlandfunk Kultur. „Sie hat nicht selber Beiträge gemacht, sondern recherchiert mit den Schwerpunkten: schlechte Nachrichten über den Westen und gute Äußerungen über Russland aus dem Westen. Leute, die das machen, sind Propagandisten. Wenn wir sie als Journalistin bezeichnen, dann beschädigen wir unseren Berufsstand.“

Und die freie Journalistin Anna Romandash, die unter anderem für das deutsche Magazin „Katapult“ schreibt, sieht in Owsjannikowa gar einen Teil russischer Propaganda: „Es gibt eine Menge Fragen. Warum ist sie so leicht davon gekommen? Sie kann sich frei äußern und so viel Kritik üben, wie sie will, während alle anderen regimekritischen Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Das ist merkwürdig“, so Romandash gegenüber dem Deutschlandfunk. Zudem seien die Narrative der Journalistin bei weitem nicht proukrainisch.

Erfahrungsberichte statt Reportagen

Doch wie genau sieht Owsjannikowas neuer Job als „Welt“-Korrespondentin aus? Die ersten Texte lassen zumindest eine Schlagrichtung erahnen: Owsjannikowa schreibt keine journalistischen Berichte oder Reportagen aus ihrer russischen Heimat – sondern vor allem über sich selbst. Ihre Texte sind vor allem Kolumnen, oder vielmehr persönliche Erfahrungsberichte, die mit allerhand Rechtfertigungen einhergehen.

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Owsjannikowas erster Text erscheint kurz nach Bekanntwerden ihres Engagements bei „Welt“ am 11. April. Darin berichtet sie von den Reaktionen auf ihren Auftritt im Propagandakanal. Kurz nach dem Vorfall habe man etwa die Reifen ihres Autos zerstochen und die Batterie manipuliert, beklagt Owsjannikowas – „kleinliche Racheaktion von Polizisten“, wie sie vermutet. Ihr Schwimmclub habe ihre Mitgliedskarte gesperrt, ihr Lieferant für Hundefutter, ein glühender Anhänger Putins, habe die Lieferungen eingestellt.

Gleichzeitig erhalte sie viel Lob aus der Bevölkerung, etwa von einem russischen Mädchen, das versuche, seine Freunde davon überzeugen, dass die Kremlpropaganda nicht wahr sei – und von einem russischen Journalismusstudenten. „Danke, Sie haben mir den Glauben an meinen Beruf zurückgegeben“, soll dieser geschrieben haben.

„Verhöhnung der unabhängigen russischen Journalisten“

Viele Russinnen und Russen seien gegen Putins Krieg, glaubt Owsjannikowa. Umfragen, nach denen 83 Prozent der Bevölkerung die Entscheidungen des Präsidenten unterstützen, traut sie nicht. Diese seien in einer Diktatur durchgeführt worden, die Russen lebten in Angst, und die meisten würden an derartigen Umfragen gar nicht teilnehmen. Damit widerspricht Owsjannikowa den Beobachtungen von russischen Aktivisten und unabhängigen russischen Journalistinnen, die vor Ort durchaus eine breite Unterstützung des Kurses wahrnehmen.

Genau solche Positionen sind es, die Kritikerinnen und Kritiker Owsjannikowas auf den Plan rufen. Der Journalist Nikolai Klimeniouk beklagt in einem „FAZ“-Beitrag, die frühere Fernsehmacherin verbreite in Interviews immer wieder das Narrativ der „Russophobie“ und bediene sich damit einer Propagandaerzählung. Zudem stelle sich die ehemalige Fernsehmacherin gegen die westlichen Sanktionen. Ihre Mutter könne keine Medikamente mehr kaufen, und ihre Tochter nicht mit Karte zahlen, zitiert er Owsjannikowa. Dabei habe dies nichts mit westlichen Sanktionen zu tun, sondern mit Entscheidungen der russischen Führung.

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Für den Autor ist klar: Das Engagement für die „Welt“ sei eine Verhöhnung der unabhängigen russischen Journalisten. Die journalistischen Tugenden habe Owsjannikowa über Jahre hinweg „mit Füßen“ getreten, „während Dutzende Journalisten unter Druck und teilweise unter Lebensgefahr nach journalistischen Standards berichteten.“

„Wertvolle Einblicke“

Und was sagt Owsjannikowa selbst zu der Kritik? Eine Sprecherin des Axel-Springer-Verlages erklärt auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), die Korrespondentin wolle momentan keine Fragen beantworten. Stattdessen sendet das Medienhaus ein Statement des „Welt“-Chefredakteurs Ulf Poschardt.

„Natürlich kannten wir das Vorleben von Marina Owsjannikowa in den Staatsmedien und haben mit ihr darüber ausführlich gesprochen“, erklärt er. „Die Kollegin hat nicht nur selbstkritisch in einem ihrer ersten Beiträge für WELT (...) erklärt, dass sie ihre Tätigkeit beim russischen Staatspropagandasender bereut, sondern nach Butscha ihre Position zu den Russland-Sanktionen überdacht und hält diese nun auch für richtig, wenn sie das russische Volk treffen.“

In Ihrem Text vom 14. April geht Owsjannikowa derweil selbst auf die Kritik ein. „Seit dem ersten Tag werde ich kritisiert. Es ist eigentlich ziemlich egal, was ich tue“, beklagt sie dort. „Beide Seiten attackieren mich, sowohl Russen als auch Ukrainer. Fast habe ich mich schon daran gewöhnt. Mal bin ich in Russland eine britische Spionin, mal bin ich in der Ukraine eine russische Spionin.“

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Lob für unabhängige Journalisten

Die Kritik von unabhängigen Journalistinnen und Journalisten allerdings könne sie verstehen, schreibt sie. „Viele von ihnen riskieren seit vielen Jahren ihr Leben, um gegen das System zu kämpfen. Ich habe erst vor einem Monat eine Entscheidung getroffen. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Ich habe die Artikel dieser mutigen Journalisten über all die Jahre immer gelesen und bewundere deren Arbeit. Ihre Artikel haben meinen Blick auf die Welt geformt – und dazu geführt, dass ich nach all den Jahren den Mut gefunden habe, zu tun, was ich getan habe“, schreibt Owsjannikowa.

In dem Text erklärt Owsjannikowa auch noch mal ihre Arbeit beim russischen Staatsfernsehen. Sie selbst habe nie Propagandabeiträge geschrieben oder gemacht, sie habe vielmehr dabei geholfen, dass andere es tun können. Ihrer Arbeit sei sie vor allem nachgegangen, weil der Job ein sicheres Einkommen bot – und genug Freiraum für die eigenen Familie ließ.

„Ich kann nicht ungeschehen machen, was ich getan habe. Ich kann nur versuchen, alles zu tun, um dabei zu helfen, diese Maschine zu zerschlagen und diesen Krieg zu beenden“, endet Owsjannikowa ihren Text. „Wenn ich ein paar Russen aus den Fängen der Kremlpropaganda befreien kann, wenn ich wenigstens einem ukrainischen Kind das Leben retten kann, dann haben sich die Opfer gelohnt.“

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Der neueste Beitrag der neuen „Welt“-Korrespondentin erschien am Mittwoch. Auch hier rechtfertigt sich die 43-jährige. Sie habe „die Kraft gefunden, die Wahrheit zu sagen. Spät, aber früher als Millionen andere“, schreibt sie. „Manche sagen, ich darf nun nicht als Journalistin für ein freies westliches Medium arbeiten. Weil ich zu lange ein Teil dieser Propaganda war. Das klingt für mich nur nach neuer Zensur.“

Kritikerin Gesine Dornblüth hält diese Einblicke in die Gedankenwelt Owsjannikowas offenbar nicht ausschließlich für schlecht, wie sie im Deutschlandfunk sagt. Die Arbeit der neuen Korrespondentin liefere durchaus interessante und wertvolle Einblicke, so Dornblüth – aber vor allem deshalb, weil die veröffentlichten Texte keine Berichte oder Reportagen seien, sondern Kolumnen über ihr eigenes Leben und ihre Vergangenheit.

„Problematisch wird es, wenn sie als Reporterin oder Korrespondentin eingesetzt werden soll, wie es nun heißt. Für Berichte und Reportagen, gerade auch über die Ukraine, ist sie mit Sicherheit die Falsche.“

Ob genau das in Zukunft geplant ist, war auf RND-Anfrage nicht zu erfahren.

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