Kabarettistin Maren Kroymann zu #Metoo: „Ich kenne selbst mehrere männliche Stars, die sich unmöglich verhalten“

Maren Kroymann schlug beim Comedypreis ernsthafte Worte an.

Maren Kroymann schlug beim Comedypreis ernsthafte Worte an.

„Mona & Marie“ ist die Weihnachts­geschichte zweier Schwestern. Die von Ihnen gespielte Mona ist ziemlich unsympathisch. Macht es Ihnen Spaß, so eine Rolle zu verkörpern?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, ich finde das super. Wir wollen immer alle sympathische Frauen spielen, aber daraus resultiert eine gewisse Gleich­förmigkeit des Frauen­bildes. So eine richtig widerwärtige, böse, unsympathische Person wie Mona, die Pelze trägt, sich über den Mann definiert und selbst nichts auf die Reihe bekommen hat, ist ein Feindbild. Ich finde es sehr schön, das zu spielen und aus dieser Figur, deren Wesen und Lebens­form ich eigentlich total ablehne, doch etwas heraus­zukitzeln, womit die Menschen sich identifizieren können.

In Monas perfektes Leben passt es auch nicht, dass ihre Tochter lesbisch und bei der Bundes­wehr ist. Sie macht ständig diskriminierende Sprüche. Als Sie vor 27 Jahren ihr Coming-out hatten war es noch mal eine andere Zeit. Was hat sich seitdem verändert?

Es hat sich schon wahnsinnig viel bei den Rechten von Homo­sexuellen verändert. Gerade die rot-grüne Regierung in den Nullerjahren und speziell der LGBT-Vorkämpfer Volker Beck haben da viel erreicht. Aber trotzdem hat sich noch nicht genug geändert. Die Figur Mona ist auch nicht direkt lesben- und homo­sexuellen­feindlich, aber sie findet ihre Schwieger­tochter nicht hübsch genug und kann nicht verstehen, dass sie und nicht ihre schöne Tochter das Kind des Paares austrägt. Das ist ein diskriminierendes und sehr körperfixiertes Denken, als ob sie die überlegene Natur hat. Eigentlich eine Art Schönheits­darwinismus. Das ist durchaus kompatibel mit Gedanken aus der Nazi-Zeit. Sie versteht auch das mit der Bundes­wehr nicht und findet es ekelhaft und unweiblich. Ihr Frauen­bild ist sehr traditionell.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dazu passt auch Monas Aussage zum Thema #MeToo: „Wenn wir früher begrabscht wurden, haben wir gelächelt und unsere Arbeit weiter­gemacht“.

Ja, das sagen viele Frauen aus meiner Generation. Es ist gut, dass die Frauen jetzt den Mund aufmachen. Alle fragen: Warum habt ihr das nicht früher gesagt? Weil diesen Frauen eingeredet wurde, dass man das dulden muss. Das ist diametral zu meinem eigenen Empfinden. Ich bin eine #MeToo-Vorkämpferin und engagiere mich sehr dafür, dass Frauen sagen können und sollen, was ihnen widerfahren ist, und unterstütze sie, wo ich kann. Der Spruch von Mona ist etwas, was meinem eigenen Denken entgegen­gesetzt ist. Gegen diese Haltung richtet sich mein Kampf im realen Leben. Ich finde es aber gerade spannend, dann so etwas zu spielen.

Haben Sie das früher selbst erlebt, dass männliche Kollegen sich übergriffig verhalten haben, aber erwartet wurde, dass die Frauen das einfach hinnehmen?

Ja natürlich, das war normal. Man sitzt da und der Dramaturg legt plötzlich den Arm um einen, oder man sitzt zu eng beieinander und die Hand liegt plötzlich auf dem Knie. Das waren Sachen, die passierten. Es wurde nicht über Übergriffe gesprochen, weil es diesen Begriff für die Art von Aktionen damals noch gar nicht gab. Und jede Frau, die da nicht mitspielte, galt schnell als zickig. Ich habe mich meistens einfach nicht in die Nähe solcher Männer gesetzt und mich so aus der Situation hinaus­begeben. Aber das haben sich nicht alle getraut. Wenn einem eingeträufelt wird, dass das normal ist, macht man erst mal nichts dagegen. Du musst selbst­bewusst genug sein zu empfinden, dass das ein Übergriff ist, wenn dir suggeriert wird, dass es normal ist, dass Frauen so behandelt werden. Deswegen hat es den Neuen Feminismus in den 70ern gegeben, weil die Frauen gesagt haben: So sind wir erzogen, das wollen wir aber nicht mehr dulden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Hat sich das bei Ihnen auch erst über die Jahre entwickelt vom erst mal nur Wegsetzen bis zum direkten Ansprechen und Kritisieren?

Ich hab’ versucht, Männern aus dem Weg zu gehen, von denen ich wusste, dass sie sich so verhalten. Und ich bin Feministin geworden, ich habe mich auf anderen Ebenen engagiert. Ich habe Flug­blätter gegen den Paragraf 218 geschrieben und in meinem Beruf feministisch gearbeitet. Wir haben schon 1994, ein Jahr nachdem ich mich geoutet habe, einen Sketch gedreht über sexuelle Belästigung am Arbeits­platz. Das war immer mein Thema, schon lange vor #MeToo. Ich möchte das traditionelle Frauen­bild verändern.

Sie haben auch beim Comedy­preis kritisiert, dass die Branche zu männer­dominiert ist. Die Kritik ist nicht neu und doch scheint sich da nur langsam etwas zu bewegen …

Sehr langsam. Die ganze Unterhaltungs­branche ist sehr männer­dominiert. Es gibt signifikant mehr Übergriffe im Entertainment­bereich als in anderen Branchen. Ich kenne selbst mehrere männliche Stars, die sich unmöglich verhalten. Das sind nicht unbedingt straf­rechtlich zu ahnende Sachen, aber derbe Beleidigungen oder dass Frauen schlecht behandelt werden. Ein Spruch wie „Du gehörst mal richtig durchgefickt“ begegnet einem auch von großen Comedy­stars in privaten Zusammen­hängen. Solche Sprüche sind Gang und Gäbe und wir müssen uns fragen, ob wir Teil einer Branche sein wollen, in der das normal ist. Deshalb müssen sich auch gerade die Männer in der Branche distanzieren von den Männern, die das tun. Es verhalten sich ja schließlich nicht alle Männer so.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was lässt sich da außerdem ändern?

Es muss eine Diskussion stattfinden und mich hat geärgert, dass diese Diskussion nicht stattfand beim Comedy­preis. Der aktuelle Fall eines Comedians schwebte wie eine Wolke über der Veranstaltung. Jeder dachte daran, keiner sagte was. Das ist in der Branche total verbreitet. Man will dem nicht schaden, man will weiter Geld verdienen, man will seinen Arbeits­platz nicht verlieren. Niemand hat die Position der betroffenen Frauen vertreten oder auch nur erwähnt – bis auf Hazel Brugger und ihr Mann Thomas Spitzer.

Warum haben Sie sich trotzdem dafür entschieden?

Ich bin an dem Abend vorsätzlich in ein Fettnäpfchen getreten. Wenn ich bei einem Event bin, das live übertragen wird und sich als lustig versteht, und diejenige bin, die absichtsvoll nicht lustig ist, weiß ich, worauf ich mich einlasse – im Englischen gibt’s dafür den schönen Begriff „killjoy“, die Spaß­verderberin. Ich fand es aber richtig. Natürlich habe ich den Veranstaltern den Abend verdorben. Viele fanden aber auch gut, dass ich meine Stimme erhoben habe – übrigens nicht nur Frauen. Ich mache ja nicht alles was die wollen, sondern folge meinem inneren Engagement.

Wenn keiner oder keine etwas sagt, verändert sich ja auch nichts …

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Deswegen fand ich es auch richtiger, dahin zu gehen und etwas zu sagen, anstatt kollektiv nicht hinzugehen. Man muss richtig stören. Zwei Wochen später kam dann der Fall mit Julian Reichelt von der „Bild“-Zeitung, ein viel massiverer Fall noch. Wir sind umgeben von Macht­missbrauch: Jeden Tag kommt etwas aus einem neuen Bereich, es wird klar, dass in einer Institution nach der anderen Missbrauch passiert ist, und es gehört schon sehr viel Ignoranz der männlichen Kollegen dazu, die den Comedian verteidigt haben, das nicht zu sehen. Es ist strukturell, es geht nicht nur um den einen. Aber an den Einzelnen muss man anfangen, es aufzeigen.

„Mona & Marie“ läuft am 13. Dezember ab 20.15 Uhr im ZDF.

Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken