„Einer wie Erika“: Die wahre Geschichte eines Mädchens, das eigentlich ein Junge war

Erika (Markus Freistätter) soll unterschreiben, dass sie auf das Fahren von Skirennen verzichtet und auch in Zukunft als Frau leben wird.

Ach, der kleine Unterschied! Manchmal, in ganz seltenen Fällen, ist er kaum zu erkennen, auch von Fachleuten nicht. Und das kann für die Betroffenen große Folgen haben. Von solch einem realen Fall erzählt der deutsch-österreichische Film „Einer wie Erika“.

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Die Geschichte beginnt im Jahr 1948, als in einem kleinen Dorf in Kärnten ein Kind einer Bauernfamilie zur Welt kommt. Bei seiner Geburt wird es von der Hebamme als Mädchen eingestuft. Dass seine Geschlechtsteile, Hoden und Penis, nach innen gewachsen sind, wird nicht erkannt. Das kleine Wesen bekommt den Namen Erika.

Wie ein Mädchen wird Erika auch erzogen, verhält sich aber von früher Kindheit an wie ein Junge. Sie tollt mit den Buben herum, Puppen interessieren sie nicht, sie spielt lieber mit einem Spielzeugbagger oder bastelt an Seifenkistenautos herum, später an echten Fahrzeugen. Auch äußerlich entwickelt sich Erika eher wie ein Junge – und entdeckt ihre Liebe zum Skifahren, anfangs noch auf selbst gebastelten Skiern. Diese Leidenschaft gibt ihr dann auch die wilde körperliche Freiheit, die sie als Mädchen nie hätte ausleben können. Und vor allem: Sie hat dafür viel Talent.

Intoleranz, Scheinheiligkeit und die damit verbundene Sprachlosigkeit

So verblüfft Erika schon bald bei Wettkämpfen mit Spitzenzeiten, wird dann vom Skiverband entdeckt und in den Nationalkader aufgenommen. Dass sie sich manchmal – nun ja – etwas seltsam verhält, stört keinen. Hauptsache, die Zeiten stimmen. Und so wird sie 1966 Weltmeisterin im Abfahrtslauf und ist die große Hoffnung ihres Verbandes und des ganzen Landes für die Olympischen Spiele.

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Dann platzen alle Träume. Kurz vor den Spielen wird zum ersten Mal ein Geschlechtstest eingeführt. Und man entdeckt bei ihr einen sogenannten Pseudohermaphroditismus. Das heißt, sie ist genetisch gesehen ein Mann, dessen Geschlechtsteile nach innen gewachsen sind. Das hat für Erika, aus der Erik wird, große Folgen.

Das alles und noch viel mehr erzählt Reinhold Bilgeris Film chronologisch in einer sehr langen Rückblende. Was aus Erik später geworden ist, erfährt der Zuschauer erst im Abspann. Dabei ist der Film zuvor stets sehr eng angelehnt an das Leben und die Karriere des österreichischen Skifahrers Erik Schinegger, der aus Agsdorf in Kärnten stammt und tatsächlich 1966 als Erika Weltmeisterin geworden ist.

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Zwar wirkt die Erzählweise dieses Biopics, das auch unter dem Titel „Erik und Erika“ bekannt ist, recht altbacken. Ja, manchmal ähnelt es sogar einem etwas angestaubten Heimatfilm, zumindest aber mit einem ungewöhnlich interessanten Thema.

Schließlich ist Eriks Fall in Zeiten von Genderdiskussionen auf Zeitenhöhe. Dabei verdeutlichen der Regisseur und sein Drehbuchautor Dirk Kämper anschaulich und einfühlsam, womit ein intersexuelles Kind wie Erika zu kämpfen hat. Intoleranz, Scheinheiligkeit sowie die damit verbundene Sprachlosigkeit sind für Nicht-Betroffene unvorstellbar groß. All das war in den Sechziger- und Siebzigerjahren noch um ein Vielfaches größer als heute.

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Hauptdarsteller Markus Freistätter überzeugt

Das damalige Verhalten des Skiverbandes und seiner Sponsoren ist skandalös und menschenverachtend. Ob die heute verantwortlichen Funktionäre und Geldgeber daraus gelernt haben?

Als Fallbeschreibung ist „Einer wie Erika“ jedenfalls sehenswert, vor allem für Zuschauer, die sich mit dem Thema Intersexualität noch nicht beschäftigt haben. Auch sie werden sich durch die hohe Emotionalität des Films angesprochen fühlen.

Ein weiterer Pluspunkt sind die guten Schauspieler – allen voran Hauptdarsteller Markus Freistätter, der die tiefe Verunsicherung seiner Figur glaubwürdig herüberbringt. Aber auch Marianne Sägebrecht, die eine herzensgute Nonne spielt, ist stark in dieser Rolle. Ebenso überzeugen Birgit Melcher sowie Gerhard Liebmann als Mutter und Vater Schinegger.

„Einer wie Erika“, mit Markus Freistätter, Marianne Sägebrecht, Birgit Melcher, Mittwoch (25. November) um 20.15 Uhr in der ARD

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