Toxische Traumfabriken

Das Sterben der Göttin: die Netflix-Doku „Mysterium Marilyn Monroe“

Szene aus „Mysterium Marilyn Monroe: Die ungehörten Bänder“.

Szene aus „Mysterium Marilyn Monroe: Die ungehörten Bänder“.

Ein alter Mann an einem schönen See, der unter grauem Himmel schwappt. Es ist der irische Schriftsteller Anthony Summers, heute 79 Jahre alt, der 1985 „Goddess“ veröffentlicht hat, ein Buch über den Tod der Hollywoodschauspielerin Marilyn Monroe, das fünf Jahre später auch in deutscher Übersetzung erschien. Es geht um das Leben, vor allem aber um das Sterben jener Frau, die als „Sexgöttin“ apostrophiert wurde und über die Elton John später das vermutlich gar nicht so unwahre Liebeslied von der „Candle in the Wind“ geschrieben hatte.

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Dieses Buch bildet die Grundlage der Netflix-Doku „Mysterium Marilyn Monroe: Die ungehörten Bänder“. Die Erkenntnisse, die im Film der Regisseurin Emma Cooper vermittelt werden, sind also 37 Jahre alt. 1982 reiste Summers nach Kalifornien, um ein wenig nachzuforschen. Daraus wurden drei Jahre Arbeit. Er führte zahllose Gespräche mit allen möglichen Leuten aus dem Umfeld der Monroe. Diese Leute hört man in der Doku sprechen. Das ist der gravierendste Unterschied zum Buch.

Die Doku fügt der Geschichte der Monroe nichts Neues hinzu

Das Bild des Stars und seiner großen Lieben bleibt in dieser Doku dasselbe. Arthur Miller, der Dichter an ihrer Seite, hatte viel Kopf und null Herz. Die Kennedy-Brüder, Bobby wie John Fitzgerald, erscheinen von ihren Gemächten gesteuert darauf aus, die begehrteste Frau der Welt in Besitz zu nehmen. Als die angeblich „linksgerichtete“ Darstellerin gegenüber als kommunistisch gesinnt geltenden Gesprächspartnern möglicherweise aus dem Nähkästchen plaudert, lassen die Kennedys sie fallen. Die Party ist vorbei.

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Und die Monroe, die schon in ihrer Jugend Opfer sexueller Gewalt wurde, fühlt sich missbraucht und weggeworfen „wie ein Stück Fleisch“. Cooper erzählt von einer einsamen Frau, die sich im toxischen Hollywood behaupten musste, die Geborgenheit suchte und Menschen fand, die zuvörderst an sich selbst dachten. Dazu passen die Bilder der Schönheit, das umwerfende Lächeln, in das sich gegen Ende des Strahlens verlässlich eine Nuance Traurigkeit mischte. Die Bilder feiern die Monroe in Filmausschnitten. Und sie zeigen Bilder mit enttäuschten Augen. „I had you, fame – so long!“ hört man Marilyns Stimme.

Der Gag mit lippensynchron sprechenden Darstellern nervt

Sonst nervt die Machart. Immer wieder werden Summers’ Kassetten in den Kassettenrekorder eingelegt, werden Bänder mit dem Stift gestrafft, wird der Startschalter gedrückt. Endloses Kreisen. Und dann hört man die Stimmen der Haushälterin, diverser seltsamer Detektive, von Setleuten, man vernimmt das Denglisch von Regisseur Billy Wilder, der mit ihr gleich zwei Filmklassiker drehte – „Das verflixte 7. Jahr“ (1955) und „Manche mögen’s heiß“ (1959) und die Stimme ihrer Kollegin Jane Russell aus „Blondinen bevorzugt“ (1953). Manches ist interessant, anderes weniger. Zu den Originalstimmen werden Schauspieler bemüht, die optisch in eine merkwürdige Weichzeichnersuppe getaucht werden und lippensynchron sprechen. Diese optische Dreingabe ist höchst albern, wirkt am Ende auch akustisch wie eine Fälschung.

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Wer „Goddess“ nicht kennt – Autor Summers schließt eine direkte Ermordung der Monroe im Auftrag der Kennedys aus. Er ist kein Verschwörungstheoretiker, der sich im Fantastischen verliert. Entweder sei die tödliche Schlafmitteleinnahme im August 1962 versehentlich oder in suizidaler Absicht geschehen. Die Todesumstände, da ist er sich aber sicher, seien vertuscht worden, und am Niedergang des leuchtenden Sterns lässt er die Kennedys nicht aus der Mitverantwortung. Am Tag vor ihrem Tod sei Justizminister Robert Kennedy bei ihr gewesen und habe sie „in einen fürchterlichen Gemütszustand“ versetzt.

Die Mutmaßung: Die Welt hätte die Monroe behalten können

Wir hätten die Monroe noch gehabt, diese charismatische Schauspielerin, die mit dem Drama „Nicht gesellschaftsfähig“ (1961) ins Charakterfach gewechselt war. Es hätte weitere Filme gegeben, wenn nicht ein paar Männer Kontrolle über ihre Libido gehabt hätten und die Welt nicht als Party verstanden hätten, in der alle für die Mächtigen Musik machen. Das legt uns der Film nahe. Auch das keine wirklich neue Mutmaßung.

Die vielen Bilder der „Göttin“ verhindern in dieser Zurschaustellung alten Wissens, dass man sich um 100 Minuten Zeit betrogen fühlt. Und man hofft auf das für dieses Jahr angekündigte Monroe-Biopic „Blonde“ von Andrew Dominik („Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“). Als „Wasserfall der Bilder und Events“ mit wenig Dialog hat der neuseeländische Regisseur seinen Film mit Ana de Armas in der Monroe-Rolle angekündigt. Das ist nach all dem Gerede dieser Doku fast schon eine gute Nachricht.

„Mysterium Marilyn Monroe: Die ungehörten Bänder“, Doku, 101 Minuten, Regie: Emma Cooper, Doku (streambar bei Netflix)

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