Pläne werden konkreter

CNN in Hamburg? ARD baut Tagesschau 24 zum echten Nachrichtensender aus

Die Tagesschau soll aus Leipzig senden: Der Leipziger CDU-Politiker Andreas Nowak fordert 30 Jahre nach der Wiedervereinigung den Umzug der ARD-Hauptnachrichtensendung aus Hamburg.

Der Regieraum der Tagesschau.

Zwanzigeinhalb Jahre ist es her, da erlebte die Welt ein großes und die ARD ein kleines Trauma: In New York brannten die Türme des World Trade Centers. Der Planet hielt den Atem an. Sondersendungen auf allen Kanälen. Nur in der ARD grasten geruhsam Elefanten in der Savanne. Niemand fühlte sich hierarchisch kompetent genug, den nachmittäglichen Tierfilm zu unterbrechen. In Washington saß USA-Korrespondentin Patricia Schlesinger auf heißen Kohlen, doch sie konnte nicht live auf Sendung gehen. Wegen der Elefanten.

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Heute ist Patricia Schlesinger Intendantin des RBB und seit kurzem auch Vorsitzende der ARD. Das Renommierprojekt ihrer zweijährigen Amtszeit soll die Verwirklichung eines Planes werden, der spätestens seit 2001 durch die Gänge der ARD-Anstalten wabert – und mit der russischen Invasion in der Ukraine neue Dringlichkeit erhalten hat: Der Schwestersender Tagesschau 24 soll ein vollwertiger Nachrichtenkanal werden. Oder wie es bei der ARD heißt: die „erste Adresse für nationale und internationale Breaking-News-Lagen“. Als Vorbilder ist immerhin von BBC News, France 24 und CNN die Rede.

„Eine Investition in die Zukunft“

Der Ausbau sei „eine Investition in die Zukunft“, sagt Schlesinger. „Denn damit stärken wir die Informationskompetenz und Legitimation der gesamten ARD.“ Geplant seien vor allem mehr schnelle Livegespräche mit den mehr als 100 ARD-Korrespondenten in aller Welt, sagt Marcus Bornheim, Erster Chefredakteur von ARD aktuell – der beim NDR in Hamburg angesiedelten ARD-Nachrichtenredaktion, die für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ zuständig ist. Ziel sei es, „die Menschen zu Augen- und Ohrenzeugen zu machen“.

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„Wir stärken die Legitimation der gesamten ARD“: Patricia Schlesinger, ARD-Vorsitzende und Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB).

„Wir stärken die Legitimation der gesamten ARD“: Patricia Schlesinger, ARD-Vorsitzende und Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB).

Der aufgewertete Newskanal soll mittelfristig durchgehend Nachrichten senden und auf größere Ereignisse sofort reagieren. Dafür gibt es weniger Wiederholungen, praktisch keine Dokumentationen mehr, mehr Schalten und mehr regionale Berichterstattung – und zwar auch bei Nachrichten „unterhalb der Aufgreifschwelle des Ersten“, wie das im anstaltsüblichen Bürokratendeutsch heißt. Nur in höchstpriorisierten Fällen soll (wie bisher auch) das ARD-Programm unterbrochen werden.

Der „Brennpunkt“ ist von den Plänen unberührt. Zuliefern sollen auch die neu definierten und altvertrauten „Kompetenzzentren“ der Senderfamilie wie das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, die Wirtschaftsredaktion in Frankfurt, das Bildungs- und Wissensportal in München, das neue Kulturportal in Weimar und die „Sportschau“ in Köln.

Kein Extrageld für den Ausbau von Tagesschau 24

Finanziert werden soll das Projekt durch Umschichtung vorhandenen Geldes. „Crossmedial“ und „kostenneutral“ – so heißen die Zauberwörter. Es wäre dem Beitragszahler auch kaum zu vermitteln, dass 27,7 Milliarden Euro – das ist der Finanzbedarf von ARD und ZDF für die nächsten vier Jahre – nicht genügen sollten, einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender zu stemmen, der diesen Namen tatsächlich verdient. Laut Plan liegt der Jahresetat nur bei etwas mehr als 13 Millionen Euro. Nicht eingerechnet sind aber die diversen Zulieferungen der Landesrundfunkanstalten.

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Immer wieder muss sich die ARD anhören, als milliardenschweres Vollprogramm zu spät, zu knapp oder zu unkonzentriert auf „Breaking News“ zu reagieren. Beispiele, bei denen es zuletzt hakte, waren etwa die Flutkatastrophe im Ahrtal, der Sturm auf das US-Kapitol im Januar 2021, der Putschversuch in der Türkei vor fünf Jahren und der Brand von Notre-Dame. Schlesinger nimmt die Kritik an. „Als bekennender Newsjunkie finde ich: Es wird höchste Zeit, dass das wirtschaftlich stärkste Land Europas den Nachrichtenkanal bekommt, den es verdient“, sagte sie dem „Handelsblatt“. Nach einem Jahr wird evaluiert.

Bis 2024 soll das Projekt vollzogen sein. Putins Invasion der Ukraine befeuert den Plan: Schon jetzt testet Tagesschau 24 neue Laufwege und neue Herangehensweisen. Es muss nicht mehr immer eine TV-Kamera sein, manchmal genügt auch ein iPhone.

Die Idee ist nicht ganz neu

Ein öffentlich-rechtlicher, nationaler Nachrichtensender? Die Idee ist nicht neu: 2016 zürnte ARD-Nachrichtenveteran Ulrich Deppendorf im Gespräch mit dem Medienexperten Daniel Bouhs, es sei ihm „ein Rätsel, warum wir es nicht schaffen, ein 24-Stunden-Nachrichtenprogramm hinzubekommen. Andere schaffen das. Es gibt in Spanien 24-Stunden-Kanäle, in Italien, in Polen.“ Und 2019 sagte Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, dem Evangelischen Pressedient, ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender sei „herzlich willkommen“. Dreyer ist auch Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, die über die Medienpolitik entscheidet.

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Beitragsfinanzierte Konkurrenz? Das wird man bei RTL und beim Springer-Verlag verschnupft zur Kenntnis nehmen. Beide wollen ihre Ableger N‑TV (Marktanteil 1,1 Prozent) und Welt TV (1,2 Prozent) trotz diverser Dokus über „Die schwersten Maschinen der Welt“, die letzten Rätsel der Geschichte oder „Hitlers Helfer/Familie/Vertraute/Hunde/Hobbys/Geheimwaffen“ durchaus als Newssender verstanden wissen. Auch Bild TV zählt Springer zum Genre, obwohl der krawallige Cousin von Welt TV einen sehr schlechten Start hatte und bei der Reichweite immer mal unter der Wahrnehmungsschwelle landete. Offizielle Quote an diesen Tagen: 0,0 Prozent.

Und was wird dann aus Phoenix?

Bei der ARD weiß man, dass das Wildern in privatwirtschaftlichen Gefilden verlässlich Ärger birgt. Man gibt sich aber selbstbewusst: Der Staatsvertrag, der ARD-Auftrag also, sehe Tagesschau 24 (das früher Eins Extra hieß) durchaus als „Nachrichtensender“ vor. Nur ist er das bisher eben nicht. Schlesinger bemüht gern eine gastronomische Analogie, um die Lage zu illustrieren: „Wir haben das Besteck schon in der Schublade“, sagt sie. „Wir müssen es nur auf den Tisch packen, richtig hinlegen und damit essen.“

Und was passiert dann mit Phoenix? Der gemeinsam mit dem ZDF betriebene „Ereigniskanal“ soll nicht abgeschaltet werden. Das ZDF zeigt kein Interesse an einem gemeinsamen Nachrichtensender. Die Abgrenzung werde in Zukunft wie folgt aussehen, heißt es bei der ARD: Planbares soll weiter bei Phoenix laufen – also Bundestagsdebatten oder Parteitage, dazu Dokus und Talks. Für Aktuelles sei Tagesschau 24 zuständig. Allerdings gibt es auch dort Talks. Und vereinzelt Dokus. Es ist eine typische, wachsweiche ARD-Konsenslösung. Fraglich, ob am Ende auch die Zuschauer den Beschlüssen der Fernsehfunktionäre folgen mögen.

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