Kieler „Tatort“ läuft am Sonntag

Axel Milberg: „Mit 70 werde ich keinen ‚Tatort‘ mehr drehen“

Axel Milberg spielt seit fast 20 Jahren im Kieler „Tatort“ den Kommissar Klaus Borowski.

Axel Milberg spielt seit fast 20 Jahren im Kieler „Tatort“ den Kommissar Klaus Borowski.

Herr Milberg, in dem neusten Kieler Tatort „Borowski und der Schatten des Mondes“ geht es um eine junge Tramperin, die später tot aufgefunden wird. Auch der junge Klaus Borowski hat in dem Film vor, zu trampen. Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen damit?

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Milberg: Ich bin selten getrampt, eigentlich nur in Notsituationen. Ich fuhr gerne Auto, liebte dabei die Unabhängigkeit von allem und jedem. Per Anhalter? Also zum Beispiel, wenn ich irgendwo liegen geblieben bin. Ich erinnere mich, als ich mit meinem Sohn einmal in Irland war und wir mit unserem Hausboot auf eine Sandbank geraten sind. Wir mussten uns dann vom Beiboot, es war ziemlich stürmig, ans Ufer treiben lassen und haben uns dann mitnehmen lassen. Das war eine wunderbare Begegnung. Ich selbst nehme, wenn‘s geht, schon mal Leute mit.

Wie suchen Sie die Tramper aus?

Milberg: Blickkontakt. Körpersprache. Ich bin neugierig, frage meistens viel. Das letzte Mal hatte ich einen Franzosen aus Lyon mitgenommen, armenische Vorfahren, war Informatikstudent. Er wollte hoch bis Norwegen. Aber nächste Station war Leipzig. Da hatte er Freunde. Bis dahin nahm ich ihn mit.

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Bei Deutschen ist es vielleicht manchmal etwas schwierig, die meisten erkennen Sie bestimmt sofort, oder?

Milberg: Louis fragte mich auch, was ich sonst so mache. „Acteur“, sagte ich, Schauspieler. Aber für jemanden, der nicht in Deutschland lebt, hat man natürlich keine gemeinsame Geschichte. Trotzdem, er fand‘s cool. Bei deutschen Trampern ist es schon anders, wir machen dann ein Selfie oder so.

Der Krimi spielt Anfang der Siebzigerjahre. Wie sind denn Ihre Erinnerungen an die Zeit?

Milberg: Für das „Love and Peace“-Festival, das im Film ja auch vorkommt, war ich noch viel zu klein. Aber auf der Kieler Woche gab‘s ja auch Musik, auf der Freilichtbühne. Mit Heavy Metal konnte ich weniger anfangen, aber Procol Harum und die Beatles hörte ich viel.

Ihr Sohn August spielt den kleinen Borowski. Es ist seine erste Rolle im Fernsehen, wie kam es überhaupt dazu?

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Milberg: Der Produzent von Studio Hamburg hatte das vorgeschlagen, mich traf das ganz unvorbereitet. Uns war dann aber wichtig, dass er erstmal das normale Casting durchläuft. Wir wussten ja nicht, ob er das überhaupt kann und ob es passt. Er hatte dann zwei Termine und schaffte das – wir vereinbarten aber, dass er an mehreren Wochenenden Schauspielcoaching nimmt. Das hat er getan. Für mich war dann die schwierigste Aufgabe, dass ich die Klappe halte. Dass ich nicht ständig Zuhause so etwas sage wie: „Zeig mal, wie das aussieht, wenn du Angst hast“. Ich musste mich wirklich beherrschen, mich nicht einzumischen. Und zum Glück hat er es auch ohne meine Tipps bezaubernd gemacht.

Ich musste mich wirklich beherrschen, mich nicht einzumischen. Und zum Glück hat er es auch ohne meine Tipps bezaubernd gemacht.

Axel Milberg über den Dreh mit seinem Sohn

Wenn man als Sohn eines bekannten Schauspielers seine erste Rolle annimmt, steht man sicherlich besonders im Fokus.

Milberg: Dachte ich auch. Absolut, schrecklich. Deswegen wollte ich das auch lange nicht, wir haben ihn ja sein ganzes Leben lang total aus der Öffentlichkeit rausgehalten. Nun aber ist er 18 und kann das selber entscheiden. Es spricht auch nichts dagegen, wenn er gerne Schauspieler werden möchte. Auf der Dispo stand trotzdem nur „August“, der Name Milberg tauchte dort nirgends auf.

Am Set wusste also niemand von dem Verwandtschaftsgrad?

Milberg: Ich glaube nicht. Das hatte sich die kluge Produktion so überlegt. Wir wollten ja einfach keine Presse während des Drehs, er sollte erstmal in Ruhe seine Arbeit machen.

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Sie erzählten bereits, dass sie im Vorfeld keine Tipps gegeben haben. War das am Set auch so?

Milberg: Absolut, ich war gar nicht dabei. Ich bin unruhig in der Nähe auf und ab gegangen (lacht). Wir sind nur nach Drehschluss zusammen ins Hotel gefahren.

Wie ist das Fazit ihres Sohnes – kann er sich eine Zukunft in der Schauspielbranche vorstellen?

Milberg: Interessant fand ich zunächst einmal, was er danach sagte. Er meinte: „Papa, ich finde das ganz besonders, dass sich hier alle so auf eine Sache konzentrieren. Die von der Garderobe, die vom Ton, die von der Maske – alle sind auf das Herstellen eines Bildes konzentriert.“ Darüber hat er abends am meisten gesprochen. Wir hoffen jetzt erstmal, dass er im Mai seinen Schulabschluss in München macht und dann sehen wir weiter. Er interessiert sich für viele Dinge, aber wir können ihm noch keinen konkreten Berufswunsch entlocken.

Werden sie den Tatort zusammen schauen?

Milberg: Auf jeden Fall. Er hat ihn auch noch nicht gesehen.

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Es gibt eine Szene, in der Klaus Borowski sagt: Ich halte jeden Menschen für einen potentiellen Mörder. Würden Sie die Aussage so unterschreiben?

Milberg: Nein. Nicht jeder. Was man aber heute weiß, ist, dass sich narzisstische Störungen und auch Gewaltbereitschaft früh entwickeln. Wer als Kind keine Empathie kennengelernt hat, Empathie ist das Entscheidende, Mitgefühl, und nicht ernst genommen und respektiert wurde als ein kleines Individuum, kann in manchen Fällen später einen Hass entwickeln, oder einen Zwang, andere zu kontrollieren und zu beherrschen. Das kann dann auch tödlich enden.

Wenn man sich in seinem Job so viel mit Kriminalität auseinandersetzt, wird man dann wachsamer oder vorsichtiger?

Milberg: Ja, schon. Ich nenne mal ein harmloses Beispiel, das Gespräch soll ja nicht zu düster werden. Ich hatte an einem Sommertag mein Portemonnaie verloren und habe dann wie jeder natürlich überlegt, wo ich es verloren haben könnte. Im Auto, im Restaurant, im Haus, in den Hosentaschen, also kurzum, ich habe es schließlich mit meinen Zehen im Schlick eines Sees ertastet, weil ich nach der Rekonstruktion eines langen Tagesablaufs eine etwa vier Quadratmeter große Stelle als möglichen Verlustort identifizieren konnte. Das fand ich irre. Ich glaube: Da hat mir echt die polizeiliche Befragungstaktik geholfen. Als Selbstbefragungstechnik: Wo war ich eigentlich? Wo hatte ich es noch? Wann habe ich eine Bewegung gemacht, wo es mir aus der Tasche gefallen sein könnte? Nichts ist zufällig, man kommt immer drauf, wenn man sich nur lange genug fragt.

Borowski gibt beim Ermitteln zunächst nicht zu, dass er damals in den Fall persönlich involviert war. Er bricht also mit polizeilichen Vorschriften. Wird ein Kommissar nahbarer, wenn er sich auch mal nicht an die Regeln hält?

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Milberg: Ich finde ja. Die Abweichung von dem, wie es offiziell zu sein hat, ist spannender. Das ist ja auch unser täglicher Kampf. Man macht sich allerdings nicht immer beliebt bei der echten Polizei, die schütteln dann den Kopf. Sie leisten ja auch Außergewöhnliches und haben Sorge um ihr Ansehen. Aber wir erzählen ja Erfundenes, Ausgedachtes. Ich finde den inneren Kampf eines Polizisten, der ja auch ein Mensch ist, immer interessant. Seine Wut, sein Frust, seine Angst.

Wie ist denn das Feedback der echten Polizei auf Borowski?

Milberg: Ich bin mit Sibel Kekilli mal Ehrenkommissar von Sachsen geworden, das ist erstmal ein gutes Zeichen. Mit Christian Schwochow, für „Himmel über Kiel“. Aber ich denke, man kann es nicht allen recht machen. Wenn zum Beispiel in einem „Tatort“ der Architekt der Mörder ist, dann schreibt uns die Architektenkammer. Wenn der Bauer der Mörder ist, der sogar noch Crystal Meth konsumiert haben soll, schreibt uns der schleswig-holsteinische Bauernverband. Irgendein Politiker hat sich neulich auch zum Kieler „Tatort“ geäußert und meinte, dass das in Schleswig-Holstein nicht alles so düster sei, wie wir es zeigen und dass die Gastronomie schon drunter leide. Es möchte also eigentlich, dass wir für die Tourismusbranche drehen – crazy, das ist ja gar nicht unsere Aufgabe. Da sollte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Zensur verbitten. Da muss man dran erinnern: Freunde, das hier ist was Erfundenes und hoffentlich spannende Unterhaltung – mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Würden Sie einen Rosamunde Pilcher-Film drehen, wäre es wohl leichter, die Landschaft in den Fokus zu rücken.

Milberg: Oh ja. Und wie oft haben wir gesagt: wir drehen im Frühling – und dann war Dauerregen. Relativ extrem war das bei „Borowski in der Unterwelt“, vor 15 Jahren. Da war sonniger Frühling, die Rapsfelder leuchteten – und dann hatten wir ein Drehbuch, das uns zwang, fünf Wochen in der Kanalisation zu drehen. Einmal hob ich einen Gullydeckel, da sah ich auf gelbe Felder.

Sie spielen mittlerweile fast 20 Jahre Klaus Borowski. Sind sich Axel Milberg und Klaus Borowski über die Jahre ähnlicher geworden?

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Milberg: Früher hab ich immer behauptet: 86 Prozent von Borowski sind von mir. War ein Spaß. Ehrlich, ich weiß es nicht. Natürlich ist eine gewisse Ähnlichkeit – meine Stimme, mein Körper, ich verstelle auch meinen Gang nicht. Aber ich denke, ich bin mitteilsamer und flexibler. Doch die Figur ist mir inzwischen ähnlicher geworden. Früher war Borowski ein scheuer Einzelgänger, mittlerweile ist er mehr ein scheuer Teamplayer, wie ich selbst. Wir fanden immer, dass die Co-Ermittlerin eine kluge Frau ist, die nicht von Borowski dominiert wird. Man kennt das von anderen Ermittlerduos. Man sprach auch von der „Assistentin“, aber sowas gibt es auch bei der Polizei nicht, wir beide müssen auf Augenhöhe sein. Sonst hat das so was Abfälliges.

Gerade erst hat Anna Schudt nach zehn Jahren ihre „Tatort“-Karriere beendet. Was hält sie nach so lange Zeit noch bei der Stange?

Milberg: Jeder einzelne Film ist so unterschiedlich. Fast immer inszeniert eine andere Regisseurin, ein anderer Regisseur, mit verschiedenen Autoren und Autorinnen, unbekannte Kolleginnen und Kollegen. Ich habe daher nie das Gefühl, dass ich Teil einer Reihe bin. Gemein haben die Filme alle nur den Ermittler Borowski, die Dachmarke „Tatort“ und vielleicht noch meinen roter Volvo. Und inzwischen Almila.

In vier Jahren werden Sie 70. Werden Sie dann auch noch für den „Tatort“ drehen?

Milberg: Nein, mit 70 werde ich sicher keinen „Tatort“ mehr drehen. Ich stelle mir vor, dass zwar dafür die sogenannte ‚Distanzwaffe‘ eingeführt wurde, damit der ältere Polizist dem Verbrecher nicht hinterher rennen muss (lacht). Aber im Ernst: Ich habe in meinem Leben so viele schöne andere Projekte vor, dafür muss ich mir dann auch die Zeit nehmen.

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