Weibliche Selbstermächtigung

„A League of Their Own“-Remake: Baseballerinnen auf dem Weg zur Selbstbestimmung im prüden Amerika

Die „A League of Their Own“-Schauspielerinnen und -Schauspieler in Los Angeles: (von links) Rosie O’Donnell, Abbi Jacobson, Maybelle Blair, Will Graham, Desta Tedros Reff, Chanté Adams, Kelly McCormack und Melanie Field.

Die „A League of Their Own“-Schauspielerinnen und -Schauspieler in Los Angeles: (von links) Rosie O’Donnell, Abbi Jacobson, Maybelle Blair, Will Graham, Desta Tedros Reff, Chanté Adams, Kelly McCormack und Melanie Field.

Wie sich Frauen- vom Männersport emanzipieren kann, hat uns zuletzt die EM in England gezeigt: hohe Qualität, toller Spirit, echte Spannung, keine Mätzchen – so sorgte sie schon deshalb für bessere Unter­haltung, weil die Herren der Fußballschöpfung demnächst in einer Diktatur spielen, auch sonst eher an Geld als Moral denken und sich folglich bei jeder Berührung im Gras wälzen. Wie ehrbar, sportlich, stressresilient verglichen damit viele Athletinnen sind, zeigt nun rund zwei Wochen nach der Finalniederlage von Wembley die Amazon-Serie „A League of Their Own“ (ab 12. August streambar) aus längst vergangener Zeit.

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Im Zweiten Weltkrieg kämpfen so viele Baseballer mit Waffe statt Schläger, dass die sportverrückten USA nach Ersatzbefriedigung suchen – und in einer Frauenliga finden. Attraktive, tugendhafte, weiße, talentierte junge Damen sollen (in exakt dieser Reihenfolge) den Ausfall der mythisch verklärten Major League kompensieren und parallel als Werbeflächen zahlungswilliger Sponsoren wie einem Schokoriegelhersteller aus Chicago dienen, der die Rockford Peaches finanziert.

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Remake erzählt wahre Story eines männlichen PR-Projekts

So heißt Anfang 1943 eins von vier Teams der All-American Girls Professional Baseball League, AAGPBBL „abgekürzt“. Und dass „Peaches“ nicht nur für „Pfirsiche“ steht, sondern auch für Frauen als Sexobjekte, zeigt gut, worum es der Neuverfilmung dieser geschichtlich verbrieften Sportepisode geht: „A League of Their Own“, 1992 zum Blockbuster der Feelgood-Ära mit Hintersinn geadelt, erzählt im Serienremake 2022 die wahre Story eines männlichen PR‑Projekts, das sich unverhofft zum Ereignis weiblicher Selbstermächtigung mausert.

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Während Penny Marshall sie damals am vermeintlichen Beginn einer Epoche ewiger Glückseligkeit als Clipshow drolliger Kulturkämpfe mit Tom Hanks als trunksüchtigem Trainer von Stars wie Geena Davis und Madonna inszenierte, geht Prime Video nicht nur der Länge nach weiter. Übers achtteilige Versmaß hinaus ist die Serie von Showrunnerin Abbi Jacobson und Co‑Autor Will Graham schließlich auch soziokulturell komplexer als Marshalls Kinoversion. Vielleicht ja, weil sie sich selbst in der Hauptrolle besetzt.

Frauen auf dem Weg zur Selbstbestimmung im prüden Amerika

Während deren Gatte noch Nazis besiegen hilft, bewirbt sich ihr burschikoses Landei Carson Shaw um einen Platz im Team der gealterten Baseball-Ikone Dove (Nick Offerman). Und wie sie zu Beginn der Auftaktfolge vom Provinznest Richtung Großstadt aufbricht, zeigt Regisseur Jamie Babbit gleich mal einige jener Barrieren, die Frauen auf dem Weg zur Selbstbestimmung im konservativ-prüden Amerika seinerzeit im Wege stehen. Ein kriegsversehrter GI am Bahnsteig verkörpert den damaligen Bedarf nach Frauen in Männerbastionen auf Zeit.

Seine Gattin ermahnt Carson, für die Chorprobe am Abend zu backen. Im Zug bring ihr sichtbarer BH sodann einen Waggon voll empörter Nonnen, geifernder Soldaten und sittsamer Sitznachbarinnen durcheinander. Und bei der Ankunft präsentiert sich Chicago in karnevalesker Kintopp-Maskerade, als hätte nicht Amazon, sondern das ZDF Belegschaft und Drehort ausgestattet. Wobei dort auch der Rest des Geschehens tief im Schatten von Kostüm und Kulisse stehen würde.

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Geschlechterklischees werden konsequent vermieden

Hier bleibt es das Einstiegsintermezzo einer Tatsachenerzählung, die sich künstlerisch alle Freiheiten nimmt, ohne sie ins Korsett oberflächlicher Publikumserwartungen zu sperren. Das zeigt sich besonders am Personal. Schon auf dem Weg ins Hotel, wo Carson mit Dutzenden anderer AAGPBBL-Anwärterinnen förmlich gecastet wird, trifft sie auf den familientauglichen Vamp Greta (D’Arcy Carden), die ebenso wie die derbe Jo (Melanie Field) vor Selbstbewusstsein nur so strotzt. Mehr noch: Sie alle spielen beim Probetraining richtig gut Baseball.

Im Gegensatz zu Marshalls Fassung zeigen sich diese „Peaches“ also schon beim Warmmachen als Gegenteile der desperaten Losertruppe von 1992, die zwar klasse aussehen, aber erst im Laufe der Serie praktisches Wissen über Eigenvermarktung hinaus erlangen. Und auch sonst vermeidet Jacobson so konsequent Geschlechterklischees, dass sich „A League of Their Own“ als vierhundertminütiger Bechdel-Test zeigt – ästhetisch also an „Manche mögen‘s heiß“ erinnert, dramaturgisch aber „Thelma & Louise“ gleicht. Wie ein Dutzend handlungsrelevanter Frauen jeder Couleur Dinge von Sexismus bis Kapitalismus thematisieren, ohne dass Männer allesamt Knalltüten sind, macht er da auch abseits aller Spannungsbögen beachtlich.

Paralleluniversum einer afroamerikanischen Community

Selbst Carsons Gatte Charly (Patrick J. Adams), der natürlich bald Fronturlaub kriegt, ist kein misogyner Seelenkrüppel, sondern verblüffend sympathisch für jene misogynen Tage. Aber das ist noch nichts gegen die zweite Hauptfigur. Die begabte und schwarze, also doppelt diskriminierte Max dient nicht als Feigenblatt zur Kennzeichnung rassistischer Strukturen; beseelt von Chanté Adams eröffnet sie das Paralleluniversum einer afroamerikanischen Community, in der es durchaus um Ausgrenzung geht, mehr aber noch um Selbst­behauptung marginalisierter Randgruppen in Mehrheitsgesellschaften.

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Für Sport-, Geschichts-, Komödienfans zur Beruhigung: Jacobsons Regisseure lassen schon auch ordentlich Bälle dreschen. Dialoge sind oft von herrlichem Spott. Die Ausstattung ist bei aller Sachlichkeit opulent. Umso heller glänzt „A League of Their Own“ durch die Coming-of-Age-Story einer Generation von Frauen, die lebenslang an der Entwicklung gehindert wurde. Ihre AAGPBBL hielt sich entsprechend nur elf Jahre. So lang, wie dieses Format gern dauern dürfte.

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