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Schloßstraße

Prozess um Messerangriff in Dresden - Gutachter sieht Wiederholungsgefahr

Der Tatort an der Schloßstraße. Hier starb einer der angegriffenen Touristen. Sein Partner überlebte.

Der Tatort an der Schloßstraße. Hier starb einer der angegriffenen Touristen. Sein Partner überlebte.

Dresden. Abdullah A. sagte auch Montag, am sechsten Verhandlungstag im Oberlandesgericht, kein Wort. Der 21-jährige Syrer, der im Oktober an der Schloßstraße einen Mann erstochen und einen zweiten schwer verletzt hatte, schweigt weiter. Nur dem Gutachter Norbert Leygraf, der sich Jahrzehnte mit ideologisch motivierten Straftätern beschäftigte, hatte er von der Tat erzählt.

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Gutachter: Angeklagter voll schuldfähig

Der war deshalb zum Prozessauftakt als Zeuge befragt worden – zum Wochenbeginn ging es um sein Gutachten als Psychiater. Das Ergebnis sieht für den Angeklagten nicht gut aus: schuldfähig, Erwachsenenstrafrecht, Sicherungsverwahrung.

Leygraf kam, entgegen der Meinung einer Haftpsychologin, die dem Angeklagten nur eine verminderte Intelligenz zuerkannte, zu dem Ergebnis, dass Abdullah A. durchschnittlich intelligent und strukturiert ist. Hinweise für eine psychische Erkrankung oder seelische Störung in der Kindheit oder jetzt gebe es nicht, erklärte der Psychiater. Er bescheinigte dem Angeklagten volle Schuldfähigkeit.

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„Das hat er konsequent, geradlinig und zielstrebig umgesetzt."

Zudem sprach er sich für eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht aus. Abdullah A. habe keine reifebedingten Defizite, die für Jugendstrafrecht sprechen würden. Der Angeklagte habe sein Leben auf den Islamischen Staat ausgerichtet und auch nach seiner Verurteilung 2018 als islamistischer Gefährder an seiner ideologischen Überzeugung, dass man Ungläubige töten darf, festgehalten.

"Das hat er konsequent, geradlinig und zielstrebig umgesetzt. Alle Versuche, ihn von seiner radikal-islamistischen Weltsicht abzubringen, scheiterten. In Haft gab es keine Einwirkungen von außen und trotz der vielen Gesprächsangebote hielt er an seiner Einstellung fest. Das spricht eher für einen Erwachsenen als für einen Jugendlichen." Von Sozialarbeitern und Therapeuten war der junge Syrer als offen, nett, freundlich beschrieben worden. Er habe eine positive  Entwicklung genommen, sagt eine Sozialarbeiterin, die ihn in der Jugendhaft 2018/19 betreute. Leygraf hält dies nur für eine Fassade.

Chronik zur Tat

Am Abend des 4. Oktober werden auf der Schloßstraße zwei Touristen angegriffen. Einer der Männer erliegt im Krankenhaus seinen Verletzungen. Dem Täter gelingt die Flucht.

Vier Tage später schalten die Ermittler ein Hinweisportal frei. Am 13. Oktober wird die Sonderkommission „Schloßstraße“  gegründet. Der Fall wird auch im Fernsehen vorgestellt.

Am 21. Oktober dann vermeldet die Sonderkommission Erfolg: Ein 20-jähriger Syrer sei festgenommen worden. Gleichzeitig steht plötzlich ein islamistisches Motiv im Raum. Abdullah H. ist als Gefährder bekannt und einschlägig vorbestraft. Er war nur wenige Tage zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden und stand unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Wenige Tage später erscheint eine Traueranzeige für den Getöteten, es wird klar: Der Angriff  galt einem homosexuellen Paar.

„Er ist kein offenes Buch. Auf mich wirkte er introvertiert und kontrolliert. Vielleicht hat er nur versucht, sich durch die vorgetäuschte Kooperationsbereitschaft Vorteile zu verschaffen. Er hat gemacht, was man von ihm erwartet und sonst sein Leben gelebt.“ Fünf Tage, nachdem Abdullah A. aus der Jugendstrafhaft entlassen wurde, stach er auf die beiden Männer ein. Seine radikal-islamischen Ansichten hatten sich noch verstärkt. Der Psychiater bejahte deshalb auch eine Sicherungsverwahrung.

„Er hat die Tat nicht bereut, er bedauert nur, dass sie nicht vollständig gelang, er sie nicht mit ,starkem Herzen’ ausführte und sich nicht vorher vom IS beraten ließ. Es ist davon auszugehen, dass er bei seiner derzeitigen ideologischen Weltsicht  weitere Straftaten begehen wird.“ Eine Behandlung in einer sozialtherapeutischen Einrichtung sei möglich, brauche aber Zeit.

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Abdullah A. ist ein Einzelgänger und eine zwiespältige Persönlichkeit. Er fühlt sich einsam, hält aber Distanz zu anderen. Auf der einen Seite ist er tief religiös, befürwortet den Dschihad und dass man Ungläubige töten darf – auf der anderen Seite hatte er aber auch Zweifel, tötete aber trotzdem.

Er fürchtete wegen seiner Sünden – Alkohol und Selbstbefriedigung – in die Hölle zu kommen und mied Frauen, wegen der sexuellen Versuchung. Auf der anderen Seite krakeelte er in der Haft, weil es zu wenig Fernsehen gab – vor allem nicht seine Lieblingsserie: „Frauentausch“. Prozess wird fortgesetzt.

Von Monika Löffler

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