Goldene Vergangenheit

Historie des Bobbaus in Dresden

1992 standen in der inzwischen privatisierten Dresdner Bob-Manufaktur in Klotzsche noch Modelle der goldträchtigen „blauen Raketen“ aus DDR-Zeiten.

1992 standen in der inzwischen privatisierten Dresdner Bob-Manufaktur in Klotzsche noch Modelle der goldträchtigen „blauen Raketen“ aus DDR-Zeiten.

Dresden. Mit Bobs aus Dresden haben Wintersportler schon zu DDR-Zeiten bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften Dutzende Medaillen geholt, von 1972 bis 1988 gehörten die ostdeutschen Wintersportler zu den erfolgreichsten Wettkämpfern der Welt. Nach der Wende wurden in Dresden noch bis 2013 Bobs und Kufen für Kunden weltweit hergestellt.

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Ursprünglich baute die DDR bis Mitte der 1970er Jahre Bobs der marktbeherrschenden Italiener nach. Doch weil der Sport Staatssache war, um die Überlegenheit des Systems zu beweisen, beschloss die SED-Parteiführung im Vorfeld der olympischen Winterspiele in Lake Placid 1980, still und leise einen eigenen Bob zu entwickeln. Der sollte ausschließlich den DDR-Sportlern zur Verfügung stehen, selbst die „Bruderländer“ blieben bei dem Projekt außen vor.

Geheimsache Bob

Für die Produktion bot sich die Dresdner Flugzeugwerft an. Hier gab es qualifizierte Fachleute und: Hier wurden Militärmaschinen für den Warschauer Pakt, aber auch für Golfstaaten wie Iran und Irak gewartet und repariert. Also startete in Dresden die Geheimsache Bob. In den zusätzlich gesicherten Hallen inmitten des Hochsicherheitsgeländes experimentierten handverlesene Wissenschaftler und Ingenieure an dem Sportgerät. Alle Beteiligten unterlagen der Geheimhaltung, Notizbücher wurden nummeriert, Türen nach Arbeitsende verplombt.

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Vom Flugzeugbau wurden die strengen Qualitätskriterien übernommen. Sichere Konstruktionen und flugzeugtaugliches, langlebiges Material erwiesen sich als medaillentauglich: In Lake Placid holte Meinhard Nehmer mit dem Vierer Gold, Platz zwei und drei im Zweier-Bob machten die DDR zur erfolgreichsten Bob-Nation der Winterspiele 1980. Siege in Sarajevo und Calgari folgten.

Prestige statt Devisen

Die Idee, die mit dem irre erscheinenden Aufwand von bis zu 300 000 Ostmark finanzierten „blauen Raketen“ aus Dresden in Devisen umzumünzen, gaben die klammen DDR-Strategen Mitte der 1980er wieder auf – das Prestige war ungleich wichtiger.

Die Wende begann verheißungsvoll: „Zur Weltmeisterschaft 1990 in St. Moritz stellten wir unsere Bobs erstmals der Öffentlichkeit vor. Kurz darauf hatten wir gleich 20 Bestellungen im Buch“, erzählt im Rückblick die einstige Chefin der Dresdner Bobmanufaktur, Karola Bräuer. Doch der Euphorie folgte der Katzenjammer: Die Deutsche Aerospace übernahm die Flugzeugwerft und gliederte die Bob-Werkstatt aus. Die Treuhand hielt das werfteigene „Geschäftsfeld Sportgerätebau“ in ihrem Schreiben vom 24. April 1992 für „nicht privatisierungsfähig“, empfahl jedoch als Alternative zur Stilllegung den – möglichst teuren - Verkauf an die interessierte Dienstleistungen Dresden GmbH (DDG).

Neustart trotz Treuhand-Veto

Die Transaktion glückte. DDG-Chef Lothar Schaar, damals Präsident des Altenberger Bobclubs, erwarb den Bobbau, stellte Arbeiter ein und startete im Juli 1992 mit Günter Blankenhagen als Prokurist und Karola Bräuer als Vertriebsleiterin die DDG-Tochterfirma Sportgeräte neu. „Wir konnten die Halle 260 neben dem alten Tower mitsamt den Geräten weiter nutzen, dafür waren wir dem Flugzeugwerke-Chef unendlich dankbar“, erzählt die Geschäftsfrau.

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Noch 1992 bauten acht Mitarbeiter jeweils 20 Zweier- und Viererbobs für 20 000 bis 40 000 D-Mark. Für die Kufen mussten zusätzlich 10 000 Mark berappt werden. Allerdings ging der lukrative Auftrag für den deutschen Bob- und Schlittensportverband Ende der 1990er Jahre an das steuerfinanzierte Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES).

Zweiter Neustart 1995

Obwohl das Geschäft in Dresden brummte, die Nachfrage mit den Erfolgen wuchs, fuhr das Unternehmen drei Jahre später in die Pleite. DDG-Chef Schaar hatte sich 1995 mit der Muttergesellschaft übernommen, die Dresdner waren trotz eigener Schuldenfreiheit mit utopischen zwei Millionen Mark in der Haftung.

Wieder nahte Rettung. Insolvenzverwalter Hans-Jörg Derra ließ sich von den Kontoeingängen der Kunden überzeugen, die mit 30 Prozent in Vorkasse gingen. Als das Amtsgericht den Konkurs beschloss, übernahm der Jurist für eine Woche die Manufaktur und gründete das Unternehmen neu. Stephan Weber, ein bisheriger Zulieferer aus Olbernhau, erwarb die Bobschmiede. Der Betrieb ging weiter. Karola Bräuer hatte die Zügel der neuen „Dresdener Sportgeräte GmbH“ (DSG) als Geschäftsführerin fest in der Hand.

Die Kunden kamen fortan aus aller Welt, die DSG baute nicht nur Vierer- und Zweier-Bobs und ihre einzigartigen Kufen, sie stieg auch ein ins Geschäft mit der Wartung und Reparatur. Und wurde flexibel, was das Geld anging. Sportler und Verbände konnten die Bobs nicht nur kaufen, sondern auch leihen oder leasen.

Nachdem das steuerfinanzierte Berliner Institut für Forschung und Entwicklung (FES) Ende der 1990er Jahre von Staats wegen die Nationalmannschaft betreuen durfte und gut zehn Jahre später staatlich ernannter Kooperationspartner für kleine Bobnationen wurde, gingen den Dresdnern langsam, aber stetig die Kunden aus.

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Zuletzt war Karola Bräuer mit ihrem Meister Lutz Riething allein. Ende 2013 schließlich war Schluss, als aus einem Auftrag über 13 Bobs aus Lettland am Ende drei wurden. Karola Bräuer bezahlte alle Schulden und meldete das Gewerbe zum 31. Dezember 2013 ab.

Seit 1990 hatten die Dresdner 303 Zweier- und Viererbobs für Kunden aus 38 Nationen gebaut. Erst im Januar 2017 war das Auktionsverfahren für die Manufaktur tatsächlich beendet – so lange hatte der Verwalter gebraucht, um auch noch die letzte Maschine zu veräußern.

Von Barbara Stock

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