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Reportage

Fahrkartenkontrolleur: „Wir sind keine Jäger, wir sind Animateure“

Die Fahrscheine bitte: Tagtäglich sind Kontrolleure in Bus und Bahn unterwegs und lassen sich die Tickets der Fahrgäste zeigen.

Die Fahrscheine bitte: Tagtäglich sind Kontrolleure in Bus und Bahn unterwegs und lassen sich die Tickets der Fahrgäste zeigen.

Dresden.Gut gelaunt betritt Markus Fink* die Straßenbahn. „Guten Morgen, die Fahrausweise bitte“, sagt er, sobald die Bahn sich in Bewegung gesetzt hat. Er lässt sich im vorderen Teil der Bimmel die Fahrscheine zeigen, sein Kollege Johannes Berger* arbeitet sich derweil durch den hinteren Teil. Ein älterer Herr zeigt Fink seinen Fahrschein. „Aha eine Familienkarte“, sagt Fink. „Und die Dame da wollen sie mitnehmen?“, fragt er mit einem Zwinkern und deutet auf die Sitznachbarin, offenbar die Ehefrau. „Ja, muss ich“, antwortet der Senior und das Trio lacht kurz. „So habe ich das am liebsten“, sagt Fink nach der Kontrolle. Da sind er und sein Kompagnon Berger schon wieder ausgestiegen – bereits an der nächsten Haltestelle, weil es in der Straßenbahn keine Beanstandungen gab.

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Die Abo-Monatskarten werden mit einem speziellen Gerät elektronisch gelesen.

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Das ist um diese Tageszeit nicht unüblich. Gegen Mittag haben sich Fink und Berger gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Fahrausweisprüfern der heutigen Spätschicht auf dem Gelände der Firma Götz, die seit Mitte der 1990er im Auftrag der Dresdner Verkehrsbetriebe in Bus und Bahn kontrolliert, in Kaditz in Bewegung gesetzt. Bis gegen 22 Uhr werden sie unterwegs sein. „Wenn die Leute von der Arbeit kommen und der Unterricht beendet ist, werden wir am meisten Leute ohne oder mit ungültigen Fahrausweisen erwischen“, weiß Fink aus Erfahrung. Nachmittags und in den frühen Morgenstunden vor Arbeits- und Schulbeginn sei das häufig so. „Eine Schicht ohne Schwarzfahrer hatte ich noch nie“, sagt Fink. „Hätte ich aber gern mal.“

Fingerspitzengefühl bei Kindern und Touristen

Aus dem Traum wird bei dieser Runde nichts. In der nächsten Straßenbahn haben Touristen die Beförderungsbedingungen nicht so genau gelesen. Drei Erwachsene teilen sich eine Familienkarte – einer zu viel. Außerdem haben zwei Mädchen tief ins Gespräch vertieft die Bahn betreten. Als Fink sie aus ihrem Dialog reißt, der Schreck: Sie haben das Entwerten vergessen. Da beide Fälle glaubhaft scheinen, belassen es Fink und Berger ausnahmsweise bei einer Belehrung. „Gerade wenn es um Kinder und Touristen geht, agieren wir mit Fingerspitzengefühl“, sagt Fink. Wenn sich die Fälle häufen, habe die Toleranz jedoch rasch ein Ende. Ein Anspruch darauf besteht nicht.

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Wie oft ein Fahrgast keinen Fahrschein hatte, kann jeder Kontrolleur auf seinem mobilen Datenerfassungsgerät sehen. Manchmal tauchen dort auch Zahlen im hohen zweistelligen Bereich auf – es gibt eine kleine, aber hartnäckige Schwarzfahrergemeinde in Dresden (siehe Typologie). Mit so einem Fall bekommt es Fink in der nächsten Bahn zu tun. Ein junger Mann hat nichts dabei, nennt erst einen falschen Namen und als Fink nachbohrt, seinen richtigen. Routiniert wickelt der Kontrolleur die Dateneingabe ab, gibt dem jungen Mann einen Beleg. Wie geht es nun weiter? „Da ist schon ordentlich etwas zusammengekommen“, sagt Fink. „Wie es weitergeht, wissen wir nicht, das ist Sache der DVB“, fügt er an.

Schwarzfahren ist eine Straftat

Die Verkehrsbetriebe müssen bei jedem Fall entscheiden, ob sie eine Anzeige stellen. Denn Schwarzfahren ist eine Straftat. Bei Fahrgästen, die mit gefälschten Fahrscheinen erwischt werden, gibt es keine Kulanz. Sie werden angezeigt. So ist es auch mit Schwarzfahrern, die wiederholt ertappt werden.

Fink ist seit zehn Jahren als Kontrolleur unterwegs. Wie findet er den Beruf? „Man ist viel unterwegs und die meisten Begegnungen mit Menschen sind erfreulich“, sagt er. Dann wird er nachdenklich. Er denkt an den jungen Mann in der Bahn. „Ich behalte eigentlich nur die Gesichter von denen, bei denen irgendetwas nicht stimmt und mit denen ich deshalb länger zu tun habe“, sagt er. Den erwischten Schwarzfahrer kennt Fink entsprechend vom Sehen. „Der Mann sieht von mal zu mal schlechter aus. Leider können wir ihm nicht helfen.“

Ihren richtigen Namen wollen die beiden nicht verraten: Der Job als Kontrolleur ist nicht immer ungefährlich.

Ihren richtigen Namen wollen die beiden nicht verraten: Der Job als Kontrolleur ist nicht immer ungefährlich.

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Üble Geschichten und viel Halbwahrheiten

Viele trauen Kontrolleuren so viel Menschlichkeit nicht zu. Es kursieren einige üble Geschichten und viel Halbwahrheiten, die als urbane Mythen nicht tot zu kriegen sind. Zeit, damit aufzuräumen: Nein, Kontrolleure bekommen keine Kopfprämie für erwischte Schwarzfahrer. Sie werden nach Stunden bezahlt. Fink arbeitet nicht nur an den beiden Tagschichten, sondern auch nachts und am Wochenende.

Ja, Kontrolleure dürfen Schwarzfahrer auch gegen deren Willen festhalten. Und das so lange, bis die Polizei eintrifft.

Nein, es bringt nichts, aus der Straßenbahn zu huschen, wenn man einen Kontrolleur an der Haltestelle erkannt hat. Denn auch dort darf er die Fahrausweise in Augenschein nehmen von Fahrgästen, die aus der Bahn kommen.

Und nein, es finden keine Schwerpunktkontrollen in einzelnen Linien statt. Das Liniennetz ist in Kontrollbereiche eingeteilt, in denen jeweils eine Gruppe Fahrausweisprüfer unterwegs ist. Die Bereiche überschneiden sich, so ist eine Ticketkontrolle nicht vorhersehbar.

Jährlich drei bis vier Millionen Euro Verlust durch Schwarzfahrer

Szenenwechsel: Ein Büroraum im Bushof Gruna. „Wir sind keine Jäger, wir sind Animateure“, sagt Falk Prove, auch er ein langjähriger Kontrolleur. Vor ihm sitzen fünf junge Menschen, und blicken ihn fragend an. „Wir animieren die Leute dazu, sich einen Fahrschein zu kaufen“, löst er auf. Die Gesichter der Fünf lichten sich. Sie sind heute hier, um sich zu Fahrausweisprüfern ausbilden zu lassen. Das kann jeder werden, der über eine Berufsausbildung verfügt und den Lehrgang absolviert.

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Der markige Animateurspruch soll dem Kontrolleursnachwuchs verdeutlichen, worum es geht: Ohne Kontrollen würde die Quote an Schwarzfahrten sprunghaft ansteigen. Sie liegt seit Jahren zwischen 2 und 2,5 Prozent und ist nicht gestiegen. Das ist auch ein Verdienst der Kontrolleure. Hochgerechnet entgehen den Verkehrsbetrieben durch Schwarzfahrer jährlich drei bis vier Millionen Euro – zu Lasten der Allgemeinheit.

„Die meisten Menschen sind freundlich“

Prove und sein Kollege Bastian Hauffe legen sich ins Zeug, um den Nachwuchs für die letzte Prüfung vorzubereiten. Sie zeigen gefälschte und manipulierte Fahrausweise, erläutern das Tarifsystem, geben Werte weiter. „Wir sagen bitte und danke und behandeln alle Menschen gleich“, sagt Prove etwa. Im Anschluss an den Lehrgang fahren die Absolventen einige Wochen als stille Begleiter bei erfahrenen Kollegen mit. „Es dauert etwa ein Jahr, bis man jeden Fahrschein einmal gesehen hat, es gibt gerade bei Kombi-Tickets viele Varianten“, sagt Fink.

Das wichtigste sei aber Menschenkenntnis, auch aus Selbstschutz. Viele Kontrolleure haben schon mal Gewalt erlitten, die meisten weil sie unvermittelt angegriffen wurden. „Bei mir war es einer, der sah aus wie ein Studienrat. Bei Gruppen von Punkern und Hooligans habe ich immer aufgepasst, aber dass der plötzlich zugeschlagen hat, hat mich überrascht“, sagt Hauffe. Dennoch ist er im Anschluss wieder auf Tour gegangen. „Die meisten Menschen sind freundlich“, sagt er. So wie er und seine Kollegen das viel lieber haben.

*Namen geändert

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Schwarzfahrertypologie

Die Überzeugungstäter: Sie könnten sich locker ein Ticket kaufen, wollen das aber nicht – aus Prinzip. Die meisten von ihnen fahren schwarz, weil sie auf diese Weise für einen kostenlosen ÖPNV streiten wollen – ein kaum wahrnehmbarer und daher wirkungsloser Kampf. Sie haben in aller Regel das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro passend dabei und bezahlen es brav, sobald sie erwischt werden.

Die Bastler: Diese deutlich größere Schwarzfahrergemeinde zeigt sich kreativ: Sie greift zu Tipp-ex, Radierer, Kopierer, Schere, Klebeband und Stift, um Einzelfahrten zu Monatskarten umzurubeln oder einzelne Tickets ungezählte Male abzufahren. Der Einfallsreichtum ist groß, das handwerkliche Talent hält einer Prüfung durch den geübten Kontrolleursblick jedoch meist nicht stand. Alle Altersgruppen sind vertreten. Eine Untergruppe sind Schwarzfahrer, die sich beim Lochen geschickter Handfertigkeiten bedienen, die hier nicht näher erläutert werden sollen. Aufgeflogene Bastelarbeiten werden von den DVB grundsätzlich angezeigt.

Die Vergesslichen: Vom Durchschnittsalter her die jüngste Gruppe, weil besonders viele Schüler darunter sind. Die Monatskarte zu Hause vergessen, das Ticket ungelöst in der Hosentasche – diese zumeist glaubhaften Entschuldigungen bekommen Kontrolleure vor allen von ihnen zu hören. In diese Gruppe sortieren sich auch Touristen ein, die beispielsweise in ihrer Heimatstadt gekaufte Tickets in der Dresdner Straßenbahn lösen wollen. Manche fremdeln auch demonstrativ mit dem hiesigen Ticketsystem. Wenn sich die Vorfälle häufen oder besonders dreist sind, haben die Kontrolleure für Kulanz allerdings auch keinen Spielraum: Dann kostet die Vergesslichkeit.

Die E-Schwarzfahrer: Schnell noch ein Handy-Ticket lösen, sobald die Kontrolleure zugestiegen sind – diesen stumpfen Plan fassen doch erstaunlich viele Nutzer der vergleichsweise neuen Technik. Dass diese gegen ein solches Vorhaben gefeit ist, etwa weil ein Zwei-Minuten-Countdown nach dem Kauf die Zeit herunter zählt, bis zu der das Ticket gültig wird, erfahren sie dann, wenn sie kontrolliert werden.

Die Sportlichen: „Jeder erlebt irgendwann einen Schwarzfahrer, der ihm davonläuft“, sagt Bastian Hauffe, ein erfahrener Kontrolleur. Er hat wie viele seiner Kollegen einen Blick für solch sprunghafte Kandidaten, die Schwarzfahren als eine Art Nervenkitzel im Alltag begreifen. Hippelig beobachten sie bei jedem Stopp Haltestellen und Türen, versuchen Kontrolleure zu erkennen, um dann noch rechtzeitig aus Bus und Bahn zu flüchten. Manchen gelingt es. Aber das sieht dann beim nächsten Mal schon wieder ganz anders aus und dann lernen auch diese Schwarzfahrer: Jeder erlebt mal einen Kontrolleur, dem man nicht davonlaufen kann.

Von Uwe Hofmann

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