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Pflegenotstand

Eine von zu wenigen – Dresdnerin berichtet von ihrer Lehre in der Altenpflege

Sinead hilft einer Bewohnerin in einem Altenheim in Bühlau beim Trinken.

Dresden.Eine ältere Dame sitzt an einer Haltestelle in Bühlau und wartet. Aber es wird keine Straßenbahn kommen. Denn die Haltestelle steht im dritten Stock eines Dresdner Altenheimes und die ältere Dame leidet an schwerer Demenz. Sie weiß nicht, wo sie ist, wie spät es ist und manchmal auch nicht mehr, wann sie Geburtstag hat. Aber sie fühlt etwas: Mit einem Lächeln blickt sie zu Sinead und berührt leicht ihre Schulter. Das Gesicht der Auszubildenden in der Altenpflege kommt der Dame, trotz ihrer Demenz, vertraut vor. Schließlich sehen sie sich fast jeden Tag. „Wie geht es Ihnen?“, fragt die 22-jährige Sinead. „Gut, gut“, sagt die Dame.

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Sinead lernt im zweiten Lehrjahr den Beruf der Altenpflegerin. Ihre Motivation zieht sie aus genau solchen Momenten. "Es gibt jeden Tag schöne Momente. Wenn die Bewohner zufrieden lächeln, dankbar sind oder wenn ich von einem Menschen eine Antwort bekomme, der sonst nicht antwortet", sagt Sinead. Menschen, wie sie, gibt es aktuell zu wenig. "Wir suchen immer Mitarbeiter in der Altenpflege", sagt die Leiterin des Dresdner Altenpflegeheims "Ruheheim" Maja Weigoldt.

In Sachsen weniger Bewerber als im Bundesschnitt

„In Sachsen kommt auf neun offene Stellen ein Bewerber“, berichtet Antoinette Steinhäuser, Caritas-Referentin für ambulante Pflege. „Im Bundesschnitt sind es fünf offene Stellen pro Bewerber“.

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Der Arbeitstag von Sinead beginnt stets mit einer Teambesprechung. Ist jemand gestürzt oder gab es anderer Auffälligkeiten? Dann geht es ans Waschen der Bewohner. „Vermutlich die Tätigkeit, die am meisten mit dem Altenpflegeberuf verknüpft wird“, sagt die Auszubildende. „Es sind aber viel mehr“, sagt Sinead. Viele hätten von vorneherein Vorurteile.

Um 9 Uhr hilft sie den Bewohnern mit Pflegegraden vier und fünf beim Aufstehen und unterstützt sie beim Frühstücken im Aufenthaltsraum. „Nur rund ein Viertel der Bewohner sind noch mobil“, berichtet Sinead. Anschließend hilft das Pflegeteam den Bewohnern beim Toilettengang. Mit dem Team der Alltagsbegleiter unternehmen die Senioren am Vormittag verschiedene Aktivitäten.

„Das Angebot reicht von gemeinsamem Backen über Spaziergänge bis zu Kulturprogramm“, berichtet Weigoldt. Um 12 Uhr gibt es Mittagessen. „Wir müssen die Menschen oft daran erinnern zu essen und einigen das Essen anreichen“, sagt die 22-Jährige. Besondere Aufmerksamkeit gilt beim Essen den Diabetikern.

Sinead unterhält sich mit einer dementen Dame in einem Altenheim in Bühlau. Auch das gehört zu ihren Aufgaben.

Sinead unterhält sich mit einer dementen Dame in einem Altenheim in Bühlau. Auch das gehört zu ihren Aufgaben.

„Für mich wäre es schwieriger Gleichaltrige zu waschen“

Anschließend zeigen die Bade- und Duschpläne an, welche Bewohner heute baden werden.„Jemanden zu waschen, der viel älter ist als ich und Hilfe braucht, ist nicht unangenehm. Für mich wäre es schwieriger Gleichaltrige zu waschen“, sagt Sinead.

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Die Hemmschwelle zur Körpernähe in der Altenpflege ist für viele junge Menschen trotzdem noch hoch. Bewerber für ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Altenpflege sind schwierig zu finden, berichtet Miriam Taterka, Referentin für Stationäre Altenhilfe bei der Diakonie Sachsen. „Wer aber überzeugt wird und in der Altenpflege beginnt, ist begeistert von der Dankbarkeit der Senioren und der sinnstiftenden Arbeit“, sagt Steinhäuser. Neben der direkten Arbeit mit den Menschen steht auch medizinisches Wissen auf dem Lehrplan. „Wir lernen den Einsatz und die Wirkungsweisen verschiedener Medikamente“, berichtet Sinead.

Freistaat beim Gehalt für Altenpfleger Vorletzter

Für ihre Arbeit bekommen Mitarbeiter in der Altenpflege in Sachsen durchschnittlich rund 2200 Euro netto im Monat – damit belegt der Freistaat den vorletzten Platz im Ranking der Bundesländer. Der Bundesweite Durchschnitt liegt aktuell bei rund 2700 Euro. Bis zu 3000 Euro im Monat "sollten möglich sein", hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Sommer verkündet.

Die Schwankungen existieren nicht nur auf Bundesebene sondern auch regional. In der Dresdner Region schwanke der Lohn in der Altenpflege je nach Arbeitgeber um monatlich 800 Euro – wobei die Vergütung der Kirchlichen Arbeitgeber deutlich zu den höchsten gehören", sagt der Chef der Diakonie Sachsen Dietrich Bauer. "Wir geben als Gesellschaft sehr wenig Geld für Pflege aus", findet Steinhäuser. Doch nicht nur das Geld stimme nicht, auch das Image der Altenpflege leide, sagt die Caritas-Referentin für Pflege.

Neues Pflegestärkungsgesetz soll Situation verbessern

Im Januar wird das neue Pflegestärkungsgesetz in Kraft treten, das unter anderem die Personalausstattung in Pflegeheimen verbessern soll. Wie viele neue Stellen pro Heim neu finanziert werden, hängt von der Größe der Einrichtung ab. Leben in einem Heim nicht mehr als 40 Pflegebedürftige, gibt es eine zusätzliche halbe Stelle. Bei mehr als 80 Bewohnern, wird eine ganze Stelle finanziert und bei Heimen mit mehr als 120 pflegebedürftigen Menschen zwei ganze Stellen. Doch woher die Fachkräfte für die neuen Stellen kommen sollen, bleibt unklar. Denn schon jetzt sind viele Stellen in Altenheimen vakant.

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Über 130 Mitarbeiter fehlen der Diakonie in Sachsen für die stationäre Pflege in ihren 121 Altenheimen – in der ambulanten, häuslichen Pflege sind es rund 180 Mitarbeiter, die in den 105 Sozialstationen fehlen. Das seien zwar Momentaufnahmen, doch der Trend zu steigendem Fachkräftemangel sei auch bei der Diakonie nicht zu übersehen.

Die gelernte pharmazeutisch-technische Assistentin Sinead hat ihre Entscheidung zur Ausbildung als Altenpflegerin nicht bereut. „Ich würde es noch einmal machen“, sagt sie. Was man für den Beruf mitbringen muss? „Zuverlässigkeit, Empathie, Teamfähigkeit und Organisationstalent“.

Von Tomke Giedigkeit

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