DNN Serie „Drei Jahre Einbruch ins Grüne Gewölbe“

Dresdens schwarzer Montag – Als Diebe ins Grüne Gewölbe einstiegen

Zwei Mitarbeiter der Spurensicherung sind am Morgen des 25. November 2019 vor dem abgesperrten Residenzschloss zugange.

Zwei Mitarbeiter der Spurensicherung sind am Morgen des 25. November 2019 vor dem abgesperrten Residenzschloss zugange.

Dresden. Der Stich in die Seele der Dresdner hätte kaum schlimmer geschehen können. Drei Jahre ist es jetzt her – Montag, 25. November 2019: Vorfreude vielerorten. In zwei Tagen öffnet der Striezelmarkt. Es ist der 585. Auf dem Altmarkt sind schon über zweihundert Buden aufgebaut. Viel wurde gehämmert, gebohrt, gesägt und geschraubt. Bis Heiligabend werden zweieinhalb Millionen Besucher erwartet.

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An diesem Montagmorgen kommt der Vorbote der schlechten Nachricht von der fetten Beute ganz alltäglich daher. Um 6.30 Uhr meldet MDR Radio Sachsen: „An der Dresdner Augustusbrücke ist gegen fünf Uhr eine Starkstromanlage in Brand geraten.“ Um zehn sagt der Nachrichtensprecher, Diebe hätten das „Grüne Gewölbe im Dresdner Residenzschloss beraubt.“ Nach Mitteilung der Polizei seien „Unbekannte in die Schatzkammer von August des Starken eingebrochen.“ Betroffen sei „der historische Teil der Sammlung.“ ,

Nach den Dieben erscheinen im Schloss die Politiker

Ein Einbruch im Grünen Gewölbe? Unfassbar! Die Tat liegt außerhalb des Vorstellungsvermögens der Dresdner. Das, was im Residenzschloss zu sehen ist – beziehungsweise nunmehr: zu sehen war – ist zwei-, dreihundert Jahre alt. Oder noch älter. Die Schätze, ursprünglich zusammengestellt von August dem Starken (1670 bis 1733) und anderen sächsischen Herrschern, haben die Monarchie, das Deutsche Reich überstanden – einschließlich des Dritten: Und sogar den Sozialismus. Dreizehn Jahre waren die Schätze außer Landes: Die Rote Armee hatte sie als Kriegsbeute erst kassiert und dann verschleppt. Aber dann doch, 1958, nach Dresden zurückgegeben. Anschließend war der „sächsische Staatsschatz“ wieder in Dresden zu sehen. Und nun? Ein Teil von ihm geklaut? Perdue? Für immer weg?

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Nach den Dieben erscheinen im Residenzschloss die Politiker. Als erstes Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Um 11.30 Uhr tritt er vor die Kameras im Kleinen Schlosshof. Er wirkt fassungslos. Sagt, mit einem Einbruch im Historischen Grünen Gewölbe hätte er „beim besten Willen nicht gerechnet.“

Am Tag des Einbruchs: Michael Kretschmer (r), Ministerpräsident von Sachsen, steht neben Matthias Haß (beide CDU), Finanzminister von Sachsen, im Kleinen Schlosshof des Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe.

Am Tag des Einbruchs: Michael Kretschmer (r), Ministerpräsident von Sachsen, steht neben Matthias Haß (beide CDU), Finanzminister von Sachsen, im Kleinen Schlosshof des Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe.

Für ihn seien „die Sicherheitsmaßnahmen der Staatlichen Kunstsammlungen am Residenzschloss ausgezeichnet und umfassend“ gewesen. Aber: „Wir sehen, dass das nicht der Fall ist.“ Man könne „die Geschichte unseres Landes, unseres Freistaates nicht ohne diese Sammlung verstehen.“

Der höchste Schaden durch einen Kunstdiebstahl nach 1945 in Deutschland

Die Ermittlungen der Polizei ergeben: Es gab nicht nur den einen Tatort Grünes Gewölbe. Sondern zwei weitere. Zum einen das Pegelhaus an der Augustusbrücke. Keine zweihundert Meter vom Grünen Gewölbe entfernt. Die Täter steckten es in Brand, um die Straßenlaternen am Theaterplatz ausgehen zu lassen. Denn dort steht ein Stromverteilerkasten für die Straßenbeleuchtung. Um 4.56 Uhr ist der ganze Platz zappenduster. Keine Minute später ziehen die Täter ein Dreieck aus dem Gitter vor dem linken Fenster: Rausgeschnitten hatten sie es schon in einer Nacht zuvor – und mit einer Klebemasse wieder eingesetzt.

Zwei der Täter des sechsköpfigen Kommandos klettern durch das Fenster in den Pretiosensaal. Von dort aus flitzen sie nach rechts über das Wappenzimmer ins Juwelenzimmer. Dem prachtvollsten Raum des Grünen Gewölbes. Mit 56 Axthieben zertrümmern sie die Glasscheiben von drei Vitrinen. Alles, was sie greifen können, nehmen sie mit: 21 Schmuckstücke – besetzt mit über 4316 Diamanten und Brillanten. Den Wert beziffern die Staatsanwälte später mit 113,8 Millionen Euro. Das ist der höchste Schaden, der durch einen Kunstdiebstahl nach 1945 in Deutschland angerichtet wurde.

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Die Grafik zeigt, welchen Weg die Täter zu ihrer Beute gewählt haben. Zwei Räume mussten bis zum Juwelenzimmer durchquert werden.

Die Grafik zeigt, welchen Weg die Täter zu ihrer Beute gewählt haben. Zwei Räume mussten bis zum Juwelenzimmer durchquert werden.

Genau fünf Minuten nach ihrem Einstieg kommen die beiden Täter wieder herausgeklettert. Vor dem Residenzschloss springen sie in der Sophienstraße in einen Audi A6 Avant, mit dem ein Komplize gerade vorgefahren ist. Ein Schaf im Wolfspelz. Eine Rakete. 435 PS. Spitze 250 km/h – abgeriegelt. Mit einem Affenzahn jagen sie über die Augustusbrücke zum Ballhaus Watzke. Dort biegen sie drei Minuten später von der Leipziger Straße in die Kötzschenbroder Straße. Ihren Flucht-Audi stecken sie in einer Tiefgarage in Brand – nachdem sie fünf Liter Benzin im Innenraum ausgeschüttet hatten. Der dritte Tatort. In der Tiefgarage werden sechzig Autos beschädigt. Noch heute ist sie gesperrt. Drei Jahre nach dem Brand.

In den Tagen nach dem Bruch wird das Einstiegsfenster im Grünen Gewölbe immer mehr zum Besuchermagneten. Tausende Menschen pilgern vom Striezelmarkt zum Residenzschloss. Fast prozessionsmäßig. Allein. Als Paare. In Scharen: Von außen ist an der Schlossfassade nichts zu sehen. Außer Metallstreben, die in den fehlenden Teil des Gitters eingefügt wurden. Wäre der Dresdner „Tatort“ vor einer Woche in der ARD gelaufen mit dem Plot dessen, was in dieser Woche ans Tageslicht gekommen ist – die Zuschauer hätten die Story für ausgeschlossen gehalten und gedacht, mit dem Drehbuchautor seien am Schreibtisch die Pferde durchgangen.

Derweil fordert Elmira Prinzessin von Sachsen – Witwe eines Enkels des letzten Sachsen-Königs Friedrich August III. – „die Diebe auf, alle geraubten Schätze unverzüglich zurückzubringen.“ Andernfalls „werden Sie in ewiger Verdammnis in der Hölle schmoren.“ „Zutiefst erschüttert“ erklärt sie sich darüber, „wie schlecht der Freistaat Sachsen die einstigen Schätze“ ihrer Familie schützt.

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Den Dresdner Bruch hebt Michael Stürmer, langjähriger FAZ-Leitartikler, auf die Metaebene Bundesrepublik: „Der „offenbar technisch perfekt durchgezogene Einbruch in die deutsche Schatzkammer“ werfe „Fragen auf, die weit über die Integrität des Weltkulturerbes hinausreichen,“ kommentiert der emeritierte Geschichtsprofessor, „Dresden gibt eine Ahnung dessen, was Ernstfall bedeutet.“ Sein Fazit: „Nichts ist mehr sicher. Sogar der Staatsschatz nicht.“

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Quintessenz – eine Woche nach der Tat: Beute und Täter sind über alle Berge. Dafür gibt es eine neue Touristenattraktion: Das Einstiegsfenster im Grünen Gewölbe. Kein Fenster war in dieser Woche häufiger in den Medien zu sehen.

Zwei Jahre später beginnt der „Grüne-Gewölbe-Prozess“ gegen sechs Angeklagte im Dresdner Hochsicherheitstrakt.

Lesen Sie am Mittwoch: Wie die Ermittler den Tätern auf die Spur kamen

*Dr. Butz Peters ist Rechtsanwalt und Publizist in Dresden. Er schrieb mehrere Bestseller zum Thema Innere Sicherheit. Für die DNN beobachtet er den Grüne-Gewölbe-Prozess.

Von Butz Peters*

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