Klassiker versus Navi und Apps

Reisen mit Landkarte: Wo die Papiervariante die Technik schlägt – und wo nicht

Manchmal ist es sinnvoller, zur Karte statt zum Smartphone zu greifen.

Die Karten waren trotz ihres Alters in ausgesprochen gutem Zustand und wurden daher nie ersetzt. Das barg allerdings die Gefahr, dass sie zwar genau, aber hoffnungslos veraltet und wir Wanderer vor bösen Überraschungen nicht gefeit waren. Mehrmals habe ich erlebt, wie es plötzlich nicht mehr weiterging, da uns eine Autobahn den Weg abschnitt (…), oder wie ein fest eingeplantes Gasthaus zur Graffiti besprühten Pinkelruine verkommen war.“

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Was Autor und Schauspieler Joachim Meyerhoff in seinem Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ über die Wanderungen mit seinen Großeltern schreibt, bringt die größte Schwäche von Landkarten humorvoll auf den Punkt: Sie entsprechen irgendwann nicht mehr der Realität. „Sobald eine Karte gedruckt ist, können keine Aktualisierungen mehr vorgenommen werden“, räumt Charly Lentz, Geschäftsführer und CEO des Verlags Kompass-Karten ein. Der Verlag gehört zum Mutterkonzern MairDumont, der unter anderem die bekannten Falk-Pläne sowie Marco-Polo-Karten und ADAC-Atlanten herausbringt. Fortlaufend werden Karten aktualisiert und neue erstellt. „Reisedestinationen ändern sich, und da halten wir natürlich Schritt, um die richtige Karte oder den perfekten Atlas bieten zu können“, sagt Lentz.

Kostenlose Apps statt kiloschwere Autoatlanten

Noch besteht eine große Nachfrage. Der Verlag führt insgesamt weit über 1000 verschiedene gedruckte Produkte. Andererseits verlassen sich immer mehr Menschen auf digitales Kartenmaterial und Navigationsgeräte. Die gehören längst zur Standardausrüstung von Autos. Ob Google Maps, Komoot oder Magic Earth – fürs Smartphone steht überdies eine Vielzahl an Apps zur Verfügung, die meisten sogar kostenlos. Die Zeiten, in denen Beifahrerinnen und Beifahrer kiloschwere Autoatlanten auf dem Schoß balancierten oder Touristinnen sowie Touristen verzweifelt mit zerfledderten Stadtplänen hantierten, scheinen vorbei zu sein.

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Wer einfach nur schnell von A nach B will, verlässt sich darauf, dass das Navi die beste Lösung vorschlägt, und folgt in der Regel der vorgegebenen Route. Was links und rechts des Weges liegt, interessiert oft nicht. Ebenso wenig ist es wichtig, einen Gesamtüberblick zu besitzen: Wo befinde ich mich? In welche Richtung bewege ich mich? An welchen Sehenswürdigkeiten fahre ich vorbei? Auf bekannten und gut ausgeschilderten Strecken seien Hilfsmittel zur Orientierung komplett überflüssig, sagt Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins. „Auf einer Radtour entlang der Isar brauche ich keine Karte.“

Vor- und Nachteile der Technik

Navigationsgeräte und Apps bietet viele Features, die insbesondere für technikaffine Menschen interessant sind: Höhenmeter, Durchschnittstempo, Streckenverlauf – alles wird akribisch erfasst und statistisch aufbereitet. Außerdem können Routen geteilt und kommentiert werden. Die Community nimmt auf diese Weise an der eigenen Reise und dem erlebten Abenteuer teil.

Aber die individuellen Beschreibungen können fehlerhaft sein, und Algorithmen folgen manchmal eigenen Gesetzen: „Wer nur mit dem Navi unterwegs ist, ist sicher schon mal die eine oder andere Extrarunde gefahren“, sagt Lentz. Hinzu kommt: Technik kann versagen. Der Akku ist irgendwann leer. Und nicht nur in Deutschland gibt es noch viele Funklöcher. Spätestens dann kommt die gute alte Straßen- oder Wanderkarte wieder ins Spiel. Wohl dem, der eine in der Hinterhand hat – und anwenden kann.

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Das sei aber immer seltener der Fall, vor allem bei jungen Menschen, berichtet Bucher: „Es gibt immer weniger, die Karten lesen können.“ Das berge Risiken. Viele Bergunfälle gingen inzwischen darauf zurück, dass Wanderinnen und Wanderer sich blindlings auf Navis verließen, so der Alpinist: „Die Geräte werden mit einem Bergführer verwechselt und besitzen einen hohen Aufforderungscharakter. Manch einer läuft den vorgeschlagenen Routen einfach hinterher.“ Dann werden Gefahren falsch eingeschätzt oder Hinweise darauf sogar ignoriert. Und wenn das Gerät ausfällt, ist es mit der Orientierung im Gelände vorbei.

Vor- und Nachteile der klassischen Karten

Die deutschen Pfadfinderinnen und Pfadfinder sind deshalb weiterhin immer mit gedruckten Karten unterwegs. „Smartphones bleiben meist im Rucksack“, sagt Maria Venus, Bundesvorsitzende des Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V. (BdP). Karten lesen zu können sei eine wichtige Fähigkeit, um sich in der Natur bewegen zu können. „Sie fördern das Orientierungsvermögen und das Verständnis für den Raum“, betont sie.

Vor allem für viele Bergsteiger gehört das zur DNA. Sie haben ein Abbild der Karte im Kopf und lieben es, auf dem Gipfel zu stehen und die Berge rings herum mit Namen benennen zu können.

Thomas, Bucher

Pressesprecher Deutscher Alpenverein

Unterwegs seien Navis und Apps auch abseits der Zivilisation allerdings sehr praktisch, räumt Bucher ein. Das gelte vor allem dann, wenn vektorbasierte digitale Karten genutzt werden. Bei der Planung von Wanderungen und Radtouren empfiehlt er aber, immer gedrucktes Kartenmaterial zu verwenden. „Dann erhalte ich eine gute Übersicht und bekomme eine Vorstellung von der Tour“, erklärt er.

Anhand von Höhenlinien können außerdem beispielsweise Schluchten und steile Wände erkannt werden. „Ich muss die Route im Gebirge in ihrer Dreidimensionalität denken können“, betont Bucher. Außerdem können weitere wichtige Informationen zusammengetragen werden: So sind etwa Naturschutzgebiete eingezeichnet oder markante Felsformationen zu erkennen, die bei schlechter Sicht Orientierung bieten. Wegen des festen Maßstabs sind Entfernungen gut einzuschätzen und zu berechnen.

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Kartenlesen ist nicht bloß praktisch

Karten seien ein altes Kulturgut und Kartenlesen sei eine Grundfertigkeit beim Bergsteigen, betont Bucher. Die Ausbildungen des Deutschen Alpenvereins sehen deshalb immer auch eine Orientierung anhand von Karten vor. „Vor allem für viele Bergsteiger gehört das zur DNA. Sie haben ein Abbild der Karte im Kopf und lieben es, auf dem Gipfel zu stehen und die Berge rings herum mit Namen benennen zu können.“

Karten lassen sich beschriften. Sie weisen auf landschaftlich schöne Strecken und beispielsweise auf Hütten, Badeplätze und Skitouren hin. Ihre Legenden enthalten viele zusätzliche Informationen. Lentz spricht deshalb von Schatzkarten: „Wanderkarten sind wunderschön und inspirativ zum Ansehen, zum Erinnern und zum Entdecken von neuen Tourenzielen“, schwärmt er. Für Venus geht es ebenfalls um eine emotionale Verbundenheit – und um Erinnerungen: „Nichts ist schöner, als eine abgegriffene Karte nach einiger Zeit wieder in den Händen zu halten“, sagt sie.

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