Zärtlicher Regisseur

Zärtlich durch die Nacht – die Literaturverfilmung „Die stillen Trabanten“ startet

Martina Gedeck (r.) als Christa und Nastassja Kinski als Birgitt in einer Szene des Films „Die stillen Trabanten“, der am 1. Dezember in die Kinos kommt, aber schon am 29.

Sehnsüchte: Martina Gedeck (rechts) als Christa und Nastassja Kinski als Birgitt in einer Szene des Films „Die stillen Trabanten“, der am 1. Dezember in die Kinos kommt.

Unter einem Trabanten verstehen Astronomen einen Mond, der um einen größeren Planeten kreist. Imbissbetreiber Jens verbindet den Begriff mit etwas anderem: Bei anbrechender Dunkelheit schaut er gern auf die Hochhäuser, die er in großer Distanz am Rande der Stadt erspäht – auch sie werden Trabanten genannt. Abends gehen in den Stockwerken dort nach und nach die Lichter an.

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Oben auf dem Hochhausdach trifft Jens auf Aischa

Jens (Albrecht Schuch) wohnt ebenfalls in einem Hochhaus. Oft steht er da oben in einer zugigen Ecke und erfreut sich an dem fernen Schauspiel, späht dabei durch die hässlichen Maschen eines Netzes, das verhindern soll, dass sich jemand in den Tod stürzt. In dieser trostlosen Umgebung findet Jens aber auch das Glück, jedenfalls für Augenblicke. Denn auch Aischa (Lilith Stangenberg) steht da und zieht an ihrer Zigarette.

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Jens verliebt sich in die zum Islam konvertierte Nachbarin, die eine schlimme Vergangenheit haben muss. Das lassen die Narben an ihren Handgelenken erahnen. Der Islam war für sie eine Befreiung. Oder ist er inzwischen zu einem Gefängnis geworden?

Thomas Stuber nimmt seine Protagonisten zärtlich ins Visier

Genaueres erfahren wir über Aischas Schicksal nicht in Thomas Stubers Episodenfilm „Die stillen Trabanten“. Aber das müssen wir auch gar nicht. So zärtlich hat schon lange kein Regisseur mehr Menschen wie dich und mich im deutschen Kino in den Blick genommen – sieht man einmal von Andreas Dresen („Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“) ab.

Diese Behutsamkeit zeichnet schon Stubers gleichnamige Buchvorlage von Autor Clemens Meyer aus, der auch am Drehbuch mitschrieb. Die beiden arbeiteten bereits bei dem Kinodrama „In den Gängen“ (2018) über die Angestellten eines Großmarktes in der ostdeutschen Provinz zusammen. Das war jener Film, in dem Gabelstapler nach Johann Strauss’ „Donauwalzer“ tanzten.

Die Filmemacher haben Respekt vor ihren Charakteren

Auch da fiel der tiefe Respekt der Filmemacher vor ihren Charakteren auf. Inmitten einer Solidar­gemeinschaft von Außenseitern deutete sich eine Romanze zwischen Getränke-Christian und Süßwaren-Marion an, die schon mal gemeinsam nach „Sibirien“ in den Tiefkühlraum aufbrachen.

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„In den Gängen“ spielte notgedrungen unter einem kalten Neonhimmel. Nun scheint der Leipziger Regisseur Stuber all das warme Licht und die getragenen Farben in seinen Film holen zu wollen, die er damals nicht nutzen konnte. Manchmal fühlt man sich dabei wohlig geborgen, manchmal auch ausgeschlossen von der so behaglich erscheinenden Welt der anderen.

Der Zuschauer lernt drei Paare kennen

Wir lernen noch zwei weitere unwahrscheinliche Paare kennen. Da ist die erschöpfte Christa (Martina Gedeck), die am Hauptbahnhof den Müll aus den eingefahrenen Zügen räumt und bei ihren Chefs aneckt. Am Nebentisch in der Bahnhofskneipe nimmt eines späten Abends die Friseurin Birgitt (Nastassja Kinski) Platz. Plötzlich ist da eine Verbindung zwischen den beiden Frauen, die ihr Leben doch beinahe schon gelebt zu haben schienen. Tief aus ihrem Innern beginnen ihre Gesichter zu leuchten. Das liegt nicht allein an Piccolo und Weinbrand auf den Tischchen vor ihnen.

Wachmann Erik (Charly Hübner) – Typ: Glatzkopf, Stiernacken – dreht nachts mit einem Schäferhund namens Nummer 13 seine Runden um ein Lager mit osteuropäischen Geflüchteten. Doch wie das Äußere eines Menschen täuschen kann: Als er die junge Marika (Irina Starschenbaum) auf einer Schaukel sitzen sieht, übernimmt er Verantwortung für die junge Frau und verliebt sich auch in sie.

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Der Regisseur gibt den Einsamen eine Chance

Mit diesen drei Paaren ziehen wir in „Die stillen Trabanten“ durch die Dunkelheit. Es scheint, als wolle Stuber sie vor allzu großem Ungemach schützen. Er bewahrt sie vor grellem Licht.

Vor allem aber gibt er diesen Einsamen eine Chance – oder zumindest ein wenig Hoffnung. Kleine Wunder vollbringt er ausgerechnet im Sanitärbereich eines Bahnhofs oder im Blechcontainer des Sicherheits­dienstes.

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Vielleicht ist sogar dieser ganze Film ein Wunder: Jeder andere hätte an solchen trostlosen Schauplätzen ein düsteres Sozialdrama gedreht. Stuber und Meyer setzen eine feine Romantik dagegen. Darunter ist nicht die Euphorie des Mainstreamkinos zu verstehen, in dem das Happy End das Maß aller Dinge ist. Die Protagonisten hier sind zu sehr vom Leben gezeichnet, als dass sie ihre Erfahrungen vergessen könnten.

Die Menschen dieses Films sind als stille Trabanten unterwegs

Die Melancholie ist der ständige Begleiter der Menschen, die selbst als stille Trabanten unterwegs sind. Und doch geht von diesem Film eine tröstliche Sanftheit aus. Menschliches Miteinander zwischen Nachtgestalten: Das ist mal eine schöne Überraschung.

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Was wohl aus Jens und Aischa, Christa und Birgitt, Erik und Marika wird? Danach sollte man nicht fragen, sondern sich erst einmal darüber freuen, wenn die Lichter in den fernen Hochhäusern zu leuchten beginnen.

„Die stillen Trabanten“, Regie: Thomas Stuber, mit Martina Gedeck, Nastassja Kinski, Albrecht Schuch, Lilith Stangenberg, Charly Hübner, 120 Minuten, FSK 12

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