Wirbel um umstrittene documenta-Performance

Der künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, betonte die umstrittene Performance von Franco Berardi wolle in keiner Weise den Holocaust zu relativieren.

Der künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, betonte die umstrittene Performance von Franco Berardi wolle in keiner Weise den Holocaust zu relativieren.

Kassel. Nach heftigem Gegenwind ist die umstrittene Performance „Auschwitz on the Beach“ auf der documenta in ihrer bisherigen Form abgesagt worden. Wie eine Sprecherin der Kunstausstellung am Dienstag sagte, wird es kommenden Donnerstag (24. August) stattdessen eine Lesung mit dem italienischen Künstler und Philosophen Franco Berardi geben. Sie soll unter dem Titel „Shame on us“ stehen.

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Mit „Auschwitz on the Beach“ wollte sich Berardi kritisch mit der europäischen Migrationspolitik auseinandersetzen. Im offiziellen Begleittext der documenta hatte es geheißen: „Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.“

„Verantwortungslose Relativierung des Holocaust“

Nun will Berardi ein von ihm geschriebenes Gedicht vortragen, gefolgt von einer „partizipativen Diskussion über die neuen Gesichter des Faschismus und der aktuellen Politiken der Migration in Europa“, wie die documenta am Dienstag ankündigte. Die darüber hinaus geplanten zwei weiteren Abende wurden abgesagt.

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Als Grund nannte Paul Preciado, documenta-Kurator für öffentliche Programme, zahlreiche Beschwerden und Beleidigungen, die zur ursprünglich geplanten Performance eingegangen seien. Man respektiere diejenigen, die sich von dem Titel angegriffen gefühlt hätten. Der neue Titel „Shame on us“ wurde ihm zufolge wegen der vielen Zuschriften gewählt, die mit den Worten „Schämen Sie sich“ endeten.

So hatte etwa das Internationale Auschwitz Komitee die Kunstaktion scharf kritisiert. Christoph Heubner, Exekutiv Vizepräsident, teilte mit, wer jüdische Häftlinge in Auschwitz mit dem Elend und Sterben von Flüchtlingen heute vergleiche, suche die „plumpe Sensation“ und nicht die künstlerische Aufklärung. Es sei schade, dass sich ein berechtigtes und wichtiges Anliegen durch Vergleiche wie diesen selbst diskreditiere. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sprach von einer „verantwortungslosen Relativierung des Holocaust“.

Die Performance sei als „Warnung vor historischer Amnesie“ gedacht

Kunstminister Boris Rhein (CDU) nannte die Performance im Hessischen Rundfunk „geschmacklos“, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) sprach in der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ (HNA) von einer „ungeheuerlichen Provokation“. Er und Rhein waren aber davon ausgegangen, dass die ursprünglich geplante Performance von der Kunstfreiheit gedeckt sei – eine Einschätzung, der die Staatsanwaltschaft in Kassel zustimmte. Sie argumentierte, die Ankündigung reiche nicht aus für ein Strafermittlungsverfahren.

Der künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, teilte am Dienstag mit, es sei keineswegs die Absicht gewesen, den Holocaust zu relativieren. Stattdessen sollten Lesung und Diskussion eine „Warnung vor historischer Amnesie, ein Weckruf des Gewissens und ein Aufruf zu kollektivem Handeln“ sein.

Von RND/dpa

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