Wie können wir mit der Gegenwart mithalten, Johanna Adorján?

Johanna Adorján, Journalistin und Schriftstellerin.

Johanna Adorján, Journalistin und Schriftstellerin.

Frau Adorján, haben Sie mal das Gefühl gehabt, in der heutigen Zeit nicht mehr mithalten zu können, sich vielleicht sogar einmal alt gefühlt?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich gebe mir Mühe, wach und offen zu sein für alles, was passiert. Ich lebe ja noch und möchte nicht jemand sein, der früh vergreist darauf beharrt, dass alles früher besser war. Nein, ich habe eigentlich schon das Gefühl, ich komme noch mit. (lacht)

Ich frage, weil es in Ihrem kürzlich erschienenen Roman „Ciao“ um einen Feuilleton-Redakteur geht, der die moderne Welt nicht mehr versteht, dabei steht er in der Mitte des Lebens. Gibt es diesen Punkt, an dem man nicht mehr mitkommt, auch im tatsächlichen Leben?

Ich glaube schon, dass mein Roman, auch wenn alles darin erfunden ist, eine wahre Geschichte über unsere Zeit erzählt. Im Grunde handelt er von unserer Gegenwart als solcher. Die Charaktere schicke ich da fast nur durch, um das, was sie von der jüngsten Vergangenheit unterscheidet, sichtbar zu machen. Es ist eine Komödie über unsere oft etwas anstrengende Zeit, die sich gerade so wahnsinnig schnell weiterentwickelt, dass man sich schon etwas Mühe geben muss, wenn man immer up to date sein will.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Den humorvollen Blick auf die Welt bewahren

Wie schaffen Sie es, sich den humorvollen Blick auf die Dinge zu bewahren? Die letzten beiden Jahre waren ja weiß Gott recht turbulent, und wie Sie sagen, erscheint unsere Zeit vermutlich tatsächlich anstrengend.

Ich muss sagen, das Schreiben dieses Romans hat mir enorm dabei geholfen, die gute Laune zu bewahren. Zum einen habe ich während Corona geschrieben, was mir das Gefühl gab, ich hätte diese Zeit des Stillstands ganz gut genutzt. Zum anderen konnte ich mir dies und das aus den aktuellen Debatten nehmen, es meinem armen Helden geben und dann schauen, wie er und die anderen Charaktere damit umgehen. In welche Fallen sie tappen, die der Leser schon weit vor ihnen kommen sieht, in welche Bredouillen sie kommen. Das war lustig.

Das Schreiben ist für Sie also eine Art, mit dem Ernst der Lage umzugehen?

Generell würde ich schon sagen, dass Schreiben klüger macht. War es nicht Joan Didion, die mal gesagt hat, dass sie sich selbst erst schreibend die Welt erklärt? Hans Benedek, mein Held, versteht die Welt nicht mehr ganz, aber das gilt nicht auch für mein Buch. Wir sehen die geschilderten Situationen darin immer von mehreren Seiten. Wenn man denkt, ach, so ist das, dreht sich alles wieder, und man sieht die Situation aus einer anderen Perspektive. Ich fand das Schreiben hilfreich dafür, beide Seiten einer Diskussion zu verstehen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Große Unsicherheit, was man eigentlich noch darf

Sie beschreiben Ihre Figuren sehr liebevoll, empathisch und genau. Man versteht, was sie antreibt, warum sie auf ihre Art handeln, warum sie sind, wie sie sind. Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

Mir fiel irgendwann auf, auch weil ich im „SZ-Magazin“ eine Kolumne mit Leserfragen beantworte, dass heute eine große Unsicherheit herrscht, gerade bei Männern, was man eigentlich noch darf. Darf man einer Frau noch in den Mantel helfen, darf man noch Komplimente machen, und wer lädt eigentlich wen zum Essen ein? Das war, glaube ich, der Ausgangspunkt. Ich wollte mal schauen, wie das gerade so ist für Menschen, die auf einmal die Welt nicht mehr ganz verstehen. Die noch genauso sind wie früher, aber die Welt hat sich ein Stück weitergedreht. Ich habe mir dann einen Journalisten als Hauptfigur ausgedacht, weil man am Journalismus so exemplarisch darstellen kann, wie eine untergehende Zeit auf die Neuzeit trifft. Hans ist noch ein Oldschooljournalist, und auf einmal gibt es zum Beispiel jüngere Kollegen, die in den sozialen Medien eine viel größere Reichweite erzielen als er.

Die Figuren haben sich beim Schreiben ständig entwickelt.

Wie entstehen denn Ihre Figuren? Steht der Charakter, der Verlauf seines Schicksals beim Schreiben bereits fest? Oder entwickelt er sich?

Die Figuren haben sich beim Schreiben ständig entwickelt. Oder vielleicht kann man sagen, sie haben sich mir mehr und mehr enthüllt. Hans, meiner Hauptfigur, hatte ich zunächst andere Eltern gegeben, und das hat gar nicht gestimmt. Seine richtigen Eltern haben sich mir sozusagen aufgedrängt. Auf einmal waren sie da, und plötzlich konnte ich viel besser verstehen, warum Hans ist, wie er ist. Wie schwer er es auch hatte und hat – bei diesem strengen und erfolgreichen Vater ...

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Über „Ciao“ war zu lesen, dass in der Medienbranche schon einige Kollegen rätseln, wer für die Figur Pate stand. Vermutlich werden sich viele Kollegen in den Schilderungen wiedererkennen. Haben Sie schon Rückmeldungen dazu bekommen?

Nein. Aber das Buch gehört jetzt nicht mehr mir. Es ist jetzt in der Welt, und es darf sich darin jeder erkennen, der möchte.

In Ihrem Roman haben Sie durchaus Verständnis für den Mann, der sich plötzlich in der Welt nicht mehr zurecht­findet. Warum eigentlich?

Ist doch gar nicht so leicht, wenn man bisher immer alles richtig gemacht hat und dann macht man es genauso weiter, aber auf einmal ist es nicht mehr richtig. Das muss man ja erst mal begreifen. Allerdings handelt mein Buch nicht nur von den Schwierigkeiten, die ein mittelalter Mann mit unserer Gegenwart haben kann – auch seine Frau versteht nicht mehr alles. Aber sie versteht wenigstens, was sie nicht mehr versteht. Und auch die Jüngeren müssen sich ganz schön anstrengen, um immer am Ball zu bleiben. Als ich mein Buch abgegeben habe, sagte man zum Beispiel noch LGBTQ+, inzwischen, nur Monate später heißt es korrekter: LGBTQIA+, es kamen noch I für intergeschlechtlich und A für asexuell hinzu. Es entwickelt sich alles pausenlos weiter, und man darf wirklich kaum blinzeln, um immer mitzukommen. Mein Buch ist eine Moment­aufnahme aus der Mitte einer gesellschaftlichen Umwälzung.

Gesellschaftliche Umwälzung, das klingt, als würden wir in einer Zeit wie Ende der Sechzigerjahre leben. Ist die Massivität der Veränderung von heute wirklich mit der 68er-Bewegung vergleichbar? Was genau passiert da Ihrer persönlichen Meinung nach?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, ich glaube, dass die gesellschaftliche Umwälzung, die wir gerade global erleben, so einschneidend ist wie 1968. Es ist natürlich eine ganz andere Zeit, und es geht um andere Sachen. Heute wird nicht mehr gegen die Nazi-Väter aufbegehrt, heute geht es um Gleichberechtigung, und ich hoffe, diesmal wird es klappen und wir werden nicht für alle Ewigkeit in einer Welt leben, die von Männern für Männer eingerichtet wurde, sondern von allen für alle. Schauen wir mal. Wir stecken ja noch mittendrin, es ist noch nicht raus, wie es ausgeht.

Sie erzählen auch von #MeToo und dem modernen Feminismus. Man könnte auch sagen, Ihre Hauptfigur ist ein weißer alter Mann. Neulich sagten Sie, dass Sie diesen Begriff nicht mögen. Was stört Sie daran?

Ich finde es ein bisschen einen faulen Oberbegriff, ungenau und sim­plifizierend. Was bedeutet das „alt“? Sonst ist ja neuerdings niemand mehr alt in der Gesellschaft, selbst 80-Jährige werden höflich als ältere Herrschaften bezeichnet, Greise gibt es ja sowieso nicht mehr, aber auf einmal gilt etwa die Hälfte aller Männer als alt. Na ja. Aber natürlich vereinfacht so ein vereinfachter Begriff das Reden über ein Phänomen.

In Ihrem Roman trifft eine Mitte Vierzigjährige auf eine Feministin, die in ihren Zwanzigern ist. Sie beschreiben die neidvolle Bewunderung der Älteren für die Jüngere, für ihre Souveränität, ihre Haltung. Machen die heutigen 20-Jährigen denn etwas anders? Haben sie vielleicht mehr Mut? Oder vielleicht einfach nur andere Voraussetzungen?

Ich fürchte, das kann ich Ihnen leider nicht beantworten, da ich keine Studien über die Generation der heute 20-Jährigen kenne. Meine Anfang zwanzigjährige Feministin, die in Linz geborene Xandi Lochner, steht – für mich – für sich.

Blicken Sie vielleicht mit ähnlichen Augen auf die jungen Frauen wie Ihre Romanfigur Henriette?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Nein. Ich identifiziere mich nicht am stärksten mit Henriette, auch wenn sie in etwa mein Alter hat und auch eine Frau ist. Aber ich bin alle Figuren. Ich erkenne mich in Hans wieder und in seiner 13-jährigen Tochter Emma und auch in Xandi Lochner, die Anfang zwanzig ist. Das finde ich vielleicht sowieso das Schönste am Schreiben: dass man sich in Figuren hineinfühlen kann, die älter oder jünger sind, egal, welches Geschlecht.

Das, was Ihr Protagonist erlebt, ist ja nicht nur bei Männern zu beobachten. Der Einfachheit halber bleibe ich mal bei dem Begriff: Gibt es in unserer Gesellschaft auch das weibliche Äquivalent – also sozusagen die „weiße alte Frau“?

Das weiß ich nicht. Ich habe davon aber jedenfalls noch nie gehört.

Was da zusammenkommt, sind ja zwei schon zeitlich viele Jahre auseinander liegende Positionen des Feminismus. Sind die Frauen da eigentlich heute auf einem guten Weg?

Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas Kluges dazu sagen, aber das kann ich nicht, da ich mich mit Feminismus gar nicht so gut auskenne. Ich bin keine Expertin und kenne die neuesten Entwicklungen, oder was gerade so der Stand ist, nicht gut genug, um mich dazu zu äußern. Meine Feministin im Buch hat das Thema Feminismus ja auch ein bisschen nur deshalb für sich entdeckt, weil man damit heute gut punkten kann. Es ist einfach gerade modern, feministisch zu sein, wogegen nichts zu sagen ist. Und sie nutzt das, ebenso legitim, auch ein bisschen für sich aus.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In Ihrem Buch liest es sich zumindest so, als sei da ein Unterschied spürbar zwischen dem Umgang und der Wahrnehmung junger Frauen in den Achtziger- und Neunzigerjahren, in Ihrem Fall der jungen Henriette, die als Studentin für eine Fernsehshow Texte nicht so anzüglich skriptet, wie der Redakteur es gern möchte, und dem Auftreten der selbstgewissen Feministin Xandi Lochner heute, die selbst die Botschaften bestimmt, die sie über Twitter in die Welt sendet. Darauf zielte meine Frage ab.

Jüngere Menschen haben meistens stärker das Gefühl, alles verstanden zu haben, als ältere. Je jünger, desto weniger Fragen an die Welt hat man, dafür aber sehr viele Antworten. Als Henriette Anfang zwanzig war, Anfang der Neunziger, gab es natürlich das Internet noch nicht und damit auch keine solche Öffentlichkeit für Einzelpersonen. Es gab auch Feministin noch nicht als Beruf – man war irgendetwas oder studierte etwas und war dann noch zusätzlich Feministin, als Haltung. Da haben sich viele Sachen verändert. Aber ich sehe Henriette nicht als prototypisch für ihre Generation. Sie ist dafür viel zu altmodisch und hat sich ja schon etwas auf ihrem Status als Ehefrau ausgeruht, fast, als würde sie noch in den 1950er-Jahren leben. Eigentlich wäre es in ihrer Generation üblich, sich beruflich verwirklicht zu haben. Das hat sie versäumt.

Veränderungen lösen bestimmt oft Unsicherheiten aus.

Die „Tagesschau“ und viele andere Medien gendern bereits. Gerade erst hat nun die Lufthansa verkündet, ihre Passagiere künftig nicht mehr als „Damen und Herren“ begrüßen zu wollen. Sprechen wir eigentlich gerade zu viel darüber, wie wir Dingen einen neuen Namen geben? Vielen Menschen scheint das ja geradezu Angst zu machen.

Natürlich, Veränderungen lösen bestimmt oft Unsicherheiten aus. Ich hab das auch gehört von Lufthansa, aber ich möchte die Veröffentlichung dieses Romans gar nicht mit meinen privaten Meinungen zu diesem und jenem begleiten. Zu vielen Dingen habe ich auch gar keine abschließende Meinung. Heute gibt es ja in den meisten Fragen zwei Fronten. Man ist für oder gegen etwas, Freund oder Feind. Ich möchte mich da jetzt nicht auch noch hinstellen und hierzu und dazu meine jeweils aktuelle Haltung hinausplärren, so: „Was soll das denn jetzt?“ oder „Na endlich, wurde auch Zeit!“. Das ist so Stammtisch. Mit einem Roman hat man die Freiheit, zwischen den Fronten herumzutänzeln, und das war mir ein großes Bedürfnis. Die Welt ist doch in Wahrheit nicht nur schwarz oder weiß. Sie schillert in ganz vielen Grautönen. Und um diese zum Leuchten zu bringen, dafür gibt es Literatur.

Das ist Johanna Adorján

Die Autorin Johanna Adorján wurde 1971 in Stockholm geboren. Sie wuchs in München auf und studierte dort nach der Schule Theater- und Opernregie. Seit 1994 arbeitet sie als Journalistin, von 2001 an fürs Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, heute für die „Süddeutsche Zeitung“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bereits ihr erstes, 2009 erschienenes Buch „Eine exklusive Liebe“ wurde ein Bestseller und in 16 Sprachen übersetzt. Vier Jahr später veröffentlichte sie eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel „Meine 500 besten Freunde“. Es folgten der Roman „Geteiltes Vergnügen“ (2016) sowie „Männer“ (2019). Adorján lebt in Berlin.

In ihrem jüngsten Roman „Ciao“ erzählt Johanna Adorján die Geschichte des Feuilletonisten Hans Benedek, der den Anschluss an die heutige Zeit zu verlieren droht. Mit einem Porträt der progressiven und populären Feministin Xandi Lochner will Hans den Anschluss wiederfinden – allerdings ist seine Mission zum Scheitern verurteilt. Adorján wirft in „Ciao“ (Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 20 Euro) einen kritischen, aber auch liebevoll-humoristischen Blick auf den Zustand der heutigen Gesellschaft und die Medien.

Mehr aus Kultur

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken