Ist amerikanisch-russische Freundschaft noch möglich?

Viktor aus Billy Joels „Leningrad“: „Ich weine um mein Land“

"We never knew what friends we had, until we came to Leningrad": Billy Joel (links) und Viktor Razinow 1987 in der Sowjetunion.

"We never knew what friends we had, until we came to Leningrad": Billy Joel (links) und Viktor Razinow 1987 in der Sowjetunion.

Berlin/Moskau. Es gab diese Zeit der Hoffnung, dass nun alles gut werden könnte - und aus Feinden plötzlich Freunde. Viktor Razinow muss weinen, wenn er daran denkt. Denn zum Soundtrack jener Jahre gehört eine weltbekannte Ballade, die der US-Popstar Billy Joel aus New York geschrieben hat: „Leningrad“.

Sie erschien 1989, gemeinsam mit Joels größtem Hit „We didn‘t start the fire“ – nur einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer, und handelt davon, dass Amerikaner und Russen so verschieden gar nicht sind. Die russische Biografie zu dieser Verbrüderungshymne hat ein Clown aus Leningrad beigesteuert: Viktor Razinow.

„Viktor wurde geboren im Frühling 44″, beginnt Billy Joel sein Lied, „und seinen Vater hat er nie kennengelernt.“

Der Text beschreibt, wie Viktor einer entbehrungsreichen Kindheit, einem traurigen Leben und einem autoritären Staat entflieht, indem er „sein größtes Glück darin findet, als Zirkusclown russische Kinder zu erfreuen“ – während Joel selbst „als Kind des kalten Krieges“ in einer trostlosen Kleinstadt aufwuchs, wo ihm die Angst vor Sowjets und Kommunisten schon in der Schule eingetrichtert wurde.

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Erst als der „Piano Man“, damals längst einer der erfolgreichsten US-Popstars, 1987 dank der Öffnungspolitik von Michail Gorbatschow durch die Sowjetunion touren durfte, dachte er um. Auch, weil er diesen Viktor kennenlernte, der alle seine Konzerte besuchte, das Publikum anheizte – und den er mit seiner mitgereisten Frau und seiner zweijährigen Tochter bei einem Zirkusbesuch in Leningrad wiedertraf.

„Er brachte meine Tochter zum Lachen, und wir umarmten uns“, singt Joel über diesen Moment. „Wir wussten nicht, was für Freunde wir hatten, bis wir selbst nach Leningrad kamen.“

Herr Razinow, ist Billy Joels „Leningrad“ eigentlich auch in Russland bekannt?

Razinow: Ja, es war auch hier ein Hit. Manchmal wird es offenbar noch im Radio gespielt. Aber das weiß ich nicht so genau, denn seit 2001 schaue ich kein Fernsehen und höre auch kein Radio.

2015 reiste Viktor Razinow noch einmal nach New York, um Billy Joel zu treffen - hier mit anderen  russischen Freunden, ganz links neben  Viktor: Billy Joels Dolmetscher von 1987, der auch seine Live-Ansagen fürs Publikum übersetzte.

2015 reiste Viktor Razinow noch einmal nach New York, um Billy Joel zu treffen - hier mit anderen russischen Freunden, ganz links neben Viktor: Billy Joels Dolmetscher von 1987, der auch seine Live-Ansagen fürs Publikum übersetzte.

Weiß man in Russland, dass Sie der Viktor aus dem Lied sind?

Razinow: Nein. Ich selbst habe das nicht bekannt gemacht. Warum auch? Ich wollte durch meine eigene Arbeit etwas erreichen. Ich habe mit berühmten Leuten gearbeitet, aber ich habe mich nie mit diesen Leuten gebrüstet.

Viktor Razinow hatte nach dem Ende der Sowjetunion mit seinem Bruder Wjatscheslaw einen kleinen Verlag gegründet, in dem sie russische Übersetzungen der Nobel-Vorlesungen von Preisträgern aus aller Welt herausgaben. Mit vielen hatte er persönlich zu tun, auch mit Gorbatschow. Heute ist Viktor 63 und in Rente, sein Bruder ist gestorben. Auch beim Gedanken an ihn muss er weinen. Er hat Moskau wegen der angespannten Stimmung seit Kriegsbeginn verlassen, wohnt auf dem Land.

Hören Sie Viktor Razinow im O-Ton:

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Man fragt sich, was schief gegangen ist in der Freundschaft zwischen den Russen und dem Westen. Was nun daraus werden soll. Wegen seines Verlages und weil Billy Joels Homepage Fotos davon zeigt, wie Razinow ihn 2015 bei einem Konzert in New York wiedergesehen hat, kann man ihn im Internet ausfindig machen, ihn um ein Video-Interview bitten. Er sagt sofort zu.

„Leningrad“ erzählt vom Leben der einfachen Menschen in der Sowjetunion und in den USA. Wie treffend hat Joel die sowjetische Wirklichkeit beschrieben?

Razinow: Sehr treffend. Vor allem die Menschen in Leningrad waren überrascht, wie gut es dem einzigen ausländischen Weltklasse-Künstler, der damals in unser Land kam, gelang, die Stimmung wiederzugeben – und auch unsere Beziehung zum Großen Vaterländischen Krieg. Er hat nicht mitgekämpft, er hat nichts vom Krieg gesehen. Aber er spricht all die Dinge an, die unsere Herzen bewegt haben. Er hat dafür aber eine Kleinigkeit an der Wirklichkeit geändert.

Welche?

Razinow: Mein Geburtsjahr. Der Viktor im Lied „wurde geboren im Frühjahr ‚44″. Ich kam 1959 auf die Welt. Deswegen sagten meine Bekannten: Der singt nicht über dich, sondern über einen Namensvetter.

1987 tourte US-Rockstar Billy Joel durch die Sowjetunion. Ein Filmteam begleitete ihn, aus dem Material entstand noch im gleichen Jahr der Film "Billy Joel - A Matter of Trust: The Bridge to Russia". Auch für den Videoclip für "Leningrad" wurden Aufnahmen von der 1987er Tour verwendet.

1987 tourte US-Rockstar Billy Joel durch die Sowjetunion. Ein Filmteam begleitete ihn, aus dem Material entstand noch im gleichen Jahr der Film "Billy Joel - A Matter of Trust: The Bridge to Russia". Auch für den Videoclip für "Leningrad" wurden Aufnahmen von der 1987er Tour verwendet.

Billy Joel hat einmal erzählt, dass er Viktors Geburtsjahr änderte, damit er im Lied beschreiben konnte, wie sehr der Zweite Weltkrieg in der Sowjetunion präsent war. Immer wieder bezogen sich die Russen darauf. Auch weitere 30 Jahre später schreibt Razinow in seiner ersten E-Mail-Antwort, dass es ihm schwerfällt, über seinen Alltag zu sprechen: „Tränen rollen (jetzt, wenn ich Ihnen schreibe), wegen meinem Land ... Das Land, das Europa einst vom Faschismus befreite.“ Und heute?

Wie ist das Leben in Russland heute, seit Beginn der sogenannten Spezialoperation in der Ukraine?

Razinow: Das Land ist gespalten. Die Leute sind müde. Wütend. Je weniger gebildet sie sind, desto mehr fallen sie auf die schreckliche Propaganda im Fernsehen herein. Die Methoden gleichen denen, die in der Sowjetunion gegen Leute wie Andrej Sacharow, Alexander Solschenizyn und Joseph Brodsky verwendet wurden. Mich beruhigt nur, dass die jüngere Generation unter 30 dafür weniger anfällig ist. Sie schaut weniger Fernsehen. Deshalb ist sie für die Regierung auch nicht entscheidend. Meine Hoffnung liegt also auf dieser „Enkelgeneration“. Aber das heißt auch, dass die Sache noch zehn bis 15 Jahre so bleiben wird, wie sie ist.

"Die Tränen laufen": Viktor Razinow heute in Russland.

"Die Tränen laufen": Viktor Razinow heute in Russland.

Wie denken die Russen über das, was in der Ukraine geschieht?

Razinow (stockt): In den Millionenstädten verstehen die Leute, dass etwas nicht stimmt. Auf dem Land sieht das anders aus. Es gibt da weniger Zugang zum Internet, um andere Informationen zu erhalten.

Wie gehen Sie selbst mit der Lage um?

Razinow: Wer das will, dem schicke ich Informationen, indem ich Zitate unserer Nobelpreisträger verwende. Seit Februar lese ich immer mehr in deren Schriften und suche nach Zitaten, die auf unsere Situation passen. Dagegen gibt es kein Gesetz. So zeige ich meine Empörung.

Aus der Provinz, wo Viktor sich verkriecht, schickt er Fotos aus besseren Zeiten via Instagram in die Welt: er selbst als trauriger Clown, blonde 80er-Jahre-Filmsternchen aus Amerika, sein Bruder mit Gorbatschow und natürlich Billy Joel. Aber dazwischen postet er auch aktuelle Fotos davon, wie Friedenaktivisten festgenommen werden. „Eine größere Schande kann man sich nicht vorstellen“, schreibt er auf Russisch darunter. Er lobt ihren Mut, und auch er will nicht schweigen.

Viktor, haben sich die Russen vom Westen abgewandt? Haben sie die Freundschaft, die in „Leningrad“ besungen wird, aufgekündigt?

Razinow: Viele aus der Generation der 60-Jährigen denken immer noch so wie in der Sowjetunion, wo die Feinde im Ausland gesucht wurden. Für sie ging der Kalte Krieg nie zu Ende. 60 Prozent der Russen waren noch nie im Westen. Wer tatsächlich im Ausland war, hat eine andere Ansicht, hat Offenheit erlebt und sieht den Westen und die Menschen dort nicht als Feinde an.

Was wollen Sie Ihren Freunden im Westen sagen?

Razinow (schluchzt): Wehrt euch gegen Vorurteile. Nicht alle Russen sind gleich. Die Russen, die euch kennen, sind nicht eure Feinde. Sie werden niemals Feinde sein. Das Internet hilft uns bei der direkten Kommunikation. Das brauchen wir auf beiden Seiten. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.

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