„Tausend Zeilen“

Zwischen Dichtung und Wahrheit: Michael Herbigs Kinosatire über den Fall Relotius

Recherchiert auf eigene Faust: Elyas M’Barek als Reporter Romero in einer Szene des Films „Tausend Zeilen“.

Recherchiert auf eigene Faust: Elyas M’Barek als Reporter Romero in einer Szene des Films „Tausend Zeilen“.

Eine wirklich gelungene Mediensatire aus deutschen Landen? Da dürfte vielen „Schtonk!“ (1992) einfallen, jene freche Groteske über die gefälschten Hitler-Tagebücher, denen einst das Nachrichtenmagazin „Stern“ aufsaß. Und dann ist da noch „Kir Royal“ (1986) über die Münchner Schickeria rund um den Skandalreporter Baby Schimmerlos, ebenfalls von Dietl liebevoll vorgeführt. Damit wären wir auch schon bei einer Fernseh­serie.

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Nun wagt sich ein anderer bekennender Münchner, Michael „Bully“ Herbig, ins umkämpfte Mediengeschäft (er war auch schon 2012 in Dietls weniger treffsicheren Hauptstadtsatire „Zettl“ dabei). Herbig stützt sich in „Tausend Zeilen“ auf den zweiten großen Medienskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte, den Fall Claas Relotius. Der junge Reporter galt als Toptalent des „Spiegel“, überhäuft mit Preisen.

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Im Herbst 2018 kristallisierte sich jedoch heraus, dass viele der Geschichten in Teilen oder sogar komplett erfunden waren. „Spiegel“-Kollege Juan Moreno wunderte sich bei einer gemeinsamen Reportage über Bürgerwehren an der mexikanisch-amerikanischen Gren­ze über all die Ungereimtheiten, die Relotius ihm auftischte und über die seltsamerweise niemand anders gestolpert war. Er forschte nach. Das Ergebnis war sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“.

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Und weil der Starschreiber Relotius zuvor auch für viele andere Medien geschrieben hatte („SZ-Magazin“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, „Weltwoche“), setzte die große Nabelschau in der Branche ein. Die Krise des Erzähljournalismus wurde ausgerufen.

Herbig versteht zu viel von guter Unterhaltung, als dass er seine Satire „Tausend Zeilen“ allein im journalis­tischen Saft schmoren ließe. Er entdeckt in dieser Geschichte über Dichtung und Wahrheit einen klaren Fall von Hochstapelei, der über die Medienbranche hinausweist – und dem Regisseur die Chance eröffnet, nach Lust und Laune herumzufabulieren.

Lüge, auch bekannt als Fake News

Die Lüge, heute bekannt als Fake News, wird zum Programm erhoben. Besser als die Wahrheit klingt sie sowieso. Begeistert flunkert Herbig drauflos und erfindet zwischendurch sogar eine Legende über einen alten spanischen Fischer namens Lorenzo, der nun gar nichts mit der Angelegenheit zu tun hat.

Bei Herbig ist Claas Relotius, der hier Lars Bogenius (Jonas Nay) heißt, kein karrieristischer Unsympath – nicht einmal dann, als Kollege Juan Romero (ein zotteliger Elyas M’Barek mit ein paar Pfund mehr auf den Rippen) sein Lügengebäude zusammenstürzen lässt. Wenn der blass-blonde Bogenius im schicken Redaktions­gebäude des Nachrichtenmagazins „Chronik“ auftaucht, wird er sogleich unter die Fittiche der Chefs in den gläsernen Büros mit herrlichem Panoramablick auf den Hamburger Hafen genommen.

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Die großspurigen Medienmacher (Jörg Hartmann, Michael Maertens) wissen genau, welche Geschichten ihr bester Mann produzieren muss. Bogenius soll dann nur noch wie bestellt liefern.

Arizona grenzt an Mexiko

Gut, dass sich der Reporter im Laufe der Erfolgsjahre freigeschrieben hat von jeglicher journalistischer Ethik. Es merkt ja doch keiner was. Die viel gerühmte Dokumentationsabteilung des „Chronik“-Magazins stellt fest, dass Arizona an Mexiko grenzt. Da hat sie recht.

Bei Herbig ist Bogenius Täter, zugleich aber Getriebener in einer Branche, die auf Klickzahlen und (sinkende) Auflagen starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Einige kleine Exkurse über die kriselnde Medienindustrie liefern Herbig und sein Drehbuchautor Hermann Florin unaufdringlich nebenbei.

Kennen Bogenius’ Bedrängnisse nicht auch jene, die dem Journalismus fernstehen? Überforderung im Job, überzogene Erwartungen der Chefs, Sehnsucht nach dem schnellen Erfolg: Da können sich gewiss auch andere hineinfühlen. Die Grenzen zwischen Schein und Sein werden unscharf.

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Die Figuren dürfen hier immer wieder mal die sogenannte vierte Wand durchbrechen und direkt das Publikum ansprechen. Und siehe da: Offenbar bekommen die Leserinnen und Leser genau den Journalismus, nach dem sie verlangen. Wie heißt es so schön in der Führungsetage beim „Chronik“? „Die Leser wollen weniger Ulrich Wickert und mehr Quentin Tarantino.“

Hätte Herbig sich doch bloß getraut, noch viel genüsslicher in solchen Wunden zu bohren. Er dichtet statt­dessen dem Aufklärer Romero ein genauso anstrengendes wie erfüllendes Familienleben an. Vier Töchter und Ehefrau Anne (Marie Burchard) mögen ein Glück für Romero sein, der Film verliert jedoch an Schärfe.

Der harmoniebeflissene Herbig will, dass wieder alles gut wird. Ganz falsch liegt er damit nicht: Am Ende kam sich das System auch in der Wirklichkeit selbst auf die Schliche. Aber hat sich dadurch an den strukturellen Bedingungen etwas geändert?

Der kurzweilige Film „Tausend Zeilen“ macht Spaß. Aber er könnte noch viel böser sein.

„Tausend Zeilen“, Regie: Michael „Bully“ Herbig, mit Elyas M‘Barek, Jonas Nay, Marie Burchard, Jörg Hartmann, 93 Minuten, FSK 12

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