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Premiere von „Superpower“ bei Berlinale

Sean Penns Doku über Wolodymyr Selenskyj: auch in eigener Mission unterwegs

Sean Penn (links) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Szene des Dokumentarfilms „Superpower“.

Sean Penn (links) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Szene des Dokumentarfilms „Superpower“.

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Berlin. Eines zumindest muss man Sean Penn lassen: Er macht keinen Hehl aus der eigenen Unwissenheit, mit der er in die Ukraine gereist ist. Es ist eine Unwissenheit, die viele in den USA, aber auch in Europa gegenüber dem Land hatten, das nun schon seit einem Jahr durch den russischen Angriffskrieg im Fokus der Welt­öffentlichkeit steht.

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Penns Dokumentation „Superpower“ feierte am Freitagabend bei der Berlinale ihre Premiere. Ganz am Anfang stand 2019 die Idee, über diesen TV-Komiker namens Wolodymyr Selenskyj einen Film zu drehen, der zunächst in einer Serie als Geschichts­lehrer zum Präsidenten aufstieg, um dann tatsächlich selbst zum ukrainischen Staatsoberhaupt gewählt zu werden. Eine verrückte Geschichte, in der Penn und Co-Regisseur Aaron Kaufman Potenzial für einen originellen Dokumentar­film vermuteten. Aber spätestens als das Team Ende 2021 zum ersten Mal nach Kiew reist, wird bald klar, dass es hier um weit mehr als eine lustige Story geht.

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Sie interviewen die Aktivistinnen und Aktivisten des Euromaidan, die im November 2013 auf die Straße gingen, um dem korrupten Marionetten­­regime des amtierenden Präsidenten Wiktor Janukowytsch ein Ende zu bereiten. Mehr als 100 Menschen kamen bei den Protesten damals ums Leben. Aus den Gesprächen wird deutlich, was in der tagtäglichen Kriegs­berichterstattung verloren geht: Vor nur einem Jahr war die Ukraine eine aufstrebende demokratische Gesellschaft, in der es neben alltags­politischen Frustrationen und der Annexion der Krim auch eine große Hoffnung auf den Veränderungs­prozess im Lande und den Anschluss an Europa gab.

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Nach 45 Filmminuten tritt Selenskyj erstmals vor die Kamera

Aber nicht alle sind vor Kriegsbeginn gut auf ihren Präsidenten zu sprechen. Der ehemalige Schauspieler habe mit dem Amt nur noch ein größerer Star werden wollen, heißt es. Ein Angehöriger des Militärs sagt ganz offen, dass er nicht glaube, dass Selenskyj „die Eier“ habe, sich gegen Russland zur Wehr zu setzen, sollte es zum Angriff auf die Ukraine kommen. Ein Jahr später gesteht er seinen Irrtum gern ein.

Es dauert 45 Filmminuten, bis Selenskyj zum ersten Mal vor die Kamera tritt. Ausgerechnet für den 24. Februar 2022, als die ersten russischen Raketen auf Kiew niedergehen, hat sich Penn mit dem Präsidenten verabredet, der überraschender­weise an dem Treffen festhält. Und so wird die Kamera Zeuge, wie der zivile Politiker über Nacht zum Befehlshaber für die Verteidigung seines Landes wird. Schon in dieser ersten Nacht lässt der Präsident keinen Zweifel daran, dass er die Ukraine nicht verlassen und sich seiner Verantwortung stellen wird. Ein historischer Moment sicherlich, aber eben auch eine sehr kurze Filmszene, weil Selenskyj an diesem Abend natürlich noch Wichtigeres zu tun hat, als mit Sean Penn zu plaudern.

Sean Penn bei einer Presse­konferenz zu seinem Film auf der Berlinale.

Sean Penn bei einer Presse­konferenz zu seinem Film auf der Berlinale.

Insgesamt drei Gespräche zwischen Penn und Selenskyj sind in „Superpower“ zu sehen, der etwas verfälschend als Porträt des ukrainischen Präsidenten angekündigt wurde. In den relativ kurzen Sequenzen – eine davon per Zoom auf einem Laptop-Bildschirm – erlebt man Selenskyj, wie man ihn seit einem Jahr als Medien­persönlichkeit kennengelernt hat: klar, fokussiert, zugewandt und von unnachgiebiger Entschluss­kraft, wenn es um die Verteidigung seines Landes geht. Wer neue Hintergründe oder einen anderen Blick auf den Mann der Stunde erwartet, der wird von „Superpower“ enttäuscht. Dafür gibt das Gesprächs­material nicht genug her. Da muss man schon auf Sean Penns Kommentare vertrauen, der schon nach dem ersten Treffen sichtlich bewegt von einer „inspirierenden“ Begegnung spricht.

Sean Penn hört mit offenem Ohr zu

Was der Film an Selenskyj zu wenig hat, hat er an Penn zu viel. Immer wieder rückt sich der Hollywoodstar und bekennende Politaktivist selbst ins Bild, macht sich zum Ich-Erzähler, der das vornehmlich amerikanische Ziel­publikum mit auf seine abenteuerliche Reise nehmen und für die ukrainische Sache gewinnen will. Das ist sicherlich löblich, aber strukturell auch eher peinlich. Etwa wenn er in New York zwei ukrainische Piloten trifft, mit ihnen in „Top Gun: Maverick“ geht und nach dem Kinobesuch noch einen Videocall mit Hauptdarsteller Miles Teller organisiert – kann man ja machen, aber sollte man wirklich nicht stolz im Film präsentieren.

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Man muss Penn, der nach Beginn der Invasion Kiew in den Fluchtkonvois Richtung Polen verlassen hat, aber dann im Juli 2022 wieder in die Ukraine zurückgekehrt ist, zugutehalten, dass er den Menschen dort mit offenem Ohr zugehört hat und ihnen mit dem Film ein Forum bieten will. Aber hier wäre angesichts der interessanten Interview­partner vom Bankier über Militär­angehörige bis zur Fachfrau für Informations­politik sicherlich mehr Tiefe möglich gewesen. Dafür hätte man gern auf einige überlange Filmpassagen mit dem zerknitterten Gesicht des gestressten Regisseurs verzichtet. Penn ist eben doch mehr Schauspieler als Journalist.

Neben dem aufrichtigen Bemühen, dem gebeutelten ukrainischen Volk Gehör zu verschaffen, ist er in den ausgebombten Häusern Kiews und den Schützen­gräben des Donbass auch in eigener Mission unterwegs. Denn Penn entdeckt im mutigen Kampf der Ukrainer etwas, das dem amerikanischen Volk abhanden­gekommen ist: einen geeinten Willen, die eigene Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Und so schwingt in „Superpower“ bei allen guten Absichten auch die Sehnsucht eines frustrierten Liberalen mit, dessen Land tief gespalten ist und die eigenen demokratischen Werte nicht mehr zu schätzen weiß.

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