Exzentrisch schöner Pop

Eine Entdeckung, die es wert ist: Sängerin Weyes Blood und ihr neues Album

Untergang und Umarmung: Die amerikanische Sängerin Weyes Blood präsentiert mit dem Album „And in The Darkness, Hearts Aglow“ eine Sammlung schöner, dezent exzentrischer Songs über Pandemie und Post-Pandemie-Zeiten.

Untergang und Umarmung: Die amerikanische Sängerin Weyes Blood präsentiert mit dem Album „And in The Darkness, Hearts Aglow“ eine Sammlung schöner, dezent exzentrischer Songs über Pandemie und Post-Pandemie-Zeiten.

Dass wir im Kielwasser unglaublicher Veränderungen leben, singt Weyes Blood. Dass wir Menschen uns im Grunde alle fremd geworden sind. Dass Nähe nicht mehr stattfindet, man aber aus der Ferne nichts erkennen und verstehen kann. Menschen verletzen einander, Menschen sind verletzt, aber „alle bluten gleich“. Weyes Blood ist eine Sängerin, die man – endlich – kennenlernen sollte.

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„Barmherzigkeit ist die einzige Heilung“ – das ist die Erkenntnis von „It‘s Not Just Me, It‘s Everybody“, jenes Songs, der im Rennen um den schönsten Popsong des Jahres einen der obersten Ränge belegen dürfte und der Weyes Bloods neues Album „And in The Darkness, Hearts Aglow“ eröffnet, das mit Aimée Manns „Queen of The Summer Hotel“ und Lady Blackbirds „Black Acid Soul“ zu den hörenswertesten Veröffentlichungen von Sängerinnen der letzten zwölf Monate zählt. „Es geht nicht nur um mich, es geht um jeden.“ Ein Hohelied der verlorenen Empathie ist „It‘s Not Just Me ...“, das mit Streichern beginnt, die wie Espenlaub zittern.

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Wie ein Engelsseufzer aus den Sechzigerjahren

Bevor ein wohliges Piano den Ton angibt und ihn nie mehr abgibt, und bevor diese Stimme anhebt, die schön ist wie ein Engelsseufzer aus den Sechzigerjahren, die ein wenig an die bereits erwähnte Aimée Mann erinnert und ein wenig an Joni Mitchell (auch Karen Carpenter hört man als Einfluss) und von der Verbindung allen Lebens singt. Am Ende steigen Chöre auf, eine Harfe glitzert, das „nicht nur ich“ wird jetzt dringlicher. Wirklich alle werden hier umarmt.

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Brian Wilson könnte verzückt sein, John Cale ist es schon

Weyes Blood, die eigentlich Natalie Mering heißt, im kalifornischen Santa Monica in eine tiefreligiöse Familie geboren wurde, in Pennsylvania aufwuchs und als Bassistin des experimentellen Musikerkollektivs Jackie-O-Motherfucker aus Oregon begann, bevor sie ihre Stimme entdeckte und mit „The Outside Room“ (2011) zur Solokünstlerin avancierte, steuert mit ihrem fünften Album auf ein breiteres Publikum zu.

Der schwelgerische Pop hier hat zuweilen einen Folkeinschlag wie bei „Grapevine“, zuweilen Beach-Boys-Grandezza – die Melodiösität und das unterseeische Funkeln von „Children of The Empire“ würden einen Brian Wilson hellauf verzücken. Verzückt ist jetzt schon John Cale – der Velvet-Underground-Mitbegründer lässt sich von Blood auf der Vorabsingle „Story of Blood“ seines für Januar angekündigten neuen Albums „Mercy“ begleiten.

„God, Turn Me Into A Flower“ erinnert an Bloods Anfänge

„Bob Seger trifft Enya“ hat Blood ihren Sound einmal genannt. Vom Rock-‘n‘-Roller aus Detroit ist zunächst allerdings wenig bis nichts zu hören. Und wo die New-Age-Irin Enya Vierminutengemmen mit keltischer Note hörbar für die vorderen Plätze der Singlecharts schleift, sind die zum Teil sechsminütigen Songs von Weyes Blood strukturell offener und inhaltsschwerer.

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Der Wunsch nach Sanftmut in „God, Turn Me Into A Flower“ beispielsweise wird erbracht wie ein Gebet in Sound, ätherisch, durchwirkt von elektronischem Vogelgezwitscher. „Es ist gut, weich zu sein, wenn sie dich niederdrücken / oh Gott, verwandle mich in eine Blume“, singt Mering. Man hört hier heraus, dass sie einst in Gospel- und Madrigalchören begann. Und man hört die Schule von Jackie-O-Motherfucker.

Mit „Titanic Rising“ begann der Aufstieg von Weyes Blood

„Titanic Rising“ hieß der Vorgänger, der Weyes Bloods eigentlicher Durchbruch im angloamerikanischen Raum war, sich 2019 weit oben in den amerikanischen und englischen Indie-Charts platzierte und vom britischen „Guardian“ ob seiner „cinematic dreams“ gefeiert wurde, mit denen Mering ihre Angst vor dem ökologischen Weltdesaster illuminierte. Zusammenbruch des Erdklimas, Zusammenbruch des Kapitalismus, Aufstieg der Menschenverächter.

„Frei heraus – es ist ein Wunder, dass Natalie Mering nicht nette Mainstream-Lady-Muzak macht“, schrieb Kritikerin Kitty Empire damals, frohlockte ob der „old-school beauty“ in ihrem Timbre, der Eleganz in den Arrangements und der „Anmut in einer Zeit tumulthafter Unruhe“. Der Titel des Albums verdankte sich Merings Liebe zu der glücklosen Romanze zwischen Rose (Kate Winslet) und Jack (Leonardo DiCaprio) in James Camerons Katastrophenfilm „Titanic“. Popcorn unter Tränen – auch Weyes Bloods Album war freilich eins des Untergangs.

„And in The Darkness, Hearts Aglow“ ist nun ein Album, das von der Suche nach dem Ausweg handelt, auch wenn Blood immer noch „Autopannen in Geisterstädten“ hat wie in „Grapevine“, das davon erzählt, wie Zweisamkeit zerschellen kann. Inmitten eines Hurrikans aus Krisen und Unheil sehnt sich die Sängerin nach Verbundenheit, sieht sie sich selbst als Barrikade gegen die Desillusionierung: „Mein Herz ist ein Leuchtstab“, sagt Mering, „der geknickt wurde, und meine Brust in einer Explosion von Ernsthaftigkeit erglühen lässt.“

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Der Satz ist auch eine Beschreibung des kitschigen Erlöserinnen-Covers, das Blood im weißen Unschuldskleid zeigt, und das zugleich an Glutäugige-Esmeralda-Drucke und die Herz-Jesu-Bildnisse in zahllosen Bürgerstuben erinnert. Es ist Bloods Liederbuch über die Pandemiejahre, die Jahre verordneter Einsamkeit, die Jahre ohne Bühne. All das ist vorbei, aber das Echo der leeren Zeit hallt bis heute.

Kurz vor Schluss erinnert „The Worst Is Done“ doch noch an Bob Seger. Abseits der Ufogeräusche, die den Song durchschwirren, könnte das eine schunkelnde Nummer für Segers Erfolgsalbum „Against The Wind“ (1980) sein, ein traut hingeklampftes Stück Americana – das indes doppelten Boden hat. Die Eingangszeile „Es war ein langes, seltsames Jahr / Alle sagten, sie hätten verloren, was sie zu haben glaubten“, ist eine Beschreibung der Lockdown-Welt von Corona. Die Hoffnung ist trügerisch „Sie sagen, das Schlimmste sei vorbei / Und es sei Zeit hinauszugehen / weiterzumachen, wo wir aufgehört haben“, singt Blood mitten im Song. An dessen Ende sie Scherben betrachtet: „Ich glaube, das Schlimmste kommt erst noch / und ich höre es jetzt von jedem und jeder / dass wir nach alldem zerbrochen sind.“

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Dann noch als Rausschmeißer „A Given Thing“ – ein gesprochenes Plädoyer für die „immerwährende Liebe“. Das Lied greift aus auf das nächste Album, mit dem Blood eine Trilogie abschließen will. Die Freunde von Märchenbüchern, Disneyfilmen und einlullenden Stimmen wie der von Weyes Blood glauben hier gern ihren Hinweisen auf tröstliches Ende. Bei aller Schönheit der Musik – wir würden nicht darauf wetten.

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Weyes Blood – „And in The Darkness, Hearts Aglow“ (Sub Pop)

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