Ausstellungsikonen

Neue Hoffnung: Gläserne Figuren in Dresden können wohl erhalten bleiben

Zwei gläserne Figuren stehen im Depot des Deutschen Hygiene-Museum. Die Gläsernen Figuren aus dem Deutschen Hygiene Museum Dresden sind Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts.

Zwei gläserne Figuren stehen im Depot des Deutschen Hygiene-Museum. Die Gläsernen Figuren aus dem Deutschen Hygiene Museum Dresden sind Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts.

Dresden. Vergilbung, Schrumpfung und Brüche der Kunststoffhaut, Austritt von Weichmacher und Säure - das Alter ist einigen der im Deutschen Hygiene-Museum Dresden (DHMD) bewahrten Gläsernen Figuren ganz deutlich anzusehen. „Das Celluloseacetat, aus dem sie besteht, altert sehr schnell, und zwar in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit“, erklärt Julia Bienholz-Radtke, die ein Forschungsprojekt dazu leitete. Zu viel ist auch bei der Temperatur Gift für die durchsichtige Hülle der „Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts“. „Bei einer Temperatur von 15 Grad und etwa 30 Prozent relative Feuchte“ könne ihr Alterungsprozess aber verzögert werden.

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Die Sammlung des DHMD umfasst vier Männer, vier Frauen, eine Kuh, eine Schwangere und zwei Gläserne Zellen, die zwischen 1935 und 2000 hergestellt wurden. Darunter ist auch eine Frau von 1935/36 aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin. „Ein Rücktransport wäre zu riskant“, sagt Leiterin Susanne Roeßiger. Die ältere Dame soll schon bald das richtige Klima bekommen. „In den Ausstellungsräumen sind 21 bis 24 Grad und 50 bis 55 Prozent Luftfeuchte“, sagt Bienholz-Radtke. In ihre offene Vitrine könne eine Kühlkammer eingebaut werden. Der Freundeskreis des Museums sammelt Geld für mehr Frische.

Restaurierung kommt nicht in Frage

Eine Restaurierung der anatomischen Objekte aus Kunststoff, die den Blick ins Innere, auf Skelett, Organe und Blutbahnen von Mensch und Tier bieten, kommt laut Roeßiger nicht in Frage. „Wir können nur den Alterungsprozess verlangsamen.“ Fünfeinhalb Jahre haben Restauratoren und Naturwissenschaftler in Dresden und Köln das bis in die 1980er Jahre zur Produktion der transparenten Körpermodelle verwandte Material erforscht - und eine Strategie gegen die starken und schnell ablaufenden Alterungsprozesse beim Celluloseacetat vorgelegt.

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Für DHMD-Direktorin Iris Edenheiser war das „wertvolle Pionierarbeit“ für den Umgang mit dreidimensionalen Objekten aus Celluloseacetat. Die Ergebnisse könnten auch von anderen Institutionen genutzt werden. Untersucht wurden 16 Gläserne Figuren, auch im Besitz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, in Universitäten und Hochschulen in der Slowakei, in Finnland und Deutschland. Per Fragebogen erfasst wurde zudem der Zustand dreier weiterer Figuren unter anderem im Palais de la Découverte in Paris.

Alterung des Kunststoffes wird simuliert

Zwischen 1930 und 1999 wurden mehr als 130 Gläserne Figuren im Haus hergestellt. Etwa 40 Menschen und Tiere sind mit ihrem heutigen Standort bekannt. Bei weiteren rund 40 konnten zumindest Hinweise zum Verbleib recherchiert werden. „Essigsäure im Kondensat des Kunststoffs greift Metallteile - das Skelett aus Aluminium und die Drähte - an und löst die Lackschicht der Knochen auf“, beschreibt Christoph Herm von der Dresdner Hochschule für Bildende Künste mögliche Schäden. Ein stark ramponierter Gläserner Mann von 1935, der eine Sensation auf der Pariser Weltausstellung 1937 war, und die Gläserne Kuh von 1982/83 im DHMD sind bereits konserviert.

Bei dem 2016 begonnenen und von der VolkswagenStiftung geförderten interdisziplinären Forschungsprojekts wurden die Alterung des Kunststoffs simuliert und die optimalen klimatischen Bedingungen definiert. Mit dem richtigen Klima werde der Verfall deutlich verlangsamt, sagt Restaurator Jakob Fuchs „Je kälter, desto besser, jedes Grad kann Jahre zusätzlich bedeuten.“ Daher brauchen die Objekte künftig extra klimatisierte Räume im Depot sowie spezielle Vitrinen, wenn sie ausgestellt werden.

Gläserne Figuren machten erstmals das Innere des Körpers sichtbar, ohne ihn aufzuschneiden. Die Bezeichnung „gläsern“ steht als Synonym für diese Transparenz. Den Prototyp des Gläsernen Menschen entwickelte Modellbauer Franz Tschackert ab 1925 am DHM. Bis dahin gab es sogenannte Spalteholz-Präparate von Organen, die transparent waren und von hinten beleuchtet werden konnten. Bis zur Jahrtausendwende wurde noch im Haus produziert, zuletzt aus Acrylglas und auch zu Lehrzwecken für Universitäten, sagt Roeßiger. Und es gebe nach wie vor viele Leihanfragen. „Mit dem Aufkommen neuer Medien zur Betrachtung des Körperinneren hat sich ihre Bedeutung geändert, aus dem anatomischen Erklärmodell ist ein kulturhistorisches Objekt geworden.“ 2024 soll ihre Ausstellungskarriere eine Fortsetzung finden, verspricht DHMD-Chefin Edenheiser.

Von RND/dpa

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