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Konzertkritik

17 Hippies im Rotfruchtrausch

Der Berliner Band 17 Hippies mit Akkordeonfrontfrau Kiki Sauer im Kleinen Saal des Alten Schlachthofs.

Der Berliner Band 17 Hippies mit Akkordeonfrontfrau Kiki Sauer im Kleinen Saal des Alten Schlachthofs.

Dresden. Licht aus, die Glocken schlagen, raus zu den Leuten und alles wagen: Die 17 Hippies erobern in gewohnt weltmusikalischer Souveränität ihr Terrain, in ihrer „Bastion Dresden“ seit jeher der kleinere Saal im Alten Schlachthof. Dabei wachsen sie nicht an Wagnissen, sondern reifen wie Wein und servieren mit „Kirschenzeit“ ihr Album aus der frühsommerlichen Blüte des vergangenen Jahres, erneut eine runde Melange, die man leicht und locker gedankenkreiselnd genießen kann.

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Als optischer Blickfang drei Windräder oben im Hintergrund, die sich, durchaus rhythmisch angepasst, unterschiedlich schnell im Uhrzeigersinn drehen. Im größten Auge der sanften Windung wohnt ein kleines, das entgegengesetzt rotieren darf. Ansonsten wartet wie bewährt ein ausbalancierter Sound und eine phantasiereiche Lichtshow.

Eine Hippie-Eigenart

Die Bandhistorie zählt nun zarte 22 Lenze. Derartig gereift und mit mittlerweile 17 Alben am deutschen Markt, spielen die 17 Hippies völlig unaufgeregt ihren Reigen, natürlich vor allem aus dem neuen Album generiert, wobei „Wach vor Liebe“, gesungen von Akkordeonfrontfrau Kiki Sauer, die einem herzklauenden Clown eine Ode haucht, aber auch „Pierre et Blanche“ und „Wie ein Tier auf Deinem Arm“ live noch herausragen.

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Die Hippie-Eigenart schlechthin: Sie nehmen sich in seltenem, nahezu orchestralem Einklang Zeit, die Titel als organische Gebilde zu entwickeln, die Musik fließt wie natürlich von dannen, so als könne es nur so und nicht anders sein, um dann – so wie „Zwei Fische“ – als goldener Paarschwarm im Meer anzukommen.

Internationale Einflüsse

Es dominieren – wie im Saal – auch oben auf der Bühne die unaufgeregten Typen, die in handwerklicher Perfektion im Zusammenspiel derart brillieren, dass die sehr theatralischen Ganzkörperdirigate von Christopher Blenkinsop eigentlich nicht wirklich nötig wären.

Doch der Mitgründer der Band, ein Fan kleinster Gitarrenarten und wie gewohnt souverän an Ukulele, Bouzouki und Oud aktiv und für die meisten der englischsprachigen Gesangsparts zuständig, darf das, denn er symbolisiert biografisch die vielen weltmusikalischen Falten und Facetten der Berliner Combo: Als Sohn einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters wurde er in Manila geboren und wuchs in Kairo, Casablanca, Teheran und Jakarta auf.

Zwei Stunden, zwei Zugaben

Neben Sauer und Blenkinsop ist Gitarrist Dirk Trageser, ein wahrhaft grauer Zopf aus der frühen Wader-Ära, der dritte Solo-Sänger im Kreise und wagte die Bemerkung, dass das Publikum doch für sein Alter noch ganz gut klatschen könne, während er danach Mobilat für die Schultern brauche. Nachdem er seinen diesjährigen Karma-Überschuss bekundete, waren ihm nach zwei Stunden Spielzeit plus zwei Zugaben etliche kostenlose Umarmungen am Merch-Stand sicher.

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Nebenher karikieren die 17 Hippies den gemeinen Quotenquatsch, denn den drei Frauen, zu denen zehn Männer stehen, ist ihre Harmonie im Kirschrausch garantiert wichtiger als eine numerische Reduzierung der Männ- oder gar Ausweitung der Weiblichkeit. Genauso logisch könnte man eine Jugend-, Elektronik- oder gar Posaunenquote fordern.

Von Andreas Herrmann

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