Nirvanas Ein-Dollar-Baby klagt – nicht das erste Albumcover, das für einen Skandal sorgt

Der Kapitalismus nimmt einen sofort an seinen Haken: Das Foto des damals vier Monate alten Spencer Elden machte das Cover von Nirvanas „Nevermind“ 1991 legendär.

Der Kapitalismus nimmt einen sofort an seinen Haken: Das Foto des damals vier Monate alten Spencer Elden machte das Cover von Nirvanas „Nevermind“ 1991 legendär.

„Mach dir keine Gedanken“ heißt der Albumtitel auf Deutsch übersetzt. Nirvanas zweites Album „Nevermind“ brachte der bis dato wenig bekannten Band um Kurt Cobain im Herbst 1991 den Durchbruch. Und Grunge, der zornig-lärmige Rock aus Seattle, lieferte fortan den Sound der Neunzigerjahre, der in alle Bereiche der Popmusik vordrang. Das Cover zeigte ein vier Monate altes Baby im Wasser, das einer angehakten Dollar-Note entgegenschwimmt. Der Winzling von einst, Spencer Elden, ist heute erwachsen und möchte jetzt jeweils 150.000 Dollar von Cobains Erben und den noch lebenden Nirvana-Mitgliedern. Insgesamt sollen mehr als 12 Parteien verklagt werden, heißt es.

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Elden beklagt „extremes und dauerhaftes seelisches Leid“

„Zu kommerziellen sexuellen Handlungen“ sei der minderjährige Elden damals gezwungen worden, heißt es in der Klage. Den Schadensersatz möchte er wegen „lebenslanger Schäden“ – „extremem und dauerhaftem seelischen Leid mit körperlichen Auswirkungen“, „lebenslangem Verlust von Erwerbsmöglichkeiten“ und „Verlust an Lebensfreude“. Der Fotograf Kirk Weddle habe die Eltern, seine Freunde, damals im Unklaren gelassen. 200 Dollar erhielten sie und sahen dann das Megaposter des Covers am Sunset Boulevard. Das Baby wirke wie ein Sexarbeiter, der nach seiner Entlohnung greife, moniert die Klageschrift.

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Genau das meinte Kurt Cobain nicht. Das Ein-Dollar-Baby war ihm Synonym für den Kapitalismus, der die Menschen von Geburt an an den Haken nimmt und zugleich für Bands, die von großen Plattenfirmen geködert (und dann oft musikalisch verbogen) werden. Die Plattenfirma Geffen warnte, dass der deutlich zu sehende Penis des Babys für Probleme sorgen könnte. Das einzige, was Cobain indes akzeptiert habe, sei ein Aufkleber über dem Babygenital. Aufschrift: „Wenn Sie sich hierüber aufregen, müssen Sie ein heimlicher Pädophiler sein.“

Das Cover von „Nevermind“ war kein großer Aufreger

Nirvanas Album wurde zum Klassiker. Und das Cover weit weniger scharf diskutiert als etwa John Lennons und Yoko Onos „Two Virgins“ von 1968. Das berühmte Paar war darauf splitternackt zu sehen. Plattenhändler verweigerten den Verkauf, die Plattenfirma umhüllte die Nackedeis mit braunem Packpapier und Lennon regte sich über die Verklemmtheit der Leute auf.

John Lennons und Yoko Onos Albumcover „Two Virgins“.

John Lennons und Yoko Onos Albumcover „Two Virgins“.

Nicht zum ersten Mal. Das Schlachthaus­cover von „Yesterday and Today“ mit den sonst so netten Beatles in Metzgerkitteln samt geköpfter Babypuppe hatte zwei Jahre zuvor Amerika verstört und wurde von Capitol Records umgehend durch ein harmloses „Beatles mit Schrankkoffer“-Bild ersetzt. Kloschüsseln wurden von Alben der Mamas & Papas (1966) und der Rolling Stones (1968) gestrichen. Guns N’ Roses hatten auf der Hülle von „Appetite for Destruction“ (1989) eine vergewaltigte Frau. Totales No-Go.

Auch die Scorpions hatten mit „Virgin Killer“ keine bösen Absichten

Wie „Virgin Killer“, das Durchbruchs­album der Scorpions von 1976. Darauf war ein offensichtlich minderjähriges Mädchen zu sehen, wobei ein Glasbruch in Höhe des Schritts den Blick auf ihre Vagina verstellte. Fans diskutierten über das Pornografische des Bildes, die Bundesprüfstelle indizierte es nie, die Plattenfirma reagierte dennoch und tauschte es gegen ein Foto der Band.

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Die Scorpions waren dabei nicht die erste Rockband, die nackte Kinder aufs Plattencover hob. Vor ihnen war da Eric Claptons Band Blind Faith, auf deren gleichnamigem (einzigen) Album 1969 eine rothaarige nackte Minderjährige einen Dildobomber in den Händen hielt. Und auf Led Zeppelins „Houses of the Holy“ von 1973 krochen nackte Nymphen über psychedelische Felsbrocken.

„Die Glasscheibe steht für die verlorene Unschuld des Menschen“, erklärte Scorpions-Gitarrist Rudolf Schenker in einem Interview in Hannover, als spät, 2008, das FBI ermittelte. „In dem Text geht es dabei nicht um Sexuelles, sondern um die seelische Unschuld, die irgendwann zerbricht, durch politische und mediale und sonstige Einflussnahmen. Das war’s.“ Das Kindermodel klagte nie, 1998 traf es die Band. „Eine junge Frau, die locker drauf war und kein bisschen geschädigt. Wir gingen alle essen und sie sagte, sie fände das Cover immer noch toll“, so Schenker.

Elder fand sein Nirvana-Cover lange Zeit cool

Und auch Elder machte sich lange Zeit keine Gedanken, fand sein Babyfoto lange Zeit „cool“ und „positiv“, es habe ihm „Türen geöffnet“. Zum zehnjährigen und zum 25-jährigen Jubiläum ließ er an das Cover angelehnte aktuelle Fotos von sich im Pool anfertigen. Noch 2015 wollte er ein weiteres Bild machen, wie er dem „Guardian“ verriet. Der Sinneswandel kam ein Jahr später. Wenn „ich zu einem Baseballspiel gehe und daran denke: ,Mann, jeder hat wahrscheinlich meinen kleinen Babypenis gesehen‘, fühle ich mich, als hätte man mir einen Teil meiner Menschenrechte entzogen“, sagte er dem „Time“-Magazin.

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Argumentiert wird jetzt mit dem fehlenden Aufkleber. Indem Nirvana sich damals dagegen entschieden, hätten sie versäumt, ihn, Elder, vor sexueller Ausbeutung zu schützen.

Vonseiten der Verklagten war bislang nichts zu der Anklage zu hören. Am 24. September wird „Nevermind“ 30 Jahre alt.

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