Exzentrischer Schauspieler

Hollywoodstar zwischen Genie und Wahnsinn: Nicolas Cage spielt sich jetzt selbst

„Ich werde mir diesen Film niemals anschauen“: Nicolas Cage wirbt auf ungewöhnliche Weise für „Massive Talent“.

Einer seiner verrücktesten Filme aus jüngster Zeit heißt „Pig“. Da spielt Nicolas Cage einen zotteligen Eremiten, der in einer Hütte in Oregons dichtesten Wäldern haust. Eines Tages wird sein Trüffelschwein namens Apple gestohlen. Der Einsiedler macht sich auf in die Zivilisation, um die gekidnappte Sau heimzuholen.

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Klingt absurd? Ist aber eine herzzerreißende Geschichte.

Mit dem Film hatte Cage endlich mal wieder richtig Schwein: Die Independent-Filmszene liebte „Pig“ (2021) mindestens ebenso sehr wie der Waldschrat das Rüsseltier. Leider hat es „Pig“ nicht in deutsche Kinos geschafft. Das ist der einstige Hollywood-A-Star längst gewohnt, der inzwischen vorzugsweise B-Movies dreht. Die meisten landen direkt auf dem Homevideomarkt. Allein im Vor-Corona-Jahr 2019 brachte Cage es auf insgesamt sieben Filme.

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Er gibt sich auch sonst für allerlei Absonderlichkeiten her: Für Netflix moderierte er eine Serie mit dem enzyklopädischen Titel „Die Geschichte der Schimpfwörter“. Cage saß in einem ledernen Wohnzimmersessel und erklärte eben jene.

Seine Arbeitswut hat nicht zuletzt monetäre Gründe. In seinen besten Zeiten strich Cage Gagen von 20 Millionen Dollar pro Film ein. Seine mehr als 100 Filme spielten rund 6 Milliarden ein. Dennoch brachte er das Kunststück fertig, 2009 eine Steuerschuld von 14 Millionen Dollar anzuhäufen. Damals musste er auch das erst wenige Jahre zuvor erstandene Schloss Neidstein in Etzelwang in der Oberpfalz wieder verkaufen – nur eine seiner extravaganten Immobilien. Seine Bahamasinsel, heißt es, hat er vor dem Fiskus retten können.

Die Ehe hielt vier Tage

Der Mann lebt nun mal seinen eigenen Stil. Seinen zweiten Sohn taufte er „Kal El“ nach dem Geburtsnamen von Superman. Einen Dinosaurierschädel aus einer Kunstgalerie in Beverly Hills schnappte er Leonardo DiCaprio für eine Viertelmillion Dollar vor der Nase weg – und musste dann das gute Stück an die Mongolei zurückgeben, weil es gestohlen war. Eine seiner Ehen hielt nur vier Tage – passenderweise geschlossen in Las Vegas. Zuvor war er auch mal kurzzeitig mit Lisa Marie Presley, Tochter von Elvis Presley und Ex-Frau von Michael Jackson, verheiratet.

Andere hätten mit solch horrenden Schulden Insolvenz angemeldet, Cage dreht seitdem im Akkord. Dem „Rolling Stone“ hat er gesagt: „Ich glaube, dass ich in meiner sogenannten Direct-to-Video-Periode einige der besten Arbeiten meines Lebens abgeliefert habe.“ Sonst teilen große Maler ihre Karriere in Perioden ein.

Der 1964 geborene Neffe des Regisseurs Francis Ford Coppola begann seine Karriere unter dessen Fittichen („Cotton Club“, 1984). Den prominenten Nachnamen Coppola legte er früh ab, um sich unabhängig vom Familienclan durchzusetzen.

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Oscar-Triumph: „Leaving Las Vegas“

Als Babyentführer tat er sich in der abgedrehten Komödie „Arizona Junior“ (1987) der Coen-Brüder hervor. Endgültig auf sich aufmerksam gemacht hatte er zuvor in Allen Parkers „Birdy“ (1984). Zur Vorbereitung auf die Rolle eines traumatisierten Vietnam-Veteranen ließ er sich zwei Schneidezähne ziehen. Ohne Narkose.

Sein Oscartriumph liegt schon ziemlich lange zurück: In Mike Figgis’ Trinkerdrama „Leaving Las Vegas“ soff er sich in der Rolle eines depressiven Drehbuchautors 1995 systematisch zu Tode. Nicht einmal von einer hingebungsvollen Prostituierten (Elisabeth Shue) ließ der Mann sich retten. Auf dem Grund eines Swimmingpools setzte er die Flasche an den Hals – inzwischen ein ikonischer Moment der Filmgeschichte.

Nicholas Cage und Elisabeth Shue in „Leaving Las Vegas“.

Nicholas Cage und Elisabeth Shue in „Leaving Las Vegas“.

Zur Vorbereitung auf die Rolle betrank sich Cage heillos und ließ sich dabei filmen. Schließlich brauchte er Ansichtsmaterial seiner selbst. Hinterher lobte alle Welt die wirklichkeitsnahe Härte seines Leinwandabsturzes. Zugleich aber fiel seine ungewohnt melancholische Zurückgenommenheit in diesem Film auf.

„Ich bin zurück“

Mit Fug und Recht lässt sich behaupten, dass Cage vor wenig zurückschreckt – nicht einmal vor Nicolas Cage selbst. Den spielt er jetzt in der Actionkomödie „Massive Talent“ (Kinostart: 16. Juni). Der englische Originaltitel wird deutlicher: „The Unbearable Weight of Massive Talent“ – das unerträgliche Gewicht geballten Talents. Über Selbstironie scheint der Mann zu verfügen.

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Andererseits ist die Idee auch nicht ganz so einzigartig: John Malkovich stieg in „Being John Malkovich“ (1999) schon mal in seinen eigenen Kopf und spielte mit seiner eigenen Identität.

In „Massive Talent“ gibt Cage einen abgehalfterten Hollywoodstar, der Film um Film herunterkurbelt und dennoch auf dem absteigenden Ast ist. Der Leitspruch von Kino-Cage lautet bei jedem winzigen Hoffnungszeichen: „Ich bin zurück.“ Darauf folgt der unvermeidliche Zusatz: „Ich war aber nie wirklich weg.“ Das beschreibt Cages Situation im wirklichen Leben ziemlich gut.

Goldene Pistolen aus „Face/Off“

Die Handlung der Klamaukkomödie geht so: Der bankrotte Cage lässt sich für eine Million Dollar kaufen, als Ehrengast die Geburtstagsfeier eines Mallorca-Reichen zu krönen. Der Inselkönig entpuppt sich nicht nur als sein größter Fan, sondern ist auch tief verstrickt in mafiöse Waffendeals. Plötzlich muss Cage in Actionheldmanier seine Familie retten. Da wird der Film leider läppisch.

Zuvor aber darf sich der Schauspieler nach Lust und Laune durch seine Filmografie zitieren. Die beiden goldenen Pistolen aus dem Psychothriller „Im Körper des Feindes – Face/Off“, das Kuscheltier für die Tochter aus dem knallharten Gefangenenfilm „Con Air“ (beide 1997) sowie die Szene, in der er in „Leaving Las Vegas“ im Hotelpool abtaucht: alles dabei.

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Nicolas Cage mit den beiden goldenen Pistolen aus dem Psychothriller „Im Körper des Feindes – Face/Off“.

Nicolas Cage mit den beiden goldenen Pistolen aus dem Psychothriller „Im Körper des Feindes – Face/Off“.

Ausgelassen werden Auftritte als gefeierter Charakterdarsteller wie als Rettungssanitäter in Martin Scorseses „Bringing out the Dead“ (1999). In David Lynchs Gangster-Roadmovie „Wild at Heart“ trug Cages liebestrunkener Sailor eine Schlangenhautlederjacke und sang – stehend auf dem Autodach – Elvis-Presley-Lieder für seine Braut Luna (Laura Dern).

Dank Computertechnik taucht im „Massive Talent“-Film eine jüngere Cage-Ausgabe auf. Der weitgehend faltenfreie „Nicky“ heizt dem Älteren ordentlich ein, an seinem Starstatus festzuhalten. Diese Szenen sind die verrücktesten im Film.

Cages Hang für den deutschen Expressionismus wird ebenso gewürdigt. Sein Lieblingsfilm ist „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene aus dem Jahr 1920. Wobei böse Zungen behaupten, dass Cage die grotesken Übertreibungen des Stummfilms in sein Spiel eingebaut habe, ohne zu bemerken, dass er auf der Leinwand auch sprechen darf.

Andere wissen sein Overacting zu schätzen. Lynch nannte ihn den „Jazzmusiker des amerikanischen Schauspiels“. Manche ziehen Parallelen zur Unbändigkeit eines Marlon Brando. Cage bezeichnet seinen Spielstil als „Nouveau Shamanic“ und verbindet den Ausdruck mit den Trancezuständen von Heilern und Sehern.

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Mit „Massive Talent“ hat Cage seinen Platz in der Filmgeschichte zwischen Genie und Wahnsinn weiter gefestigt. Als freier Radikaler im System Hollywood geht er seinen Weg – wenn er nicht gerade mit seinen Katzen Merlin und Teegra sowie seiner Krähe ein „Leben der Kontemplation“ führt, wie er selbst sagt. Das allerdings hält er nicht lange aus. Den „Hollywood Reporter“ ließ er wissen: „Ich bin ein besserer Mensch, wenn ich arbeite. Ich will nicht der Typ sein, der am Pool sitzt und sich mit Cocktails und Dom Perignon zudröhnt.“

Seine Schulden hat er nach eigenen Angaben dank „Massive Talent“ abgestottert. Womöglich beginnt nun eine neue künstlerische Periode im Leben des Nicolas Cage.

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