Manfred Krugs Sohn Daniel: „Mein Vater war ein schwieriger Charakter“

Herr Krug, das Tagebuch Ihres Vaters aus den Jahren 1996 und 1997 ist gut 25 Jahre alt. Warum erscheint es denn erst jetzt?

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Weil mein Vater zu Lebzeiten tunlichst darauf geachtet hat, dass da niemand reinschaut. Auf der anderen Seite gibt es aber ganz sichere Anhaltspunkte dafür, dass er eine Veröffentlichung im Hinterkopf hatte und sich gewünscht hat, dass das Tagebuch irgendwann erscheint.

Sie meinen den Eintrag „Sollte sich ein Verlag finden, der diese Notizen drucken will, so wäre es gut, wenn ein ordentlicher Schreiber das Ganze ein bißchen einköcheln würde“?

Das ist das Konkreteste, was auf den Wunsch einer Veröffentlichung hinweist. Aber es gibt noch andere Indizien. Es gab zwei dicke Leitz-Ordner, die bis oben hin voll waren mit Seiten aus den Tagebüchern. Die standen unverschlossen im Regal und waren quasi für jedermann im Haushalt zugänglich. Und Menschen in seiner Nähe wussten, dass er Tagebuch schreibt. Seine Tochter Marlene, meine Halbschwester, wusste das, und deren Mutter Petra Duda, und auch meine Schwester Fanny hatte es durch die Blume mitbekommen, nur ich hatte keine Ahnung davon.

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„Mir war nicht klar, dass mein Vater Tagebuch führt“

Ach so. Sie haben es erst jetzt erfahren, als Sie sich damit beschäftigt haben?

Im vergangenen Frühjahr habe ich es erfahren. Mir war das vorher nicht klar, dass er Tagebuch schreibt. Aber ich habe 1996/97 auch schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr im Haus gelebt, sondern war da nur noch Gast. Ich wusste zwar, dass mein Vater schreibt, seine Kurz­geschichten, seine Erinnerungen, die als „Mein schönes Leben“ erschienen sind. Aber dass er auch Tagebuch führt, war mir nicht klar.

Dass Ihr Vater tunlichst vermeiden wollte, dass einer sein Geschriebenes lesen kann, wird im Tagebuch sehr deutlich, als Ihr Vater seinen Schlaganfall erleidet. Im Nachhinein schreibt Manfred Krug über diesen Moment: „Niemand sollte meine Notizen lesen, das war mir das Wichtigste. Immer wieder wollte ich sagen, daß der Computer abgeschaltet werden müsse. Ich brachte es nicht heraus. Noch als ich hinstürzte und spürte, daß der rechte Arm nicht mehr in der Lage war, auf den Computer zu zeigen, wollte ich es sagen.“

Ganz genau. Das scheint ihm schon sehr wichtig gewesen zu sein, zumal sich da ja auch viele private Einträge im Tagebuch finden, von denen wir jetzt nicht alles im Buch lesen können. Es finden sich auch Dinge, die juristisch damals, als er sie aufschrieb, noch eine ganz andere Brisanz gehabt hätten, als sie heute haben. Es ist mittlerweile eine Menge Gras über viele Angelegenheiten gewachsen.

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Warum haben Sie sich entschlossen, das Hörbuch zu lesen?

Ich habe mich fürchterlich an der Idee gestört, dass eine andere, selbst berühmte und identifizierbare Stimme den Krug liest, den Manfred Krug, der in Ich-Form schreibt, der aus seinem Innersten berichtet. Stellen Sie sich dazu die Stimme von Christian Brückner oder Christian Berkel vor, die Stimmen erkennen Sie sofort. Und dann reden diese Stimmen, als wären Sie Krug. Das kam mir falsch vor. Dann ging mir durch den Kopf: Wenn wir jetzt im Umkehrschluss eine unbekannte Stimme nehmen, dann kannst du es auch selbst versuchen.

Haben Sie das als Sohn frei von der Leber weg gelesen?

Nein. Ich habe mich schon intensiv darauf vorbereitet, weil Manfred Krug ja selbst eine sehr hohe Messlatte gelegt hat. Wenn er uns zuschauen sollte, dann guckt er schon sehr genau hin, was ich da gemacht habe. Ich wollte das partout nicht versauen. Ich habe sehr viel Zeit investiert und mir einen ganz genauen Plan überlegt, wie ich das Tagebuch lese, und nicht zuletzt hatte ich auch noch einen tollen Regisseur bei der Hand, der mich ermuntert hat, farbiger zu werden, kontrastreicher zu sein und stimmlich alles ein bisschen auszumalen, damit man sich nicht langweilt.

Uneheliche Tochter Marlene von Manfred Krug abgöttisch geliebt

Ein sehr dominierendes Thema im Tagebuch ist Manfred Krugs jüngste Tochter Marlene, die er nicht mit Ihrer Mutter Ottilie hatte, sondern mit der Schauspielerin Petra Duda. Über Marlene spricht Ihr Vater sehr zärtlich, an einer Stelle schreibt er: „Sie ist meine Augenweide, mir wird bewußt, wie viel ich von den Kindheiten der drei Großen verpaßt habe. Schade.“ Ist Ihnen schwergefallen, solche Passagen zu lesen?

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Nein, überhaupt nicht, weil mir, auch ohne dass es jemals ausgesprochen oder geschrieben worden ist, klar war, dass mein Vater viel von uns verpasst hat. Wir haben ebenfalls viel von ihm verpasst. Als ich Kind war und wir drei Geschwister klein waren, war mein Vater 300 Tage und mehr im Jahr einfach nicht anwesend. Und wenn, dann hat er das Haus verlassen, bevor wir überhaupt die Augen aufbekommen haben, und kam nach Hause, wenn wir längst im Bett lagen. Er hat extrem viel gearbeitet und war wahnsinnig viel unterwegs. Auch im Ausland, etwa in Jugoslawien. Und da die sozialistische Arbeitsweise auch an dieser Stelle nicht die effektivste war, bedeutete ein Kinofilm dann mal eben zwei Monate Jugoslawien.

Also verspüren Sie keinen Neid auf Ihre Halbschwester?

Ich betrachte das alles neidlos und freue mich mit meinem Vater. Ich kann ihm nichts vorwerfen. Er hatte eine tolle Karriere und musste sich darum kümmern. Mir fehlt nichts, und ich fühle mich seiner Liebe und Zuneigung trotzdem sicher. Und er war, als ich jung war, auch ein sehr zärtlicher, liebevoller Vater, ich habe tolle Erinnerungen. Es gibt da überhaupt keine Eifersüchteleien an der Stelle. Schwer zu lesen fielen mir ganz andere Stellen.

Welche zum Beispiel?

Etwa die Passage zum Tod von Jurek Becker. Da musste ich einige Male schlucken und eine Träne verdrücken, bevor ich weiterlesen konnte, weil ich ihn sehr gut kannte. Mit Jurek Becker bin ich ja groß geworden. Auch der Schlaganfall meines Vaters ging mir sehr nahe.

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Auch wenn er so viel unterwegs war: Können Sie trotzdem sagen, wie Manfred Krug als Vater war?

Natürlich. Die Probleme zwischen Vater und Sohn oder auch den Töchtern und dem Vater waren wie überall. Nicht alle Väter haben ein glückliches Händchen und sind besonders einfühlsam und pädagogisch wertvoll. Da wird auch mal ein Wort gebraucht, allzu unüberlegt, das grob ist, da wird es laut, und das ist alles nicht schön. Das sind aber ganz alltägliche Dinge. Das hat ja nichts damit zu tun, dass er ein berühmter Mensch war. Und dass er ein schwieriger Charakter war, ist ja nun mittlerweile bekannt. Wenn Sie das Tagebuch nehmen, können Sie ja schon allein da herauslesen, dass der Umgang mit ihm nicht immer ein Zuckerschlecken war. Also wird es für uns Kinder auch nicht immer einfach gewesen sein, das ist klar.

Manfred Krug wuchs unter ärmlichen Bedingungen auf

Was wir auch im Tagebuch lesen können: Ihr Vater hat Flohmärkte geliebt. Aber was hat er denn mit dem ganzen Zeugs gemacht? Also zum Beispiel mit 70 Packungen Geigen­kolophonium, mit dem die Bögen von Streich­instrumenten eingerieben werden?

Er hat all diesen Trödel in Kategorien sortiert. Da gab es eine Ecke, wo lauter alte Tinten­fässchen standen und große wie kleine Füll­feder­halter. Und dann gab es da eben auch eine Ecke mit so etwas wie Kolophonium. Mit Logik kommen Sie dem nicht bei. Er hat sich daran gefreut, diese ganzen Sachen hinzustellen und im weitesten Sinne auch mit ihnen zu spielen. Er hat diese Dinge gereinigt und auch hier und da eine Reparatur durchgeführt. Man darf dabei eines nicht vergessen: Wer unter so schwierigen und ärmlichen Bedingungen groß wird, der entwickelt manchmal so eine merkwürdige Leidenschaft, Vorräte anzulegen. Auch wenn es manchmal keinen Sinn ergibt und viel zu viel von einer Sache ist.

Gibt es die ganzen Dinge noch? Liegen die irgendwo in einem Manfred-Krug-Archiv?

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Es gibt die Überlegung, solch ein Archiv anzulegen, aber wir haben noch keine Zeit gefunden. Die Akademie der Künste interessiert sich wohl für das eine oder andere. Ob die Geigen­kolophonium haben wollen, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Aber es werden ja Briefe und Dokumente existieren, die sich zu archivieren lohnt.

Ja, es gibt sicherlich viel Interessantes, aber es braucht auch viel Zeit, das alles zu sichten. Denn diese ganzen Papiere ungesichtet wegzugeben, das geht nicht.

Wie hat Ihr Vater auf die DDR zurückgeblickt? Es gab viele persönliche Beziehungen aus der Zeit vor seiner Ausreise 1977. Wie war sein Bild von der DDR?

Es findet sich ja auch in dem aktuell vorliegenden Tagebuch so mancher Gedanke über die DDR und was er da zurück­gelassen hat. Er hat sich zweifellos jede Menge Gedanken gemacht, auch nach 1989. Die DDR war für ihn letztendlich auch Heimat, die er hinter sich gelassen hat. Am Ende des Tagebuchs der Jahre 96/97 fängt Manfred Krug an, seine Memoiren zu schreiben.

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Sind die jemals fertig geworden?

Ja, daraus ist das Buch „Mein schönes Leben“ entstanden. Ob man das jetzt als Memoiren bezeichnen kann, weiß ich nicht. Das endet ja, als er anfängt, die Schauspiel­schule zu besuchen. Es gab auch die Idee zu einer Fortsetzung, und der Verlag hätte das bestimmt gern gesehen. Ich glaube sogar, er hat damit auch angefangen, aber dazu ist es dann nicht mehr gekommen, weil viele andere Sachen auf seinem Schreibtisch lagen und er das vielleicht auch nicht wirklich wollte. Meines Wissens liegt nichts mehr in irgendeiner versteckten Schub­lade. Aber es braucht noch ein bisschen Zeit, sich wirklich bis ins letzte Detail seines Nachlasses reinzuknien. So viel Zeit hat ein Mensch gar nicht. Ich führe ja auch noch ein eigenes Leben und kann nicht haupt­beruflich Nachlass­verwalter meiner Eltern sein.

Aber es sollen noch weitere Tagebuch­bände im Kanon-Verlag erscheinen.

Der Stoff dafür wäre da. Wenn alle mitspielen und das Publikum es auch lesen möchte, hätten wir noch Material für weitere Veröffentlichungen. Wenn wir jetzt nicht auf unserer Erstauflage und auf der CD sitzen bleiben, wird es einen Folgeband geben.

„Mit Wolf Biermann gibt es nicht so richtig viel anzunähern“

Sie haben vor rund drei Jahren Wolf Biermann nach Erscheinen seines Novellen­bands „Barbara“ sehr deutlich attackiert. Unter anderem warfen Sie Biermann vor, er habe Ihren Vater als „protzenden Angeber, prügelnden Primitivling“ dargestellt. Gab es seitdem eine Annäherung oder ein Gespräch? Hat sich Wolf Biermann bei Ihnen gemeldet?

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Nein, hat er nicht. Ich habe nur aus der Presse irgendwelche Kommentare gehört, die abwiegelnder Natur waren und die sich eigentlich nicht mit der Sache selbst beschäftigt haben. Es gibt auch nicht so richtig viel anzunähern. Er hat uns damals über das Geschriebene zu einem Zeitpunkt informiert, da die Bücher längst gedruckt in den Lagern lagen und darauf warteten, in die Buch­handlungen ausgeliefert zu werden. Da wäre gar nichts mehr zu retten gewesen. Das war etwas scheinheilig und arg spät. Meine Mutter fand es nicht schön und ich im Übrigen auch nicht.

Das ist an Ihrer Reaktion sehr deutlich geworden.

Ich habe damit natürlich auch eine Marke setzen wollen: Werdet nicht zu mutig, nur weil Manfred Krug tot ist! Achtung, hier ist einer, der euch im Blick hat!

Einen ausführlichen Artikel über das neu veröffentlichte Tagebuch „Ich sammle mein Leben zusammen“ lesen Sie hier.

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