Krista Maria Schädlich: „Wenn Manfred Krug Kritik hatte, hat er das einem sofort ins Gesicht gesagt“

Über Jahrzehnte befreundet: Krista Maria Schädlich und Manfred Krug.

Frau Schädlich, Sie haben das Tagebuch aus den Jahren 1996/97 von Manfred Krug herausgegeben. Wussten Sie, dass er Tagebuch schreibt?

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Nein. Obwohl ich viel bei ihm war und viel mit ihm gearbeitet habe. Ich wusste zwar, dass sich Manfred Krug Notizen machte und eine Menge in seinen Computer schrieb. Aber dass das Geschriebene diese Dimensionen einnimmt und dass er es in die Form eines Tagebuchs bringt, das war mir nicht bekannt. Darüber hat er auch nicht gesprochen.

Dabei hatten Sie engen Kontakt. Sie haben alle Bücher von ihm lektoriert.

Nicht nur lektoriert. Ich war schon bei seinem Tagebuch, das an dem Tag beginnt, als er seinen Ausreiseantrag aus der DDR bei den Behörden abgab und seine Auseinandersetzung mit dem Machtapparat festhält, schon früh der Überzeugung, dass diese Aufzeichnungen solch eine Qualität und Aussagekraft haben, dass sie veröffentlicht werden müssen. Manfred Krug aber hat sich sehr, sehr spät dazu entschlossen – das stammt ja alles aus dem Jahr 1977, aber erschienen ist es erst 1996 unter dem Titel „Abgehauen“. Ich war immer drangeblieben und habe ihn immer wieder von einer Publikation überzeugen wollen.

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Nicht ausgeschlossen, dass noch mehr Autobiografisches auftaucht

Gibt es denn Hinweise, dass zwischen dem Tagebuch in „Abgehauen“ von 1977 und dem Tagebuch, das jetzt aus den Jahren 1996/97 erschienen ist, noch mehr Autobiografisches von ihm existiert?

Es ist noch nichts gefunden worden, den Erben ist noch nichts begegnet. Aber es ist nicht ausgeschlossen.

Wann haben Sie Manfred Krug persönlich kennengelernt?

Am 6. Mai 1977. An diesem Tag trafen sich Schriftsteller aus Ost und West, um sich gegenseitig vorzulesen. Günter Grass war da und Sarah Kirsch, Klaus Schlesinger, Elke Erb, Jurek Becker, mein damaliger Mann Hans Joachim Schädlich und ich und einige andere mehr. Da las Manfred Krug erstmals aus den Tagebüchern des Jahres 1977. Ich kannte ihn natürlich von Auftritten und aus seinen Fernseh- oder Filmrollen. Aber persönlich begegnet bin ich ihm erst bei diesem Treffen.

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Sie hatten dann später ein inniges Vertrauensverhältnis zu ihm. Wie ist das entstanden?

Das hat sich ergeben, weil mein damaliger Mann und ich in einer ähnlichen Situation waren wie er. Wir mussten auch versuchen, aus der DDR herauszukommen, und über diese gemeinsame Erfahrung hat sich dann sehr schnell eine große Vertrautheit entwickelt. Viel Zeit dafür hatten wir aber nicht. Das Treffen, von dem ich eben sprach, fand im Mai statt, und im August ist Manfred Krug „ausgereist“. Mein Mann und ich haben im Dezember 1977 die DDR verlassen. In diesem Sinne waren wir und auch andere, die das Schicksal teilten, Leidensgenossen. Da hat man sich hier im Westen sehr schnell wieder zusammengefunden.

Sie haben ihn oft besucht.

Ja, ich war oft bei ihm – auch mit meinem Mann – in seiner Wohnung in der Martin-Luther-Straße. Und auch als ich später in Stuttgart oder in Düsseldorf lebte, bin ich bei Berlin-Besuchen immer zu ihm gefahren. Zwischen Manfred Krug, seiner Frau Ottilie und mir bestand von Anfang an eine große Innigkeit. Es war eine richtige Freundschaft.

Was für einen Menschen haben Sie in Erinnerung? Manfred Krug gilt ja vielen als schwieriger Charakter.

Er war auch ein zärtlicher, ein sehr empfindsamer Mensch. Nach außen gab er sich gern als Haudegen. Das war er zum Teil auch im Privaten, aber wir haben auch seine andere Seite kennengelernt. Und was ich bei Manfred Krug immer so großartig fand: Er stand grundsätzlich zu seinem Wort. Man konnte ihm vollkommen vertrauen. Er hat nie hinter dem Rücken von irgendjemandem schlecht geredet. Wenn er Kritik hatte, hat er das einem sofort ins Gesicht gesagt.

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„Er hat sich auch in der DDR angelegt“

Er war demnach ein sehr ehrlicher Mensch?

Er hat nie mit seiner Meinung oder seiner Haltung hinterm Berg gehalten. Und das hat ihn auch, glaube ich, in der DDR bei der breiten Bevölkerung so vertrauenswürdig gemacht. Er hat sich eben auch in der DDR angelegt. Er konnte sich das zum großen Teil leisten, aber dennoch war es hochgefährlich.

Im jetzt erschienenen Tagebuch steht eine Unterhaltung mit Emöke Kohlhaase. Sie sagt Pfingsten 1997 während eines Gartenfests: „Alle, die im Ausland waren, mußten damals Berichte schreiben, das wußte doch jeder.“ Und Manfred Krug schreibt dazu: „Das ging mir auf den Keks. Das kann man heute in guter Gesellschaft anstandslos sagen. ‚Wenn ich ins Ausland hätte reisen dürfen, hätte man mit mir eine solche Verabredung nicht treffen können. Ich hätte einfach NEIN gesagt. Wo gibt‘s denn so was?‘ sagte ich ihr.“ Und man nimmt es ihm ab.

Ja, absolut. Das kann man auch. Deswegen war er sicherlich von einigen gefürchtet. Aber grundsätzlich wurde er sehr verehrt und geliebt. Und für mich war er wie ein Baum. Ich dachte immer: Wenn er mal fällt, dann falle ich auch. Manfred Krug war ein Garant, sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik.

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Es war ja nicht selbstverständlich, dass er als DDR-Künstler dann auch in der Bundesrepublik Fuß fasst. Es gibt auch viele, denen das leider nicht gelungen ist.

Dass er es geschafft hat, in der Bundesrepublik dann auch so angenommen und verehrt zu werden, fand ich wunderbar. Es hat natürlich einen sehr, sehr langen und schwierigen Weg zurücklegen müssen, denn hier im Westen kannte ihn ja anfangs niemand. Aber am Ende, bei seinem Tod, waren alle Zeitungen voll, und die Nachricht wurde auf vielen Titelseiten gebracht. Auch in der Bevölkerung war die Bestürzung über seinen Tod groß, in Ost wie West. Das zeigt, dass er es wirklich geschafft hat, zu einem Volksschauspieler zu werden – zu einem gesamtdeutschen Volksschauspieler.

„Nicht alles von dem, was er geschrieben hat, gehört in die Öffentlichkeit“

Er ist einer der wenigen, dem das gelungen ist.

Es ist eigentlich nur er. Und ich bin mir sicher, das hängt alles mit diesem Charakter zusammen, der sich nicht beugen ließ.

Was in den Tagebüchern auch auffällt: Manfred Krug trat in der Öffentlichkeit immer sehr selbstsicher auf. Beim Schreiben war er das aber nicht.

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Ja, absolut. Er war ein großer Sprachfeiler. Zufrieden mit sich war eigentlich nie.

Woran haben Sie denn im jetzt erschienenen Tagebuch noch gefeilt?

An den Texten selbst habe ich gar nichts geändert. Es ging hier bloß um das Fingerspitzengefühl, eine Auswahl zu treffen, weil der Charakter eines Tagebuchs natürlich auch höchst intim ist. Und da muss man Rücksicht nehmen auf die Angehörigen und zum Teil auch auf die Menschen, mit denen er zusammengekommen ist. Nicht alles von dem, was er geschrieben hat, gehört in die Öffentlichkeit. Es ist nun mal ein Tagebuch.

Welchen Manfred Krug hatten Sie am liebsten? Den Musiker, den Schauspieler, den Autor?

Da kann ich mich nicht entscheiden. Ich bin begeistert, wenn er singt. Ich bin begeistert, wenn er schreibt. Und in seinem Schauspiel ist er – wenn ich bloß an „Spur der Steine“ denke – Weltklasse. Und als Freund mochte ich ihn auch sehr.

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Einen ausführlichen Artikel über das neu veröffentlichte Tagebuch „Ich sammle mein Leben zusammen“ lesen Sie hier.

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