Sängerin über ihre Heimat

Katie Melua: „Ich bin mir sicher – Georgien sieht einer großen Zukunft entgegen“

Katie Melua

Geht bald auf Deutschland-Tour: Katie Melua.

Hannover. Frau Melua, hinter Ihnen im Wohnzimmer steht ein schwarzes Piano. Sind an diesem Instrument die neuen Lieder entstanden?

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Ja! Dabei gehört mir das Klavier nicht einmal selbst. (lacht) Eine Freundin bat mich, es für sie aufzubewahren. Und jetzt steht es da. Tatsächlich haben Simon Goff und ich hier, in meinem Haus, ein paar der Stücke von „Aerial Objects“ geschrieben. Wir haben stundenlang hier gesessen, geschrieben, improvisiert und vor uns hin gespielt. Alles war sehr fließend und frei. Am Ende standen die sechs Stücke, die jetzt „Aerial Objects“ ergeben.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit zustande gekommen?

Wir kennen uns erst seit gut einem Jahr. Ich suchte damals nach einem Violinisten für die akustische Version meiner jüngsten Studioplatte „Album No. 8“. Unsere Manager wussten voneinander und brachten Simon und mich am Telefon zusammen. Wir haben zwei Stunden lang geredet. Wir verabredeten, dass Simon auf zweien meiner Akustikstücke mitmacht. Wenig später spielten wir ein Konzert auf der Isle of Wight. Wir redeten dann die halbe Nacht darüber, wie wir unsere Welten zusammenbringen könnten.

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Was für Welten meinen Sie?

Simon hat einen klassischen Hintergrund und arbeitet viel für die Filmindustrie. Mein Metier ist die Welt ausformulierter, poporientierter Dreiminutensongs. Das sind zwei sehr unterschiedliche Ansätze, und doch umtanzen und beäugen sie sich gern. Am Ende des Tages spielte Simon mir eines seiner Lieblingsalben aller Zeiten vor, und plötzlich wussten wir beide, wie unser weiterer Weg auf dem gemeinsamen Pfad aussehen würde: Wir wollten Kompositionen schaffen, die großzügig bemessen sind, die atmen können und Raum haben, sich zu entfalten.

Um welches Album handelt es sich?

„Spirit of Eden“ von Talk Talk. Ein Jahrhundertwerk – das ich gar nicht kannte, als Simon es mir mit so viel Herzblut anpries. Als Simon mir die Platte wenig später nach Hause schickte, verbrachte ich einen wunderbaren Abend damit in meinem Garten. Diese Lieder sind ganz und gar majestätisch. Und ich wusste, worauf er hinauswollte – er wollte keine festen Songstrukturen, sondern etwas Freies, Rhythmisches und Lebendiges. Ich fand das spannend.

Weshalb?

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Seit meinem ersten Album „Call Off the Search“, das 2003 rauskam, basierte meine Arbeit auf alther­gebrachten Strukturen traditioneller Songs. Ich habe ein paar schöne Platten gemacht, aber alle waren sie mehr oder weniger gehorsam gegenüber den gängigen Schemata und konventionellen Hörgewohnheiten. Aber hier waren wir beide sehr neugierig und erfindungswillig. Wir wollten mehr in den elektronischen, klassischen und cineastischen Bereich gehen, in dem Simon ja ohnehin arbeitet.

Die Stücke erinnern an die opulente Popmusik der Siebzigerjahre. Hatten Sie neben Talk Talk noch weitere Blaupausen?

Lou Reed und David Bowie. Beide gehören für uns in die Top Ten unserer Lieblingskünstler. Beide haben sehr experimentelle und bahnbrechende Musik gemacht, und doch waren sie bei aller Lust am Austoben meistens recht nah am Konzept des klassischen Popsongs.

Ihr Publikum ist ja eher konservativ. Denken Sie, die Leute werden die opulenten, aber wenig songorientierten Soundlandschaften von „Aerial Objects“ zu schätzen wissen?

Simon findet ja, dass ich ziemlich furchtlos bin. (lacht) Ich mag die Vorstellung, meine künstlerische Vita einfach mal beiseitezuschieben und zu sagen: „Hey, jetzt haben wir Spaß.“ So ähnlich war es auch schon vor einigen Jahren, als ich mit dem Gori Women’s Choir mein Album „In Winter“ aufgenommen habe.

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Geht es im Leben wie in der Karriere letztlich darum, sich zu trauen?

Das ist meine Überzeugung. Ich habe auch schwierige Momente hinter mir, beruflicher wie privater Natur. Immer ging es mir nach einer Entscheidung besser als vorher. Ich denke etwa an meine Scheidung vor einigen Jahren. Wir hatten im Grunde das, was man eine freundschaftliche Trennung nennt, und doch gelang es mir nicht, die Gefühle meines Ex-Mannes zu verstehen, obwohl ich es wirklich versuchte. Zwischen uns gab es nur noch diese Sprach- und Verständnislosigkeit. Ich erinnere mich, wie ich in der Woche, in der wir endgültig auseinandergingen, einen Auftritt hatte und „Wonderful Life“ und „Closest Thing to Crazy“ sang. Obwohl die Songs nichts mit meiner Situation zu tun hatten, machte irgendetwas Klick in mir. Auf einmal ergab in meinem Gehirn alles einen Sinn, und ich wusste, was ich zu tun hatte.

Je länger Sie dabei sind, desto mutiger werden Sie künstlerisch, oder?

Danke schön. Ich denke, je länger ich dabei bin, desto mutiger werde ich insgesamt. Als es bei mir losging, war ich noch ein Teenager. Mein damaliger Mentor Mike Batt und ich brachten ein Album heraus, und einige Songs veränderten mein Leben. Ich tourte durch Japan und Australien, dabei war ich kurz zuvor noch Schülerin gewesen. Aber ich habe mich eingelassen auf die neue Situation.

War das schwer?

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Ich hatte ein bisschen Angst und keine genaue Vorstellung davon, was von nun an auf mich zurollen würde. Als junge Frau fand ich die schiere Menge an Menschen oft einschüchternd. Und es kam immer wieder zu diesen klischeehaften Ereignissen, dass unbekannte Leute hinter mir herrannten oder versuchten, die Autotür aufzumachen.

Heute erleben viele solch ein übergriffiges Verhalten eher im Internet. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Ich wurde noch einige Jahre vor Social Media bekannt. Ich stelle mir vor, dass junge Künstlerinnen und Künstler es heute etwas anders erleben, wenn sie online von ihren Fans geherzt und gedrückt werden. Wenn ich sehe, wie eng und oft liebevoll zum Beispiel Lady Gaga oder Billie Eilish im Netz mit ihren Fans verbunden sind, finde ich das schön. Als Star bist du heute, zumindest vordergründig, antastbarer als früher. Damals war man beinahe unerreichbar, heute ist man schon fast ein Familienmitglied. Ich sehe schon auch die Gefahr, dass man es übertreibt und zu privat wird im Internet. Man sollte schon sehen, dass man smart genug ist, nicht alles von sich preiszugeben.

Sie selbst erzählen in „Millions of Things“ von Ihrer Kindheit.

Auf diesem Album finden sich unzählige kleine Fragmente, zusammengesetzt aus Erinnerungen und Notizen – schriftlichen wie solchen, die ich im Kopf habe. Diese Texte sind größtenteils sehr spontan und mit viel Improvisation entstanden.

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Sie sind bisweilen nach konkreten Orten benannt, so wie „Tbilisi Airport“.

„Tbilisi Airport“ heißt deshalb so, weil ich die ersten Zeilen am Flughafen von Tiflis geschrieben habe. Verschiedene Designs, Umgebungen und architektonische Akzente haben diese Lieder beeinflusst, die Worte sind tendenziell abstrakter. Ich habe dieses Mal nicht so viel von Herzen, vom Handhalten, von Regenbögen und fallenden Blättern gesungen wie sonst.

Ein Stück über ein Hotel in Tiflis

Lieber haben Sie ein Stück gemacht, das „Hotel Stamba“ heißt. Gibt es dieses Hotel wirklich?

Ja, es hat vor sechs, sieben Jahren in meiner Heimatstadt Tiflis eröffnet. Das ist ein wunderbar designter, wirklich großartiger Ort. Überhaupt besitzt Georgien eine fantastische künstlerische Kultur, die sehr gepflegt und ernst genommen wird. Viele Straßen sind nach Autoren und Poetinnen benannt, an jeder Ecke wird irgendwelche Kunst verkauft. Die Macher des Hotels Stamba haben diesen Geist genommen und ihn in die moderne Zeit übertragen. Das Gebäude ist eigentlich eine Druckerei, früher haben sie dort Zeitungen hergestellt, und die alten Druckmaschinen sind auch alle noch da. Mir macht ein solcher Ort Hoffnung.

Hoffnung worauf?

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Dass eine gute Zukunft möglich ist, auch und insbesondere für ein Land wie Georgien. Ich habe mein Heimatland Anfang der Neunziger verlassen, bin mit meiner Familie nach Belfast in Nordirland gegangen, dort haben wir uns eine neue Existenz aufgebaut und sind einige Jahre später nach Südengland gezogen. Als wir Georgien verließen, war die alte Ordnung zerfallen, die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, in Georgien herrschte Bürgerkrieg. Es gab kein heißes Wasser, keinen elektrischen Strom, die Abspaltung von der UdSSR war katastrophal verlaufen. Mit den Jahren kam ich immer wieder nach Georgien zurück zu Besuch, und ich sah, wie es langsam und stetig immer besser wurde. Dieses Hotel ist für mich ein Symbol für den Aufstieg und die Phase der Prosperität meines Landes. Nein, „Phase“ ist falsch. Ich denke, dass es mehr sein wird als eine Phase. Georgien wird sich behaupten und sieht einer großen Zukunft entgegen.

Zugleich lebte und lebt Georgien seit Jahren unter der Bedrohung Wladimir Putins. 2008 griff Russland das Land an und annektierte einzelne Gebiete mit Gewalt. Wie stellt sich für Sie die Lage angesichts des Kriegs in der Ukraine dar?

Die Parallelen sind offensichtlich. Nur ist Georgien viel kleiner und wehrloser als die Ukraine. Alles, wovor wir Georgierinnen und Georgier Angst haben, ist durch diesen Krieg noch viel dringlicher und unmittelbarer geworden. Die letzten vier, fünf Monate sind ein Albtraum. Ich habe direkte Familienangehörige in der Ukraine, und es macht mich fertig, wie sie leiden. Glücklicherweise geht es allen, die ich kenne, gut, aber die Situation ist einfach nur furchtbar. Jeder Mensch in meinem Heimatland ist sich der extremen Bedrohung durch Russland bewusst, und sehr viele von uns möchten näher an Europa rücken, näher auch an die EU.

In Sachen EU-Beitritt ist Georgien allerdings beim jüngsten EU-Gipfel bestenfalls vertröstet worden.

Für beide Seiten, die EU und Georgien, wäre eine Mitgliedschaft bereichernd. Georgien hat eine fantastische Kunstszene, das Land ist seit Jahren im Aufbruch. Heute steht, trotz allem, der Ort, aus dem ich einst geflohen bin, für große Chancen und für die Zukunft.

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Konzert von Sängerin Katie Melua auf der Parkbühne im Zetkinpark in Leipzig.

Konzert von Sängerin Katie Melua auf der Parkbühne im Zetkin-Park in Leipzig.

Katie Melua geht auf Deutschland-Tournee

Geboren wurde Katie Melua 1984 in Georgien, das damals Teil der UdSSR war. Neun Jahre später zog die Familie – der Vater war Herzchirurg – während der Zeit des georgischen Bürgerkriegs ins nordirische Belfast. Eine paar Jahre darauf ging die Familie nach Südengland. In London machte Melua eine Ausbildung an der Brit School, eine weiterführende Schule für darstellende Künste. Seit 2005 hat sie neben der georgischen die britische Staatsbürgerschaft.

2003 erschien Katie Meluas Debütalbum „Call Off the Search“, das extrem erfolgreich wurde: In mehreren Ländern wurde es mit Doppelplatin ausgezeichnet. In Großbritannien erreichte es mit 1,8 Millionen verkauften CDs sechsfach Platin. 2005 sang sie ihren Hit „Nine Million Bicycles“. 2016 erschien mit „In Winter“ in Zusammen­arbeit mit dem georgischen Gori Women’s Choir erstmals ein von der Sängerin selbst produziertes Album.

Ihr neues Album „Aerial Objects“ hat sie gemeinsam mit dem in Berlin lebenden englischen Violinisten, (Soundtrack-)Komponisten und Grammy-Preisträger Simon Goff geschrieben und aufgenommen. Das Duo hat experimentelle und außergewöhnlich facettenreiche Klanglandschaften geschaffen, wie man sie von beiden zuvor noch nie gehört hat. Mit „Aerial Objects“ ist die Musikerin ab der kommenden Woche auf Tournee. In Deutschland tritt sie unter anderem in Oranienburg (3. August), in Halle (5. August), in Chemnitz (6. August) sowie am 11. August in Rostock auf.

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