„Dieser letzte Akt des Lebens hat mich schon immer fasziniert“

Regisseurin Emily Atef übers Sterben: „Wichtig ist, dass man darüber redet“

Emily Atf setzt sich für eine Frauenquote im Filmgeschäft ein.

Emily Atef: „Der Tod gehört zum Leben, und das anzunehmen, öffnet womöglich neue Türen, so sehe ich das ein bisschen.“

Hélène (Vicky Krieps) und Mathieu (Gaspard Ulliel) sind seit vielen Jahren ein glückliches Paar. Ihr unbeschwertes Leben in Bordeaux gerät ins Wanken, als bei Hélène die seltene und unheilbare Krankheit „Idiopathische Lungenfibrose“ diagnostiziert wird, die unweigerlich zum Tod führt. In dieser existenziellen Situation suchen Hélène und Mathieu nach sehr unterschiedlichen Wegen, um mit der Situation klarzukommen. Die Regisseurin Emily Atef („3 Tage in Quiberon“) hat darüber einen sensibles Kinodrama gedreht.

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Frau Atef, Sie tauchen in ihrem Film gleich am Anfang in die Probleme ein, die sich stellen, wenn der Tod anklopft. Sie zeigen, in welche Konflikte die unheilbar erkrankte Hélène mit sich selbst gerät, und wie überfordert ihre Außenwelt ist. Familienmitglieder, Partner und Freunde wissen schlicht oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Was wäre ihr Ratschlag?

Es ist für jeden, der damit konfrontiert wird, sicher eine schwierige Situation: Auf Eiern gehen und so tun, als ob das nicht stattfindet, ist keine Lösung. Die Erkrankten wissen doch, dass das im Raum steht. Eine übertriebene Rücksichtnahme ist aber genauso wenig richtig. Sie wollen normal behandelt und ernst genommen werden, glaube ich. Diese Leute sind ja noch Teil unseres Lebens, und da sollte man sagen: So behandle ich Dich auch, und nicht schon als jemanden mit einem Fuß im Grab, oder man muss Dir den Vortritt geben, oder man sollte besonders nachsichtig mit Dir sein.

Wie haben Sie in Erfahrung bringen können, dass es sich so verhält?

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Dieser Einblick beruht auf sehr langer Arbeit, insgesamt waren das zehn Jahre. Am Anfang habe ich alleine am Drehbuch geschrieben, dann habe ich es zusammen mit Lars Hubrich verfasst. Er war ein sehr naher Freund von Wolfang Herrndorf (der Schriftsteller nahm sich nach der Diagnose eines bösartigen Gehirntumors 2013 das Leben, Anm. d. Red.) und verfasste das Drehbuch für dessen Bestsellerroman „Tschick“ (der 2016 von Fatih Akin verfilmt wurde, Anm. d. Red.). Und seine Erzählung über diese Freundschaft hat Lars und mir auch geholfen an der Arbeit an der Figur von Bent ...

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... der in „Mehr denn je“ einen Krebskranken und Autoren eines Blogs spielt, in dem er über sein Leben mit der Krankheit berichtet, so wie es Wolfgang Herrndorf in seinem digitalen Tagebuch „Arbeit und Struktur“ getan hat. Darin geht Herrndorf sehr stark auf seine medizinische und medikamentöse Behandlung und seine Arbeit ein. Genau diese Aspekte spielen für Hélène in Ihrem Film aber nur eine untergeordnete Rolle.

Ja, weil mir auch die Begegnung mit Menschen, die krank waren, und die Beobachtung der Gewalt von uns Lebendigen gegenüber den Sterbenden ein wichtiges Anliegen waren. Es ist der Wahnsinn: Jeder weiß besser Bescheid. Ob man eine Chemo macht? Da wird man dann ermahnt: ‚Das wird Dich umbringen, wenn Du Dich dem nicht stellst!‘ Wenn man sie aber durchführen lassen will, dann wird man vom anderen Teil der Familie angeschrien: ‚Das ist doch verrückt, sich dieser Tortur auszusetzen. Du wirst doch ohnehin sterben!‘ Und mit dieser Vehemenz werden Menschen konfrontiert, die gar nicht die Energie dafür oder den Eindruck haben, ich nehme sowieso zu viel Platz im Leben der Menschen ein, die ich mag.

Sind das die Eindrücke, die Sie im Zusammenhang mit dem Krebstod Ihrer Mutter gesammelt haben? Sie sagen, diese Erfahrung habe Ihnen wichtige Impulse für „Mehr denn je“ gegeben.

Sicher. Aber das ist nur ein Teilaspekt. ich hatte die Idee für diesen Film schon 2010 – lange vor dem Tod meiner Mutter, die 2015 gestorben ist. Denn der Film handelt für mich nicht vom Tod als solchem, sondern vom Leben, kurz bevor man stirbt. Dieser letzte Akt des Lebens hat mich schon immer fasziniert. Wie wir die letzte Etappe unseres Daseins so gut wie möglich leben können?

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Was genau reizt Sie an diesem Thema?

Weil das etwas ist, was man nie bespricht. Man fragt nie seine Liebenden, seine Kinder, seine Partner, seine Freunde, und wird nie von ihnen gefragt: ‚Was glaubst Du, wie Du gehen möchtest?‘ Das kann man auch gar nicht beantworten. Das geht wohl erst, wenn der Tod schon nahe ist. Aber in dem Moment, in dem man in dieser Situation ist, entweder krank, oder alt, sterbend, hat man manchmal gar nicht die Kraft, das auszudrücken. Und wir die Lebendigen, die einen voller Liebe begleiten, fragen nicht, und hören oft nicht zu, weil man die Antwort vielleicht gar nicht hören will.

Warum? Weil die Antwort die Urangst unserer Endlichkeit tangieren könnte?

Ja, genau. Weil dieser Mensch dann vielleicht sagt: ‚Lass‘ uns jetzt hier verabschieden, aber ich möchte danach weg. Oder ich will allein hier im Krankenhaus bleiben.‘ Und das finde ich so schade. Natürlich haben wir alle Angst vor diesem Moment. Aber umso mehr wir dieses Sterben, das wir als Mensch alle erleben werden, unter den Teppich kehren, wenn unsere Geliebten betroffen sind, kann es nur schlimmer werden, als wenn man darüber redet.

Was könnte ein solches – möglicherweise schmerzhaftes – Gespräch in einer ja ausweglosen Situation zum Besseren wenden?

Es ist doch wunderbar, wenn man gewiss ist: Der Mensch ist weggegangen, so, wie er es wollte. So gut er konnte.

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Aber ist es nicht auch für eine Todkranke oder einen Todkranken selbst sehr schwer zu entscheiden, wie sie oder er wirklich gehen will?

Doch natürlich. Es ist schwierig zu wissen, was man will. Dafür braucht die oder der Betroffene den Platz für sich, es herauszufinden. Das heißt ohne die Bedrängung der liebenden Lebendigen von außen. Das ist das, auf das Hélène im Film von alleine kommt. Sie nimmt sich den Platz, und das ist nicht einfach. Sie sagt: ‚Ich gehe nach Norwegen, ich brauche Distanz.‘ Und natürlich sieht Mathieu, ihr Mann, wie fragil sie ist und sagt: ‚Nee, ich lass‘ Dich nicht allein von Südfrankreich nach Norwegen mit dem Zug fahren.‘ Und sie antwortet: ‚Doch! Als ich gesund war, habe ich mich nicht getraut, alleine so weit zu reisen. Aber jetzt mach‘ ich‘s.‘

Soll das heißen: Erst mit dem Tod vor Augen wird sie so konsequent, das zu machen, was sie tatsächlich tun möchte?

Ja, es ist das erste Mal, dass sie – die schwer Lungenkranke – wirklich atmet. Und natürlich ist das erst einmal nicht einfach. Alles ist anders, als sie sich das vorstellt. Aber erst dadurch schafft sie sich den Platz, darüber nachzudenken, was sie wirklich will. Und sie taucht ein in diese Natur Norwegens, die so groß ist, dass es einen bescheiden macht. Und sie merkt: ‚Ich bin vielleicht gar nicht so wichtig, vielleicht ist alles gar nicht so schlimm.‘

Die Natur als spirituelle Kraft?

Ja, in dem Fall schon. Der Film soll aber nicht befinden, was man machen soll. Der Film steht für eine Emanzipation des Menschen am Ende des Lebens. Ich finde, dass jede und jeder selbst entscheiden darf, wie sie oder er diesen Moment leben will. Auch, wenn sie etwa eine junge Mutter ist, oder er ein junger Verliebter. Und ich bin der Meinung, dass wir Lebendigen die Kranken dazu inspirieren sollten, das auszudrücken, auch wenn es hart für uns ist. Dieser Moment sollte so schön und so friedlich wie möglich sein.

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Warum haben Sie sich mit Hélène für eine junge Protagonistin entschieden?

Als ich anfing, mich mit diesem Thema vor zehn Jahren zu beschäftigen, war ich selbst noch in diesem Alter, vielleicht ein bisschen älter. Das war ein Grund. Darüber hinaus wollte ich aber auch, dass man nicht nur sie, sondern auch ihn – den Ehemann – versteht. Denn er ist ja das „wir“, das Publikum, die Lebenden. Und ein Ehemann der Mitte dreißig ist, will wahrscheinlich noch mehr für das Leben kämpfen, als ein Ehemann, der Mitte achtzig ist. Obwohl es natürlich immer schwierig ist, seinen Partner zu verlieren.

Aber kann man sich dann nicht auch vorstellen, dass sie ebenfalls mehr für ihr junges Leben kämpfen will - statt für den selbstbestimmten Tod, den sie im Film wählt?

Genau. Aber sie weiß, dass sie eine Krankheit hat, für die die Medizin keine Rettung gefunden hat. Es besteht nur die Möglichkeit, das Leben ein ganz kleines bisschen zu verlängern. Aber das bedingt eine brutale Operation, die schief gehen und mit sehr viel Leid verbunden sein kann. Insofern ist das eine große Frage, die sich da stellt: ‚Will ich da durchgehen?‘ Und sie hat natürlich auch Angst, dass sie bei einer missglückten Operation zu schnell weggehen muss. Sie will leben, aber sie will auch, dass ihr Körper selbst entscheidet.

Was meinen Sie mit, „dass der Körper entscheidet“? Eine Entscheidung, die auf das Gefühl vertraut, statt der rationalen Risikoabwägung, die Mathieu natürlich anstellt und die da lautet: „Wenn Du Dich nicht operieren lässt, wirst Du mit Sicherheit sterben, aber durch den Eingriff bekommst Du eine Überlebenschance.“

Ich denke schon. Sie sagt, dass sie umgeben von dieser Natur in Norwegen zum ersten Mal ihren Körper spürt. Und auch wenn der versagt, spürt sie ihn trotzdem. Sie hat auf jeden Fall einen besseren Kontakt zu ihm, als wenn sie ihn den Schläuchen der Gerätemedizin aussetzen, ihn öffnen und ihre kranke Lunge austauschen und auf den Müll werfen lassen würde. Sie kann sich das nicht vorstellen.

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Aber ist es nicht trotzdem gut, dass es den medizinischen Fortschritt – auch in dieser drastischen Form – gibt?

Doch, natürlich. Andere, die von dieser Krankheit betroffen sind, warten nur darauf, dass der Arzt sagt: ‚Du darfst die Transplantation machen.‘ Solche Leute habe ich auch kennengelernt. Natürlich wollen die Ärzte das Leben immer so lange wie möglich erhalten, egal, ob die Patienten leiden oder nicht, und betrachten es als ganz schlimm, wenn Betroffene sagen: ‚Das will ich aber nicht.‘ Aber warum? Es ist doch absurd zu denken, da gibt es nur eine Lösung. Wir wissen doch, dass wir sehr verschieden sind. Und wir sind auch unterschiedlich lang auf dieser Welt. Manche sind 40 Jahre hier, manchmal sind es fünf, manchmal sind es 80 Jahre. Das Leben ist fragil, und wir wissen nicht, wann der Tod uns holen wird. Umso mehr müssen wir uns in der Zeit, die man hat, die Dinge gegenseitig sagen, umso mehr müssen wir leben und lieben.

Sie haben gesagt, dass die Sterbenden häufig weniger leiden als die Lebenden um sie herum. Ich kann nicht sagen, dass das meinen Erfahrungen entspricht. Ich habe auch Sterbende erlebt, die wegen ihres Schicksals sehr böse geworden sind. Es ist ja auch eine unglaubliche Ungerechtigkeit.

Das ist absolut der Fall. Es gibt Leute, die einfach gar nicht dazu bereit sind. Und das kann man vollkommen nachvollziehen. Aber auch in dem Fall ist es unsere Aufgabe als lebende Liebende, sich mit Betroffenen, die so reagieren, auseinanderzusetzen. Mit ihnen zu reden und sie zu fragen, was sie wollen.

Sie werden wohl sagen: ‚Ich will leben.‘

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Und wir müssen dann antworten: ‚Ok. Und was sonst? Wie können wir es besser machen? Sollen wir hierbleiben? Sollen wir woanders hingehen? Sollen wir Dir Leute holen, die Du seit 30 Jahren nicht gesehen hast? In so einer Situation kann einem natürlich gesagt werden: ‚Hau‘ ab! Ich will, dass Du Dich gar nicht mit mir beschäftigst.‘ Ok. Dann muss man es einfach machen. Wichtig ist aber, dass man darüber redet, was eben oft nicht geschieht. Und gerade dieses Ausblenden macht diese Leute vielleicht besonders wütend.

Am Ende des Films hat der Zuschauer das Gefühl, dass Hélène dem nahenden Tod sehr gelassen entgegentritt. Ist es wirklich realistisch anzunehmen, dass eine so junge Frau ihr bevorstehendes Ende so gefasst annimmt?

Es macht sie stark, dass Mathieu ihre Entscheidung akzeptiert, ihre eigene Situation so zu handhaben, wie sie das will. Das ist so viel angemessener, als wenn er sie gezwungen hätte, das zu machen, was aus seiner Sicht für sie besser ist. Seine Großzügigkeit gibt ihr Kraft. Und zwar in einem Moment, in dem sie ihr Leben auf eine Weise genießt, wie sie es ohne ihre Krankheit vielleicht nie gemacht hätte. Der Tod gehört zum Leben, und das anzunehmen, öffnet womöglich neue Türen, so sehe ich das ein bisschen.

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