Deutschlands Oscarkandidat

In der Kriegshölle: die schonungslose Neuverfilmung von „Im Westen nichts Neues“

Gleich müssen sie raus aus dem Schützengraben: Felix Kammerer (rechts) als Paul Bäumer, Albrecht Schuch (links) als Stanislaus Katczinsky und Edin Hasanovic als Tjaden Stackfleet in einer Szene des Films „Im Westen nichts Neues".

Gleich müssen sie raus aus dem Schützengraben: Felix Kammerer (rechts) als Paul Bäumer, Albrecht Schuch (links) als Stanislaus Katczinsky und Edin Hasanovic als Tjaden Stackfleet in einer Szene des Films „Im Westen nichts Neues".

Nach dem Gefecht werden die Leichen der Soldaten eingesammelt und die Uniformen von den Körpern gezogen. Jacken und Hosen der Toten werden zu dicken Bündeln verschnürt. Ganze Waggonladungen davon landen in einer riesigen Halle. Das Blut wird herausgewaschen, Näherinnen flicken die Einschusslöcher. Von all dem ahnt Paul Bäumer (Felix Kammerer) nichts.

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Der 17-jährige Gymnasiast hat die Unterschrift seines Vaters gefälscht, um als Freiwilliger für Kaiser, Gott und Vaterland in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Als er das Namensschild in der Jacke entdeckt, glaubt er, dass ihm irrtümlich eine falsche Uniform ausgehändigt wurde. Der Aufnäher des getöteten Soldaten wird herausgerissen und unter den Tisch fallen gelassen.

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Schon zu Beginn stellt Edward Berger in seiner Neuverfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ durch eine geschickte Montage das anonyme Sterben an der Westfront den Illusionen des Kriegsfreiwilligen gegenüber. Die literarische Vorlage aus dem Jahr 1928 gehört zu den wichtigsten Antikriegsromanen. Als Klassiker gilt ebenso die US-Verfilmung von Lewis Milestone von 1930.

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Angst zwischen Kugelhagel und Artilleriefeuer

Remarque schilderte die Grauen des Krieges aus der Kanonenfutterperspektive des jungen Soldaten. Diese Sicht behält auch Berger in seiner Netflix-Adaption bei, die vorab im Kino gezeigt und für Deutschland ins Oscarrennen geschickt wird. Die Angst der Rekruten zwischen Kugelhagel und Artilleriefeuer wird geradezu haptisch spürbar. Die Brutalität kriegerischen Mordens mit Gewehren, Bajonetten, Klappspaten, Gas und Flammenwerfern wird direkt, aber ohne voyeuristische Verstärkereffekte gezeigt. Untermalt von den dröhnenden Soundkompositionen Volker Bertelmanns (aka Hauschka), die jegliches Pathos vermeiden, wird der Film auch zu einer beklemmenden Klangerfahrung.

Dem gegenüber steht die fragile Menschlichkeit des jungen Paul, dem der österreichische Schauspieler Felix Kammerer eine beeindruckende emotionale Transparenz in der Kriegshölle mitgibt.

Der Regisseur hat die literarische Vorlage entschieden eingekürzt. Die Grundausbildung bleibt ebenso außen vor wie Pauls verstörende Erfahrungen beim Heimaturlaub. Dafür wird die Filmhandlung in einem zweiten Erzählstrang erweitert, in dem der liberale Abgeordnete Erzberger (Daniel Brühl) gegen den Willen der deutschen Militärs den Waffenstillstand in Compiègne aushandelt. Damit werden die traumatischen Erfahrungen des Soldaten in einem historischen Rahmen verortet. Zehn Jahre nach Kriegsende konnte Remarque auf eine solche Einordnung verzichten. Heute kann historischer Kontext nicht schaden.

Auch die ausgefeilten Netflix-Algorithmen konnten nicht vorhersehen, dass die Neuverfilmung mit dem Krieg in der Ukraine unverhoffte Aktualität bekommt. Der Film macht eindrücklich deutlich, was Krieg für diejenigen bedeutet, die ihn ausfechten müssen.

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„Im Westen nichts Neues“, Regie: Edward Berger, mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Daniel Brühl, 157 Minuten, FSK 16; der Film läuft am 29. September in den Kinos an, ab dem 28. Oktober ist die Netflix-Produktion auf dem Streamingdienst zu sehen.

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