Haben Sie die Monster besiegt, Tom Odell?

Der Pop-Sänger Tom Odell.

Der Pop-Sänger Tom Odell.

Tom Odell, wie war Ihr Tag bisher?

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Durchaus erfreulich. Am Vormittag bin ich laufen gewesen. Das Wetter war ausnahmsweise genau richtig, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Jetzt habe ich das Gefühl, ich muss arbeiten.

Machen Sie ja auch.

Schon, oder? Das zählt als Arbeit, denke ich. Noch immer kommt in mir schnell das Gefühl auf, ich habe zu viel Spaß und mache zu wenig. Dabei ist das völliger Unsinn. Seit der Pandemie arbeite ich sogar mehr als vorher. Ich habe mir richtige Bürozeiten antrainiert. Von 9 bis 19 Uhr ist Büro Odell nun meistens erreichbar. Komische Sache. Ich arbeite, als wäre ich angestellt. Auf der anderen Seite habe ich seit zwei Jahren keine Tournee mehr gespielt.

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Regelmäßige Arbeitszeiten sind ja eigentlich keine schlechte Sache.

Stimmt. Ich will mich auch wirklich nicht beklagen. Andere haben es sehr viel schwerer als ich. Die Regelmäßigkeit aktuell gefällt mir sowieso ganz gut. Sie sagen Bescheid, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen ein alter Mann gegenübersitzt, ja? (lacht)

„Vor der Pandemie war ich der totale Nomade“

Ist schon in Ordnung. Immerhin sind Sie im November 30 geworden.

Das war mein Alter-Mann-Moment schlechthin. Wenn du 30 wirst, macht dir dein Umfeld ziemlich deutlich, dass du nicht länger zu den Kids gehörst. Man ahnt das alles vorher, und dieser Tag kommt ja auch nicht unvermittelt. Trotzdem war es im Kopf ein Einschnitt – aber kein unangenehmer.

Mit 30 kann man schon mal die eine oder andere bürgerliche Vorliebe an sich feststellen. Und wenn es nur regelmäßige Arbeitszeiten sind.

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Tatsächlich führe ich seit weit über einem Jahr ein total strukturiertes Leben und weiß das auch zu schätzen. Vor der Pandemie war ich der totale Nomade. Ich hielt mich nie länger als sechs Wochen an einem Ort auf. Immer bin ich weitergezogen, und meist war ich in den vergangenen sechs Jahren auf Tour. Das war meistens schön, aber auch immer anstrengend. Früh aufstehen, spät ins Bett kommen, ständig auf Reisen sein. Nun saß ich in London fest, habe zusammen mit meiner Freundin unser Haus auf Vordermann gebracht und es genossen, meine Zahnbürste monatelang im selben Becher stehen zu haben und jeden Morgen unter derselben Dusche zu duschen. Und irgendwann fängst du dann an, auch deine Umgebung viel genauer und bewusster wahrzunehmen.

„Ich sehe so viel Positives und Wundervolles darin, Wurzeln zu schlagen“

Was haben Sie dabei bemerkt?

Ich bin jetzt zwei Frühjahre und zwei Sommer immer dieselbe Route gelaufen. Du siehst Tag für Tag, wie alles allmählich sprießt und blüht, und bekommst ein ganz anderes Gespür für die Jahreszeiten. Ich sehe so viel Positives und Wundervolles darin, Wurzeln zu schlagen. Vielleicht verlasse ich London ja sogar nie wieder.

Kein Drang, wieder loszuziehen?

Der hält sich noch in Grenzen. Flugzeuge zum Beispiel vermisse ich überhaupt nicht. Reisen ist natürlich auch stimulierend, an neue Orte zu kommen, das Gefühl, in Bewegung zu sein, das beflügelt dich. Wenn du plötzlich still sitzt, musst du die Bewegung woanders finden. Mir ist das geglückt. Ich fand die Stimulation bei meiner Arbeit. Mein Durst, Musik zu machen, wurde größer und größer, während ich mich mit den neuen Songs beschäftigte.

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Man kannte Sie bisher als den Fachmann für Pianoballaden mit einer großen Affinität für die Musik der Siebzigerjahre und für Kollegen wie Elton John oder Billy Joel. Wie kam es zu der Entwicklung hin zu einer stärker elek­tronisch ausgerichteten Platte?

Mein vorheriges Album „Jubilee Road“ stand ganz in der Tradition der von Ihnen angesprochenen Singer-Songwriter, die ich sehr verehre. Doch jetzt war es mir wichtig, meine Einflüsse ein Stück weit loszulassen und noch mehr auf meine eigene Inspiration zu vertrauen. Ich habe mich bewusst vor eine weiße Leinwand gesetzt und geguckt, was passierte.

Und?

Als Erstes schrieb ich „Numb“, den Song, der auch das Album eröffnet. Er beginnt mit der Zeile „I hold my hand over the flame to see if I can feel some pain„ („ich halte meine Hand über die Flamme, um zu sehen, ob ich den Schmerz spüre“, Anm. d. Red.). Ich fand es interessant, aus einem Zustand der totalen Apathie heraus zu beginnen und zu schauen, wo mich das alles hinführt. An „Numb“ habe ich Monate gearbeitet, mir den Song wieder und wieder vorgeknöpft und kleinste Nuancen verändert.

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Es regt also an, ein Lied über Antriebslosigkeit zu machen?

Bisweilen tut es das wirklich. Ich fühlte mich wie ein Forscher in eigener Sache, der Körper und Geist seziert und feststellt, dass sich sein ganzes System anfühlt wie ein Ballon, aus dem die Luft entwichen ist.

Diese eigene Sache, von der Sie sprechen, ist Ihre mentale Gesundheit. Sie hatten seit einigen Jahren mit Panikattacken zu kämpfen. Entwickelte sich die Krankheit plötzlich?

Die körperlichen Attacken fingen abrupt an. Aber so eine zugrundliegende Angst, die habe ich schon lange. Ein gewisser Hang zu Weltuntergangs­gedanken gehört zu mir, und er manifestiert sich sehr unterschiedlich. Eine Variante ist die, dass ich sehr besessen werde von meiner Musik und einen Song 500-mal anhöre, um immer wieder etwas zu ändern. Das gleitet auch mal in Selbstquälerei ab. Schon bei „Another Love“ war ich ewig nicht zufrieden und schlug mich ohne Ende mit dieser Produktion herum. Mein Kumpel, der den Song mit mir produzierte, wurde wirklich wütend. Nun ja, und dann geriet „Another Love“ zum Riesenerfolg und belohnte meine Angewohnheit somit noch. Das war nicht förderlich.

Haben Sie mittlerweile etwas mehr loslassen können bei der Arbeit?

Ich wünschte, ich hätte bessere Nachrichten für Sie. Aber die Antwort ist Nein. „Monsters“ zu beenden war ein Horror. Meine arme Freundin hat mich toll unterstützt, aber an manchen Abenden rupfte ich mir buchstäblich die Haare aus. Ein Albtraum. Zum Teil hatte ich 15 fertig aufgenommene Fassungen eines Songs, weil ich mich nicht für eine entscheiden konnte.

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Geht es in dem romantischen „Lose You Again“ um Ihre Freundin und Sie?

Ja. Der Song kam instinktiv über mich, ohne jede Vorwarnung. Ich mag das Lied gern, weil es so angenehm unschuldig ist. Ich schrieb es sehr schnell in einem Gitarrenladen in Boston, als ich vor zwei Jahren dort auf Tour war.

Ebenfalls in den USA, und zwar am Strand von Santa Monica, haben Sie einen Ihrer Tiefpunkte erlebt. War das der Moment, an dem Sie wussten, dass Sie etwas ändern müssen?

Ja. In dieser Zeit in Los Angeles schrieb ich viele Songs und war fast permanent down. Ich saß eines Tages im Sand, schaute den Flugzeugen zu und wünschte mir nur, in einem von ihnen zu sitzen und nach Hause zu fliegen. Ich hatte das Gefühl, ich kann mich überhaupt nicht mehr bewegen, und mir wurde klar: Tom, du bist depressiv. Die Panikattacken kamen Tag für Tag, und ich war so unendlich müde, so furchtbar erschöpft. Ich behandelte mich selbst und fing an, Valium zu nehmen. Dazu trank ich Alkohol, immer öfter und viel zu viel. Nur so konnte ich schlafen und ein bisschen Ruhe in meinem Kopf finden, wo ansonsten ein Sturm tobte.

Tom Odell fällt es nicht leicht, über seine Krankheit zu sprechen

Fällt es Ihnen leicht, offen über Ihre Krankheit zu sprechen?

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Nein. Aber ich weiß, dass mir das hilft. Mein Herz ist wirklich bei allen, die unter Problemen mit ihrer Psyche leiden. Ich denke, je mehr solche Promitrottel wie ich darüber sprechen, desto mehr hilft es den anderen, die im Dunkeln leiden. Diese Krankheit ist wirklich schlimm. Deinem Kopf nicht mehr vertrauen zu können macht dich so einsam und so traurig, so verzweifelt und so allein. Jetzt darüber zu sprechen und ein Album über das Thema geschrieben zu haben fühlt sich an wie die Befreiung aus einem Verlies.

Sie singen „You are just a monster and I’m not scared“ – du bist nur ein Monster und machst mir keine Angst. Ist das Monster Ihre Depression?

Ja. Diese existenziellen Angstattacken haben meinen Körper wahnsinnig unter Stress gesetzt. Alles in meinem Körper ruft in solchen Momenten danach, zu rennen und die Panik hinter sich zu lassen, aber du kannst nun einmal nicht vor dir selbst flüchten. Also musste ich lernen, mich zu überzeugen, dass die Panikgefühle irrational sind.

Gehen Sie zu einer Psychotherapie?

Ja, zum Glück. Ich habe lange gebraucht, mich zu öffnen und über meine Probleme zu sprechen. Heute weiß ich, wie wichtig reden ist und wie gut es tut, sich anderen Menschen mitzuteilen.

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Männern fällt es schwer, Schwächen zuzugeben. Ihnen auch?

Absolut. Männern fällt überhaupt vieles schwer. Es gibt diesen Druck, nicht nur ein guter, sondern ein perfekter Mann zu sein. Aber wer ist das schon? Ich versuche, ein anständiger Mensch zu sein. Und ja, ich denke, es gibt seit einigen Jahren ein Umdenken, was das Verhalten von Männern und männlichen Jugendlichen angeht. Vieles, was früher üblich war, gilt heute als toxisch und falsch. Inmitten dieses Erwachens und dieser größeren Sensibilität sollte man aber nicht sämtliche Probleme der Welt auf die Schreibtische der jungen Männer knallen. Wir alle sind Bewohner auf diesem Planeten, und es hilft niemandem weiter, eine Gruppe auszuschließen oder zu brandmarken.

Der Song „Money“ hört sich erst mal flott an. Aber das, was Sie singen, hat es in sich. Worum geht es?

Ich will etwas ausholen: Ich denke nicht, dass der Grund für meine mentalen Probleme in erster Linie in meiner Kindheit zu finden ist. Ich glaube eher, dass mir unsere Gesellschaft als solche zusetzt und Denkprozesse in Gang gesetzt hat, die mich angegriffen haben.

„So viel Reichtum direkt neben so viel krasser Armut“

Sie sind ein wohlhabender Mann mit einem schicken Eigenheim in London. Sehen Sie Geld dennoch als die Wurzel des Übels an?

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Nicht das Geld als solches, aber den Umgang mit ihm. Ich sehe, wie viel manche Menschen haben und was sie mit ihrem Reichtum anfangen, und es macht mich wütend. Nehmen wir doch nur mal Jeff Bezos. Der Mann wird jeden Tag um ein paar Milliarden reicher, und was tut er? Lässt sich ins All schießen. Das wirkt auf mich einfach dämlich und lächerlich. Warum gibt er nicht ein bisschen was von seinem Geld ab und löst damit viele Probleme? Ja, der Song ist auch ein wenig übertrieben polemisch und satirisch. Ja, ich bin moralisch korrupt und habe viel Geld verdient. Ja, ich lebe in einem Townhouse, das sich die meisten meiner Freunde nicht leisten könnten. Aber deshalb kann ich die Welt doch trotzdem beängstigend ungerecht finden. Ich schrieb auch diesen Song in Los Angeles. Dort hatte ich ein kleines Haus in Venice gemietet, direkt am Abbot Kinney Boulevard. Das ist eine megawohlhabende Straße in einer sowieso schon supercoolen Gegend. Aber du läufst da durch mit deinem perfekten Heißgetränk für 6,50 Dollar und stolperst förmlich über eine Riesenanzahl von obdachlosen Menschen. Ich bin einiges gewohnt, aber ich war geschockt, wie mühelos so viel Reichtum direkt neben so viel krasser Armut existieren konnte.

Die Nutzer der Onlineplattform Tiktok haben in Scharen Ihren alten Hit „Another Love“ entdeckt. Plötzlich ist der Song sogar wieder in den Singlecharts.

Es ist bizarr. Aber auch schön. Ein vollkommen neues Publikum hat „Another Love“ entdeckt. Das Lied hat quasi eine ganze Generation übersprungen. Ich ermutige die Kids nachdrücklich, sich auch meine anderen Songs anzuhören. Liebe Kinder, ich habe jetzt vier Alben gemacht, und alle lohnen sich. (lacht)

Haben Sie die Monster jetzt eigentlich besiegen können?

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Sie sind in den Schatten zurückgetreten. Ob sie dort bleiben, das weiß ich natürlich nicht, aber ich werde alles dafür tun. Manchmal fühle ich mich etwas narzisstisch, über diese Dinge in Interviews und Songs zu sprechen. Es könnte ja auch für selbstmitleidig gehalten werden, wenn so ein blöder 30-jähriger Musiker sich wegen seiner Ängste auslässt. Aber ich glaube, ich sollte nicht auf negative Meinungen einiger weniger schauen. Ich habe jedenfalls gelernt, dass auch psychisches Leiden eine Pandemie ist, die nicht individuell, sondern nur gemeinsam besiegt werden kann.

 

Mit Liebe an die Chartspitzen

Ein großer Telefonkonzern nutzte sie in Deutschland zeitweise als Werbesong, doch auch in vielen anderen Ländern Europas wurde Tom Odell 2012 mit seiner Ballade „Another Love“ über Nacht berühmt. Gerade einmal 22 Jahre alt, füllte der Musiker schlagartig die Konzerthallen – und eroberte die Herzen vieler Teenies. Odell wurde zum Nachwuchsstar der britischen Popbranche.

Musik schien von Kindheit an seine Erfüllung. 1990 im englischen Chichester geboren, begann Odell mit sieben Jahren mit dem Klavierspielen. Später schrieb er eigene Songs, ging mit 18 ans renommierte Institute of Modern Music in Brighton und gründete eine Band. Er hörte Songs von Elton John, David Bowie, Billy Joel und Bruce Springsteen – Künstlern, deren Musik ihn bei seinen eigenen Werken mitunter hörbar beeinflusste.

Auf Odells erste EP „Songs from Another Love“ folgte 2013 das erste Album „Long Way Down“ mit Singleerfolgen wie „Hold Me“, „Grow Old With Me“ und dem Debüthit „Another Love“. Er erhielt Auszeichnungen wie den Brits Critics Choice Award, vor allem aber Lobeshymnen in der Musikpresse. Odell, der in London lebt, wurde schnell als eine Art neuer Elton John gefeiert.

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Mit seinem aktuellen, vierten Album „Monsters“ geht Odell mehr in die düstere Richtung, hin zum Elektropop. Die Songs halfen dem Musiker dabei, seine Depression zu verarbeiten.

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