Kino, das glücklich macht

„Come on, Come on“ – Joaquin Phoenix als Ersatzvater wider Willen

Der Weg zum Einander-Mögen ist lang und gewunden: Woody Norman (links) und Joaquin Phoenix in einer Szene von „Come on, Come on“.

Mit Mikrofon und Aufnahmegerät reist der Rundfunkmann Johnny (Joaquin Phoenix) durch die Vereinigten Staaten von Amerika und befragt für ein Radioessay Kinder und Jugendliche: Wenn du an deine Zukunft denkst, wie stellst du sie dir vor? Wovor hast du Angst? Was macht dich wütend? Fühlst du dich einsam? Und was macht dich glücklich?

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Ein Mann, der Kindern ernsthafte Fragen stellt

Solche elementaren Fragen werden Kindern nur selten gestellt, weil sie von der Erwachsenen­welt oft unterschätzt werden. Wenn die befragten Jungen und Mädchen antworten, ist es, als würde sich ein Tor öffnen. Nachdenklich, klug, eloquent, ungefiltert, präzise und wahrhaftig klingen ihre Worte, die dem Pessimismus in Zeiten des Klimawandels tapfer eigene Zukunftsperspektiven abtrotzen.

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Diese dokumentarischen Interview-Sequenzen werden in Mike Mills neuen Spielfilm „Come on, Come on“ immer wieder hineinmontiert und zeigen, welche Schätze es in Kopf und Seele eines Kindes zu entdecken gibt. Es geht um das aufmerksame Zuhören zwischen Erwachsenen und Kindern in diesem zarten, einfühlsamen Film, der von der nachhaltigen Begegnung zwischen dem Radiojournalisten Johnny und seinem neunjährigen Neffen Jesse (Woody Norman) erzählt.

Ein Ersatzvater ohne Erfahrungen – das wird schwierig

Johnny ist nach einer langjährigen Beziehung seit Kurzem wieder Single und hat selbst keine Kinder. Als er an einem einsamen Dienstreise­abend aus dem Hotelzimmer seine Schwester anruft, ist das die erste Kontakt­aufnahme mit ihr seit langer Zeit. Viv (Gaby Hoffmann) eröffnet ihm, dass sie für eine Woche verreisen muss, um dem psychisch kranken Ex-Mann und Vater ihres Sohnes unter die Arme zu greifen. Johnny bietet ihr an, sich in der Zeit um den Jungen zu kümmern – und findet sich von einem Tag auf den anderen in der Elternrolle wieder, mit der er keinerlei Erfahrungen hat.

Zweifellos ist dieser Jesse ein besonderes Kind. Ein intelligenter, aufmerksamer Junge, aber auch ein notorischer Einzelgänger mit schrägen Marotten. Am frühen Samstagmorgen hört er lautstark Klassik­konzerte und vor dem Einschlafen spielt er gern das entlaufene Waisenkind, das ein neues Zuhause sucht.

In vielerlei Hinsicht ist der Onkel eine Niete

Rollenspiele und Geschichten­ erfinden – darin ist der Onkel eine rechtschaffene Niete. Auch wenn er aus einem Buch vorliest, während Jesse badet, wird das Kind ungeduldig und stellt Fragen, die direkt ins Herz treffen. Warum lebst du allein? Warum hast du so lange nicht mit meiner Mutter gesprochen? Wenn der Onkel ihn mit Ausflüchten abspeisen will, sagt der Junge nur „Blah, blah, blah“ – so wie es Greta Thunberg als Ikone ihrer jungen Generation beim Klimagipfel in Glasgow getan hat.

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Als die Mutter ihre Abwesenheit verlängern muss, nimmt Johnny den Neffen mit von Los Angeles nach New York. Hier beginnt Jesse, das fremde Leben seines Onkels besser zu verstehen und ist fasziniert von der neuen Umgebung. Aber die Annäherung zwischen den beiden erfolgt keineswegs reibungslos. Als Johnny den Neffen dann beim Telefonieren im New Yorker Straßengewühl verliert, ist die Panik in ihm übermächtig. Auch wenn er ihn kurz darauf wiederfindet, fühlt sich der Onkel der Verantwortung nicht mehr gewachsen. In abendlichen Telefonaten versucht Viv, ihn zu beruhigen, erklärt dem Bruder die Gefühlswelt ihres Sohnes und die eigenen Versagens­ängste, die zum elterlichen Alltag gehören.

Dieser Film hätte hoffnungsloses Kinoschmalz werden können

Die Annäherung zwischen einem kinderlosen Mittvierziger und einem neunjährigen Jungen – wie leicht hätte eine solche Geschichte im klassischen sentimentalen Hollywoodsumpf versinken können. Aber Mike Mills („Jahrhundertfrauen“) überzeugt auch hier wieder durch seine aufrichtige Sensibilität, mit der er der Kommunikation und den Verständnis­schwierigkeiten zwischen Kindern und Erwachsenen auf den Grund geht.

In einem mäandernden Erzählton lässt er mit Onkel und Neffen zwei grund­verschiedene Erlebniswelten miteinander in Kontakt treten. Das langsame Vortasten führt hier ohne angestrengte Plotakrobatik zu einer äußerst spannenden Beziehungs­dynamik, in der beide Seiten immer wieder an eigene Grenzen geraten und gleichzeitig feststellen, dass ihre Sehnsüchte und Ängste gar nicht so weit auseinanderliegen.

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Vom Glück der kleinen, alltäglichen Dinge

Schließlich steckt in jedem Erwachsenen ein ehemaliges Kind und in jedem Kind wartet ein zukünftiger Erwachsener. „Come on, Come on“ zeigt gleichermaßen die große Kraft­anstrengung wie die enorme Bereicherung, die in der elterlichen Verantwortung für ein Kind liegt. Joaquin Phoenix, der sich mit dieser Rolle Lichtjahre von seinem Auftritt in „Joker“ entfernt, überzeugt mit seiner Tiefensensibilität vollkommen als unerfahrener Ersatzvater.

Und der junge Woody Norman agiert mit erfrischender Spielfreude auf Augenhöhe zu dem oscarprämierten Hollywoodstar.

„Come on, Come on“, Regie: Mike Mills, mit Joaquin Phoenix, Woody Norman, Gaby Hoffmann, 109 Minuten, FSK 6 (Kinostart am 24. März)

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