In Venedig ausgezeichnetes Drama

Audrey Diwan über ihren Abtreibungsfilm: „Ich wusste, dass diese Wirklichkeit schockiert“

Glückliche Siegerin: Regisseurin Audrey Diwan im Herbst vorigen Jahres bei den Filmfestspielen von Venedig.

Glückliche Siegerin: Regisseurin Audrey Diwan im Herbst vorigen Jahres bei den Filmfestspielen von Venedig.

Audrey Diwan, 1980 geboren, arbeitete als Journalistin für Frauenzeitschriften, bevor sie sich als Drehbuchautorin einen Namen machte. „Das Ereignis“ (Kinostart 31. März) ist nach dem Familiendrama „Mais vous êtes fous“ erst ihr zweiter Film als Regisseurin – und bescherte ihr den Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Annie Ernaux und erzählt von einer Studentin in den Sechzigern, die sich entscheidet, ihr Kind abzutreiben, um nicht ihren Universitätsabschluss zu gefährden.

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Frau Diwan, Ihr Film erzählt von einem Schwangerschaftsabbruch im Jahr 1963: Warum sollte das heute ein Publikum interessieren?

Der Film spielt in den Sechzigern in Frankreich, das stimmt. Aber die Bedrängnis, in die die Studentin Anne gerät, ist an vielen Orten auf diesem Planeten immer noch aktuell. Zudem hatte ich keine Ahnung von der damaligen Wirklichkeit in unserem Land, bis ich den Roman „Das Ereignis“ von Annie Ernaux gelesen hatte. Die Spannung des Buches hatte mich gepackt, und ich erkannte, wie wenig ich über den Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen wusste. Und das, obwohl ich mich als Feministin begreife und obwohl ich mich mit dem Thema viel beschäftigt habe.

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Wie schwer ist es für eine Frau in Frankreich heute, eine Schwangerschaft abzubrechen?

Auf die Frage kann ich zwei Antworten geben: Zum einen: Es ist viel besser für Frauen geworden, erst recht, seit das französische Parlament endlich die Frist für Abtreibungen von zwölf auf 14 Wochen verlängert hat. Es gibt aber noch eine andere Wirklichkeit: Für Frauen wird es immer schwerer, einen sicheren Ort für einen Abbruch zu finden, besonders wenn sie auf dem Land leben. Und Frauen wird vermittelt, nicht zu laut über ihre Rechte zu reden. Sie sollen schweigen.

Als Ihr Film Premiere beim Festival in Venedig hatte, sind im Publikum einige in Ohnmacht gefallen: Hatten Sie mit so einer Reaktion gerechnet?

Nein, wirklich nicht. Aber ich wusste, dass die Wirklichkeit, die ich zeige, schockiert. Ich selbst war ja auch schockiert, als ich den Roman las. Aber es war nie mein Ziel, einen schockierenden Film zu machen. Ich hätte nicht gedacht, dass Leute körperlich so stark mitfühlen würden. Heftige Reaktionen gab es auch später immer wieder. Für mich bedeutet das, dass sich die Menschen packen lassen, wenn sie diese Realität zum ersten Mal wahrnehmen. Die Wirklichkeit ist hart, und so wollte ich sie auch filmen: Ich wollte, dass das Publikum sich mit Anne verbunden fühlt.

Hatten Sie je überlegt, die Szene zu streichen, in der Anne eine Stricknadel in ihre Scheide einführt?

Moment, das sehen Sie gar nicht. Auf der Leinwand findet das gar nicht statt, Sie imaginieren die Szene in Ihrem Kopf.

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Fallen mehr Frauen oder mehr Männer in Ohnmacht?

Hälfte-Hälfte vielleicht. Wenn ich erklären soll, welcher Typ Zuschauer in Ohnmacht fällt, wird die Konversation seltsam, aber ich würde sagen: Besonders junge Männer und Frauen erwischt es.

Haben Sie diesen Film aus einer Wut heraus gemacht?

Ja. Ich war wütend, als ich den Roman gelesen habe. Aber ich wollte in meinem Film nicht nur über Abtreibung reden, sondern auch über Sex, Vergnügen, Verlangen. Ich wollte eine junge Frau zeigen, die ihren Körper und ihre Intimität entdeckt – und auch ihre Freiheit, an der Universität zu studieren. Das war damals ja nicht selbstverständlich.

Lässt sich weibliche Nacktheit in #MeToo-Zeiten schwerer darstellen?

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Überhaupt nicht. Es kommt immer darauf an, wie Sie Nacktheit zeigen. Ich sexualisiere Annes Körper nicht. Ich versuche, mit ihren eigenen Augen auf ihren Körper zu schauen, den sie verletzen zu müssen glaubt. Manchmal braucht man Nacktheit, es kommt immer auf den Grund an.

Filmen inzwischen Männer nackte Frauen anders?

Es kommt meiner Ansicht nach nicht darauf an, ob eine Frau oder ein Mann hinter der Kamera steht. Der Körper einer Schauspielerin oder auch eines Schauspielers darf nicht als Objekt benutzt werden.

Anamaria Vartolomei als Anne und Kacey Mottet Klein (r.) als Jean in einer Szene des Films „Das Ereignis“.

Anamaria Vartolomei als Anne und Kacey Mottet Klein (r.) als Jean in einer Szene des Films „Das Ereignis“.

Gab es Proteste, als Sie den Goldenen Löwen in Venedig gewannen, vielleicht von der Katholischen Kirche?

Ich habe nichts von Protesten mitbekommen. Ich will mit diesem Film aber auch niemanden provozieren. Ich will eine Diskussion eröffnen.

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Ist eine Schwangerschaftsunterbrechung immer noch mit sozialer Scham verbunden?

Auf jeden Fall. Als die Autorin Annie Ernaux im Jahr 2000 ihren Roman „Das Ereignis“ in Frankreich veröffentlichte, die Vorlage zum Film, war es dasjenige ihrer Bücher, das am wenigsten Medienecho auslöste. Das hat sie mir erzählt.

Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit Ihrem Film gemacht?

Ich habe den Film in vielen Kinos präsentiert. Und wenn ich nach der Vorstellung berichtete, dass auch ich eine Schwangerschaft abgebrochen habe, waren manche im Publikum überrascht. Einige Frauen erzählten dann vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, dass auch sie abgebrochen hatten. Und was mich betrifft: Ich habe auch zwei Kinder.

Was würden Sie antworten, wenn jemand behauptete, dass dieser Film sich besonders an Frauen richte?

Ich bin kein Diktator: Niemand muss den Film sehen. Aber ich bin über jeden froh, der sich angesprochen fühlt. Dann bin ich glücklich. Wenn ein Mann glaubt, dass ihn das alles nichts angeht, ist das eben so.

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Ich bin besorgt, was da gerade in Ländern von Texas über Polen bis Afghanistan passiert.

Aber es wäre schon schön, wenn auch Männer den Film sehen würden.

Sie tun es ja auch. Nach einer Vorstellung kam ein Mann auf mich zu und sagte: Es tue ihm sehr leid. Er habe in den Siebzigern für Menschenrechte gekämpft – gegen den Vietnamkrieg und für andere Dinge. Er habe aber nie für die Frauen gekämpft. Nach diesem Film wisse er, dass das ein Fehler gewesen sei.

Wie hart war es, den Film zu finanzieren?

Sehr, sehr hart. Aus mehreren Gründen: Dies ist erst mein zweiter Film. Das Thema ist heftig. Die Darsteller sind nicht sonderlich bekannt. Es war also leicht, Gründe gegen den Film zu finden. Bei mancher Ablehnung hatten wir das Gefühl, dass sich dahinter eine ablehnende Haltung gegenüber Abtreibungen versteckte.

Wäre es vor zehn Jahren noch schwieriger gewesen, den Film zu drehen?

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Auf jeden Fall. Es wird ganz allmählich leichter für Frauen. Die Zeiten ändern sich.

Wenn Sie sich heute in der Welt umschauen: Machen Frauen Fortschritte, wenn es darum geht, über ihren Körper selbst zu bestimmen?

Ich bin keine Politikerin, aber ich lese Zeitung. Ich bin besorgt, was da gerade in Ländern von Texas über Polen bis Afghanistan passiert. Vielerorts ist es gerade keine gute Zeit für Frauen. Klar gibt es auch Staaten, in denen es besser wird, siehe Argentinien. Aber ich hätte erwartet, dass die Welt endlich eindeutig in Richtung Fortschritt aufbricht.

Viele Regisseurinnen gewinnen Festivalpreise, Chloe Zhao mit „Nomadland“, Julia Ducournau mit „Titane“ und nun Sie. Was passiert da gerade?

Die Filmindustrie ist weniger verängstigt, Frauen reinzulassen. Je mehr Frauen aber Filme machen, desto mehr Preise gewinnen sie auch. Das ist logisch.

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Haben Sie das Gefühl, dass Zuschauer mit anderen Ansichten aus Ihrem Film herauskommen als jene, mit denen sie hineingegangen sind?

Abtreibungsgegner ändern nicht plötzlich ihre Meinung. So einfach ist es nicht. Aber vielleicht stoßen wir etwas an. Vielleicht lassen sich gerade junge Menschen ansprechen. Und das wäre doch schon viel für einen Film.

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