Lebensnah und feinfühlig

Porträt einer Alleinerziehenden: „An einem schönen Morgen“ mit Léa Seydoux

Szene aus dem Kinofilm „An einem schönen Morgen“.

Szene aus dem Kinofilm „An einem schönen Morgen“.

So viele Bücher von Kant, Arendt, Goethe, Kafka, Adorno, Hegel. Wohin bloß damit? Das fragt sich San­dra (Léa Seydoux), als sie zusammen mit Mutter und Schwester die Wohnung ihres Vaters ausräumt. Georg (Pascal Greggory) war Professor für deutsche Philosophie und leidet an dem neurodegenerativen Benson-Syndrom, wodurch Sehfähigkeit und Gedächtnisleistung zunehmend eingeschränkt werden.

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Die Krankheit hat dem Akademiker genommen, was ihn als gesellschaftlichen Menschen definierte: das Lesen, das Denken, das Lehren. Heute sind für Georg das Herumdrehen des Schlüssels im Schloss der Wohnungstür und der Gang zur Toilette unlösbare Herausforderungen. Auch mit Sandras regelmäßigen Besuchen ist der Alltag nicht mehr zu bewältigen. Zunächst wird Georg im Krankenhaus untergebracht. Pflegeheimplätze sind rar in Paris und die privaten Einrichtungen auch mit Professorenpension nicht erschwinglich.

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Auch wenn die Betreuung des Vaters Sandra oft an ihre Grenzen bringt, hinterfragt sie nie ihre Fürsorgeverpflichtung. Seit dem Tod ihres Ehemannes vor fünf Jahren lebt sie mit ihrer nun achtjährigen Tochter Linn (Camille Leban Martins) allein und arbeitet als Synchrondolmetscherin für Deutsch und Englisch. Die Liebe zur Literatur hatte Vater und Tochter einst eng verbunden. Noch kann Sandra die Gedanken des Vaters, die mitten im Satz versanden, für ihn zu Ende bringen. Aber sein Verschwinden in der Krankheit ist für die Tochter ein andauernder, schmerzhafter Abschied.

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Der Film atmet eine intime Vertrautheit

Als sie nach längerer Zeit einen alten Freund wiedertrifft, entwickelt sich aus dem vorsichtigen Flirt eine Affäre, die Sandra mit frischer Verliebtheitsenergie stärkt. Aber Clément (Melvil Poupaud) ist verheiratet, hat einen Sohn und ist genauso wie Sandra in seinen Verpflichtungen gefangen.

In ihrem Film „An einem schönen Morgen“ porträtiert die Französin Mia Hansen-Love („Alles was kommt“, „Bergman Island“) eine Frau in einem Lebensabschnitt, in dem sich alles zu überschneiden scheint: der Alltag einer alleinerziehenden Mutter, ein fordernder Beruf, ein demenzkranker Vater und ein Liebhaber, der sich nicht für sie entscheiden kann. Die Eigendynamik und die Anstrengungen dieser Lebensphase leuchtet Hansen-Love mit der ihr eigenen analytischen Sensibilität aus.

Man spürt deutlich, dass auch dieser Film autobiografisch motiviert ist. Die Regisseurin und Drehbuchautorin ist zu Hause in dem Milieu, das sie zeigt. Der Film atmet eine intime Vertrautheit mit seiner introvertierten Hauptfigur, der Léa Seydoux hohe emotionale Transparenz verleiht. Mit dem zügigen Schritt einer gelernten Großstädterin eilt ihre Sandra von einer Verantwortlichkeit zur nächsten. Sie funktioniert, aber lebt sie auch? Nur punktuell lässt sie die eigenen Gefühle hervorbrechen. „An einem schönen Morgen“ ist ein lebensnaher Film ohne jede emotionale Übersteuerung.

„An einem schönen Morgen“, Regie: Mia Hansen-Love, mit Léa Seydoux, Pascal Greggory, Melvil Poupaud, 112 Minuten, FSK 12

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