Welche Corona-Impfstrategie ist sinnvoll? Was internationale Fachleute sagen

Eine Ärztin setzt eine Spritze mit dem Impfstoff von Biontech.

Eine Ärztin setzt eine Spritze mit dem Impfstoff von Biontech.

New York. Corona-Impfstoffe retten unzählige Leben, doch die Verunsicherung beim Auftreten neuer hochansteckender Virusvarianten können sie nicht verhindern. Viele Menschen fragen sich, ob sie nun alle paar Monate eine Boosterimpfung brauchen werden. Oder ein neues Vakzin? Oder eine ganz neue Art der Impfung?

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Die Antworten sind offen. Aber solange die Immunisierungen noch ihre wichtigste Funktion erfüllen, solle die Messlatte nicht zu hoch gelegt werden, warnen Experten. „Wir müssen kollektiv das Ziel von Impfungen überdenken“, sagt Daniel Kuritzkes, leitender Infektiologe am Brigham & Women's Hospital in Boston. „Es ist unrealistisch zu glauben, dass irgendeine Art von Impfung Menschen für immer vor Infektionen und Erkrankungen mit milden Symptomen schützen wird.“ Wenn das Ziel die Verhinderung schwerer Verläufe sei, genüge es möglicherweise, die vorhandenen Impfstoffe an jede neue Variante anzupassen.

Impfstoffe der nächsten Generation in Arbeit

Bei Mutationen ändert das Virus im Grunde seine Form, wobei sich die Gefährlichkeit einer neuen Variante nicht im Voraus absehen lässt. Von Omikron ist schon eine Untervariante mit eigenen einzigartigen Mutationen im Umlauf. Forscherinnen und Forscher arbeiten bereits an Impfstoffen der nächsten Generation, die einen breiteren Schutz vor künftigen Mutanten bieten könnten – sie werden aber nicht so bald zur Verfügung stehen.

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Daher lautet die aktuelle Devise: Die bestehenden Vakzine an so viele Menschen wie möglich zu verimpfen, „reduziert die Möglichkeiten des Virus, zu mutieren und neue griechische Buchstaben hervorzubringen, über die wir uns dann Sorgen machen müssen“, sagt Jennifer Nuzzo vom Johns-Hopkins-Zentrum für Gesundheitssicherheit.

Warum die Immunabwehr nicht perfekt ist

Die Aufgabe, eine Infektion zu blockieren, übernehmen Antikörper, die sich entweder nach einer Impfung oder einem früheren Kontakt mit Covid-19 bilden. Ein Problem besteht allerdings darin, dass Mutationen die Gestalt des Spike-Proteins ändern, das das Coronavirus umgibt. Deshalb konnte Omikron leichter als frühere Varianten diese erste Abwehr überwinden: Seine Spike-Umhüllung war für vorhandene Antikörper schwerer zu erkennen.

Zudem ist das Immunsystem nicht dafür gemacht, dauerhaft im Alarmzustand zu sein. Daher nimmt die Zahl der Antikörper mit der Zeit wieder ab. Mehrere Monate nach zwei Impfungen mit den Corona-Vakzinen von Biontech/Pfizer oder Moderna hatten die Menschen nur einen geringen Schutz gegen eine Omikron-Infektion – ein Ergebnis sowohl schwindender Antikörper als auch der Virus-Mutation.

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Glücklicherweise sind andere Faktoren des Immunsystems, die so genannten T-Zellen, entscheidend dafür, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. Und dieser Schutz hält länger an, da die T-Zellen andere Teile des Virus erkennen, die nicht so leicht mutieren.

Warum die dritte Dosis zählt

Nach einer Boosterimpfung beträgt der Schutz gegen eine symptomatische Erkrankung durch Omikron etwa 70 Prozent. Das liegt zwar unter dem 94-prozentigen Wert bei früheren Varianten, an die Impfstoffe exakter angepasst waren, ist aber immer noch hochwirksam. Noch wichtiger: Der Booster verstärkt auch den Schutz gegen schwere Verläufe zusätzlich.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten genau, ob Antikörper nach einer dritten Dosis länger erhalten bleiben. Aber an einem gewissen Punkt werden sie wieder schwinden. Sogenannte Gedächtniszellen können bei einem erneuten Kontakt mit dem Virus eine schnelle Immunantwort auslösen. Israel stellt für bestimmte Personengruppen, darunter alle ab 60, bereits jetzt eine vierte Impfung bereit, und erwägt ein entsprechendes Angebot an alle Erwachsenen.

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Debattiert wird allerdings darüber, ob wiederholtes Boostern wirklich der beste Weg ist – vor allem, da die Bildung neuer Varianten wahrscheinlicher ist, sobald ein größerer Teil der Weltbevölkerung erste Impfungen bekommen hat. Endloses Auffrischen, nur um die Antikörper-Level dauerhaft hoch zu halten, sei „keine funktionierende Gesundheitsstrategie“, sagt der Impfexperte Paul Offit von der Kinderklinik in Philadelphia.

Mögliche neue Ansätze

Wie auch immer es mit Omikron weitergeht – dass das Coronavirus nicht verschwinden wird, ist klar. Die Wissenschaft arbeitet an umfassenden Impfstoffen, die vor mehr als einem Virustyp schützen sollen. Doch das wird Jahre dauern, wie der oberste US-Virologe Anthony Fauci betont. Eine direktere Herangehensweise könnte in der Entwicklung von Covid-19-Vakzinen liegen, die direkt in die Nase gespritzt werden. So könnten Antikörper dort gebildet werden, wo der Mensch zuerst mit dem Virus in Berührung kommt. Solche Vakzine sind schwerer zu entwickeln als Injektionsimpfstoffe, aber Studien dazu laufen, unter anderem in Indien.

Weltweit unterschiedlicher Schutz

Was mögliche Änderungen in der Impfstrategie erschwert, ist die bittere Tatsache, dass in armen Ländern erst zehn Prozent der Menschen mindestens eine Impfdosis erhalten haben. Jüngere Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass manche der weltweit eingesetzten Impfstoffe weniger zur Abwehr von Omikron taugen. Booster-Strategien müssten daher maßgeschneidert werden.

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Überschattet werden all diese Fragen davon, dass sich die nächste Mutante nicht vorhersagen lässt, wie der Impfexperte Jesse Goodman von der Georgetown University erklärt. Er spricht sich für eine weltweite Strategie aus, um den Zeitpunkt für eine mögliche Wende in der Impfpolitik festzulegen: „Sonst werden wir wieder eine verwirrte Öffentlichkeit haben.“

RND/AP

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