Fähigkeiten länger erhalten

Demenz: Lässt sich der Verlauf positiv beeinflussen?

Wie lässt sich der Alltag mit Demenz gestalten? Damit beschäftigt sich der 2. Duderstädter Demenztag.

Gedächtnistraining kann sich bei einer Demenz zumindest vorübergehend positiv auswirken.

Ein Wundermittel gegen Demenz gibt es noch nicht. Medikamente sind nur begrenzt wirksam und haben oft unangenehme Nebenwirkungen. Der Verlauf der Krankheit und das Befinden der Betroffenen lassen sich aber oft positiv beeinflussen: Egal, ob bei der Unterbringung im Heim oder zu Hause bei der Betreuung durch Angehörige.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In einer finnischen Studie erwies sich ein Maßnahmenprogramm als äußerst effektiv dabei, die geistigen Fähigkeiten im Alter zu erhalten oder sogar zu verbessern. Zumindest kurzzeitig schien die Kombination von Bewegung, gesunder Ernährung und kognitivem Training dem Ausbruch einer dementiellen Erkrankung vorzubeugen. Teilgenommen hatten an der Untersuchung mehr als 1200 Personen zwischen 60 und 77 Jahren, bei denen zuvor ein leicht erhöhtes Demenzrisiko festgestellt worden war. Eine Hälfte davon stellte ihre Ernährung um: Die Teilnehmenden aßen im Studienzeitraum vor allem Obst, Gemüse, Fisch und gesunde Fette und nahmen weniger Zucker und Alkohol zu sich, dafür das Nahrungsergänzungsmittel Vitamin D. Außerdem absolvierte diese Gruppe von Probanden und Probandinnen ein individuell zugeschnittenes Sportprogramm und trainierte ihre Gedächtnisleistung und Denkschnelligkeit mehrmals pro Woche durch das Lösen spezieller Aufgaben.

Die andere Gruppe bekam lediglich eine allgemeine Gesundheitsberatung. Nach zwei Jahren hatten sich die kognitiven Funktionen in der Gruppe, die an dem Programm teilgenommen hatte, um 25 Prozent stärker verbessert als in der Kontrollgruppe. Die Wahrscheinlichkeit, geistig abzubauen, lag bei ihnen um 30 Prozent niedriger. Nicht ableiten lässt sich aus der Studie, zu welchem Anteil die positiven Ergebnisse jeweils auf die drei Maßnahmen Sport, Ernährung oder Gehirntraining zurückzuführen waren. Auch ist nicht klar, wie stark der Effekt ausfallen würde, wenn bereits eine Schädigung des Gehirns vorliegt, wie etwa bei einer fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bewegung beugt Aggressionen vor

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) hat jedoch die Datenlage zu verschiedenen, nicht medikamentösen, Behandlungen bei Alzheimer-Demenz, der häufigsten Demenzform, ausgewertet. Demnach deutet vieles darauf hin, dass kognitive Trainings die geistige Leistungsfähigkeit und das Sprachvermögen von Menschen mit leichter und mittelschwerer Alzheimer-Demenz zumindest vorübergehend verbessern können. Es sei allerdings nicht auszuschließen, dass sich solche Trainings manchmal auch ungünstig auswirken könnten: So könne es für Trainierende deprimierend sein, beim Lösen von Aufgaben immer wieder zu scheitern. Wichtig sei daher, dass solche Verfahren an die individuellen Möglichkeiten und Bedürfnisse angepasst und professionell begleitet werden, so das Institut.

Dafür, dass eine mediterrane Ernährung Alzheimer vorbeugt oder verlangsamt, gibt es laut Iqwig hingegen keine Belege, das gleiche gelte für Nahrungsergänzungsmittel. Allerdings ist eine ausgewogene Ernährung im Alter ganz unabhängig von Alzheimer förderlich für die Gesundheit, das gleiche gilt für Sport und Bewegung. Wie sich körperliche Aktivität auf die geistige Leistungsfähigkeit bei Alzheimer auswirkt, sei noch unklar, so das Urteil des Iqwig. Studien zeigten aber, dass Menschen mit Demenz, die an Bewegungsprogrammen teilnehmen, dadurch länger mobil blieben.

Noch auf andere Weise könnten dementiell Erkrankte von Bewegungsprogrammen profitieren – und ihr Umfeld ebenfalls. So lassen sich körperliche Aggressionen bei Menschen mit Demenz durch körperliche Aktivitäten im Freien besser verhindern, als durch die Gabe von Medikamenten. Das hat eine Metaanalyse von 163 Studien ergeben, die 2019 im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“ veröffentlicht wurde. Auch Pflegekräfte in Deutschland berichten laut Pflegereport, dass Angebote zur Beschäftigung und Bewegungsförderung bei der Betreuung von Menschen mit Demenz helfen. Aufgrund von Zeitmangel werde aber häufig auf solche Angebote verzichtet. Etwa 42 Prozent der gesetzlich versicherten Heimbewohner und Heimbewohnerinnen mit Demenz werden dem Pflegereport zufolge Psychopharmarka verabreicht, um sie „ruhigzustellen“, also um aggressives oder unruhiges Verhalten einzudämmen.

Heime gehen neue Wege

Als „Leuchtturmprojekt“ sieht die deutsche Alzheimer-Gesellschaft im Gegensatz dazu das Pflegeheim „Dagmarsminde“ in Dänemark, über das sogar ein Film gedreht wurde. Die Bewohner und Bewohnerinnen sitzen dort nicht alleine auf ihren Zimmern, sondern machen vieles als Gruppe, zum Beispiel auch Gymnastik im Freien. Auf eine Ruhigstellung durch Medikamente wird versucht, zu verzichten. Einige Pflegeheime, die versuchen, neue Wege zu gehen, gibt es laut der deutschen Alzheimer Gesellschaft aber auch in Deutschland. Dazu gehören Einrichtungen, die sich dem „Werdenfelser Weg“ verpflichtet haben: Sie lehnen alle größeren Eingriffe in die Freiheit dementiell Erkrankter ab, die sich vermeiden lassen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Peggy Elfmann hat einen Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Demenz geschrieben. Richtig sei, dass es in Pflegeeinrichtungen nicht genug Personal gibt, hier sei ein Handeln der Politik gefragt. Man könne aber trotz einer Unterbringung im Heim weiterhin auch selbst für seine Angehörigen da sein. „Es ist ein Irrglaube, zu denken, man ist dann außen vor“, so Elfmann. Sie empfiehlt, den Gedanken an eine Unterbringung im Heim nicht wegzuschieben, sondern frühzeitig anzufangen, sich zu informieren und sich Einrichtungen anzuschauen oder über Alternativen wie Demenz-WGs zu informieren.

Viele Angehörige möchten Eltern oder Partner mit Demenz dennoch so lange wie möglich zu Hause betreuen. Die Betroffenen und ihre Angehörigen können in diesem Fall spezielle Angebote nutzen. In Gruppen für dementiell Erkrankte werden in praktischen Übungen tägliche Routinen wie Zähne putzen oder Kaffee kochen trainiert und es gibt Gesprächsrunden. Dass Betroffene beschäftigt und gefördert werden und regelmäßig Kontakt mit anderen haben, kann sich dabei positiv auf den Zustand der Erkrankten auswirken. Studien hätten gezeigt, dass soziale Aktivitäten die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen verbessern können, so das Iqwig. Sie würden der Apathie entgegenwirken, in die viele Demenzkranke verfallen und könnten den Betreuungsbedarf verringern. Auch Ratgeberautorin Peggy Elfmann sagt: „Auch im fortgeschrittenen Stadium kann man Erkrankten noch helfen, mit Demenz ein gutes Leben zu führen. Die Betroffenen haben dann nicht mehr selbst den Antrieb zu Aktivitäten. Aber wenn man aus der Vergangenheit weiß, dass sie gerne spazieren gehen oder Musik hören, wird ihnen das wahrscheinlich immer noch Freude machen.“

Schulungen für Angehörige

Das Verhalten der betreuenden Person kann Einfluss darauf haben, wie ein Mensch mit seiner Demenz zurechtkommt. Während Pflegekräfte im Umgang mit dementiell Erkrankten geschult sind, wissen Angehörige aber nicht immer, wie sie sich am besten verhalten sollen. Das gilt vor allem auch bei aggressivem Verhalten, das bei Menschen mit Demenz auftreten kann. „Wenn uns jemand anschreit oder uns Vorwürfe macht, wollen wir uns normalerweise rechtfertigen und versuchen, zu argumentieren. Das funktioniert aber bei einem Menschen mit Demenz nicht mehr. Weil ihre kognitiven Funktionen zu sehr eingeschränkt sind, kommunizieren sie auf der emotionalen Ebene“, sagt Ratgeberautorin Peggy Elfmann. Statt dann selbst mit Kritik oder Emotionen zu reagieren, solle man wohlwollend bleiben und Verständnis zeigen. „Das gelingt natürlich nicht immer und ist auch Übungssache. Um das zu lernen, hilft der Austausch mit anderen oder eine spezielle Beratung für Angehörige“, so Elfmann.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laut Iqwig haben Studien Hinweise darauf geliefert, dass Menschen mit Alzheimer-Demenz länger zu Hause leben können, wenn ihre pflegenden Angehörigen im Umgang mit der Krankheit geschult werden. Angehörige, die sich für eine solche Schulung interessieren, können über die Seite Demenzpartner der deutschen Alzheimerhilfe kostenlose Angebote in ihrer Nähe finden.

Mehr aus Gesundheit

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen