Trotz sinkender Corona-Neuinfektionen: Warum sterben in Griechenland so viele Menschen an Covid?

Nirgendwo in der EU, Bulgarien und Kroatien ausgenommen, sterben derzeit so viele Menschen mit Corona wie in Griechenland. Bild: Medizinische Mitarbeiter in Schutzausrüstung transportieren einen Patienten in Athen (Griechenland) auf einer Trage.

Die vierte Corona-Welle ebbt in Griechenland wieder ab, die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen sinkt seit Anfang Januar. Aber noch nie seit Beginn der Pandemie war die Zahl der Sterbefälle so hoch. Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität verzeichnete Griechenland im Schnitt der vergangenen zwei Wochen 141 Covid-19-Tote pro Million Einwohnerinnen und Einwohner. In der EU haben nur Bulgarien mit 167 und Kroatien mit 182 höhere Opferzahlen. Zum Vergleich: Deutschland meldete in den vergangenen zwei Wochen 22 Corona-Tote pro Million Einwohnerinnen und Einwohner. In Deutschland sind seit Beginn der Pandemie pro Million Einwohnerinnen und Einwohner 1416 Menschen mit Corona gestorben, in Griechenland 2334.

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Fachleute suchen nach Erklärungen für die hohe Sterblichkeit. Gesundheitsminister Thanos Plevris sieht einen Grund in der Überalterung des Landes. Der Anteil der über 65-Jährigen an der griechischen Bevölkerung liegt bei fast 23 Prozent, gegenüber 20 Prozent im EU-Durchschnitt. Hinzu kommt, dass immer noch viele Ältere in Griechenland nicht geimpft sind. Nach Angaben des griechischen Epidemiologen Gikas Magiorkinis waren in der ersten Februar-Woche 70 Prozent der Corona-Todesopfer ungeimpfte Patientinnen und Patienten im Alter von über 70 Jahren.

Griechenland hat sich nicht von Staatsschuldenkrise erholt

Der wichtigste Grund für die hohen Opferzahlen in Griechenland dürfte in den chronischen Schwächen des öffentlichen Gesundheitswesens liegen. Während der achtjährigen Staatsschuldenkrise zwangen die harten Sparauflagen der internationalen Gläubiger Griechenland zu massiven Kürzungen im Gesundheitswesen. Das Budget wurde von 24 auf 9,5 Milliarden Euro mehr als halbiert. Deswegen fehlte es in den Krisenjahren in den staatlichen Kliniken oft sogar an Verbandmaterial, Spritzen und Handschuhen. Medizinische Apparate konnten nicht gewartet und repariert werden. Viele Medizinerinnen und Mediziner ergriffen die Flucht. Nach Angaben der Athener Ärztekammer wanderten in den Krisenjahren rund 11.000 Ärztinnen und Ärzte ins Ausland aus.

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Von diesem Aderlass hat sich das griechische Gesundheitswesen bis heute nicht erholt. Zu Beginn der Pandemie verfügte das Land nur über 557 Intensivbetten. Inzwischen sind es zwar 1500, aber mit sieben Intensivbetten pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner liegt Griechenland immer noch weit hinter Deutschland mit 35 und Österreich mit 26 Betten.

Personalmangel wegen Impfpflicht

Hinzu kommen Personalengpässe. Es fehle vor allem an qualifizierten Medizinerinnen und Medizinern und Pflegerinnen und Pflegern für die Intensivstationen, sagt der Intensivmediziner Professor Theodoros Vasilakopoulos. Qualifizierte Medizinerinnen und Mediziner ins öffentliche Gesundheitswesen zu holen, ist schwierig. Denn seine Ärzte bezahlt der griechische Staat extrem schlecht. Das Anfangsgehalt eines Klinikarztes beträgt 1200 Euro brutto. Ein Klinikleitender bekommt nach 29 Dienstjahren ein Brutto-Grundgehalt von knapp 3000 Euro im Monat. Selbst im benachbarten Rumänien, einem der ärmsten EU-Länder, bekommen Klinikärzte das Doppelte, sagt Anna Mastorakou, die Vizepräsidentin des griechischen Ärzteverbandes.

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Obwohl die Regierung nach eigenen Angaben seit Beginn der Pandemie 1400 Medizinerinnen und Mediziner und 4000 Pflegekräfte eingestellt hat, gibt es in vielen Kliniken Personalmangel. Ein Grund ist die im vergangenen September eingeführte Impfpflicht im Gesundheitswesen. Fast 6000 Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger und Verwaltungsbedienstete wurden freigestellt, weil sie sich nicht impfen lassen wollen.

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