Lebensgefahr bei Blackout

Pflegepatientin: „Wir sind extrem abhängig vom Strom“

Maria-Christina Hallwachs ist die Ständige Vertreterin der Menschen mit Beatmung bei der Deutschen Interdisziplinären Gesellschaft für außerklinische Beatmung (Digab).

Maria-Christina Hallwachs ist die Ständige Vertreterin der Menschen mit Beatmung bei der Deutschen Interdisziplinären Gesellschaft für außerklinische Beatmung (Digab).

Wenn Maria-Christina Hallwachs aufzählt, was sie am Leben hält, nennt sie als Erstes ihr Beatmungsgerät. Kastenförmig, etwa 50 mal 20 Zentimeter groß, pumpt es die Raumluft durch einen Schlauch direkt in ihre Luftröhre zwischen dem Schlüsselbein. „Das ist das Wichtigste“, sagt Hallwachs. „Aber es gibt noch so viele Sachen drum herum.“ Ein Gerät, dass die trockene Luft vorher anfeuchtet. Ein Gerät, dass den Schleim aus ihrem Rachen saugt. Ein Zwerchfellschrittmacher. Ihr elektrischer Rollstuhl und das elektrische Bett, mit dem die Pfleger sie hoch- und runterfahren, um sie zu behandeln.

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Alles strombetrieben – nur was machen Maria-Cristina Hallwachs und andere Patientinnen, wenn es im Winter zu Netzausfällen kommen sollte?

Schätzungen zufolge werden in Deutschland 30.000 Menschen zu Hause künstlich beatmet. Hinzu kommen rund 80.000 Dialysepatienten, Millionen COPD‑Kranke. Oft hängt ihr Leben davon ab, dass regelmäßig Strom fließt.

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Hallwachs vertritt Menschen mit Beatmung bei der Deutschen Interdisziplinären Gesellschaft für außer­klinische Beatmung (Digab). Neulich traf sie sich in einer Zoom-Runde mit 20 anderen Betroffenen. Da wurden genau jene Themen diskutiert, berichtet sie. „Was macht ihr eigentlich im Notfall? Habt ihr ein Notstrom­aggregat? Wo holt man sich Rat? Früher dachte man, das mit dem Strom wird schon laufen. Viele sind nun aber aufgescheucht: erst die Katastrophe im Ahrtal, jetzt Putin. Wir sind alle extrem abhängig vom Strom und unseren Geräten.“

Die meisten der lebenswichtigen Maschinen haben einen internen Akku, der einspringt, wenn es zu Strom­ausfällen kommt. Die Laufzeit ist unterschiedlich, beträgt aber meist einige Stunden. Hinzu kommen externe Ersatzakkus, die bei längeren Ausfällen aushelfen können. Problematisch wird es, wenn es zu einem Blackout käme, einem großflächigen Stromausfall.

„Wie kommen die Leute, die mich begleiten, dann hin und weg?“, fragt Hallwachs sich. Sie ist 48, seit bald 30 Jahren querschnittsgelähmt. In Zwölf-Stunden-Schichten unterstützen Pfleger sie rund um die Uhr.

„Was ist mit den gekühlten Medikamenten, wenn der Kühlschrank länger ausfällt?“

„Wie komme ich an Lebensmittel?“

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Ihr Rollstuhl ist ohne Akku fast nicht zu schieben. „Ich kann nicht einfach mal so losstapfen. Man denkt nur an die Geräte, aber da ist viel mehr.“

Die Sorgen der Angehörigen

Szenarien, die auch viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sorgen. Fast fünf Millionen Fälle zählt die Pflegestatistik des Bundesgesundheitsministeriums; vier von fünf Betroffene werden zu Hause gepflegt, zum Beispiel von der Familie. Manche, die nicht mehr weiterwissen, rufen bei Michael Beier, 38, an. Er führt das Informationsportal „Pflege durch Angehörige“. Seit etwa zwei Wochen erreichen ihn die Fragen zum Strom: Meine Frau ist auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Wenn der Strom ausfällt, funktioniert es nicht mehr – was kann ich tun? Gleiches berichtet der Verein „Pflegende Angehörige“, das Thema bewirke sehr große Ängste, schreibt die Vorsitzende. „Am schlimmsten ist es bei Menschen, bei denen es um Leben oder Tod geht.“

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Aufgrund der vielen Anfragen hat Michael Beier, früher im Baumaschinegeschäft tätig, einen Leitfaden geschrieben: „Stromausfall – Blackout. Wenn plötzlich die elektrischen Hilfsmittel versagen“. Darin zählt er kurzfristige Hilfen auf: 230‑Volt-Powerbank, Solarpaneel mit Modulwechselrichter, Notstromaggregat, eine häufig gewählte Alternative. Vorteil: „Steht zum sofortigen Einsatz zur Verfügung, solange der Tank gefüllt ist“, schreibt Beier unter anderem. Nachteil: „Abgase müssen zwingend abgeleitet werden.“ Sonst drohe Erstickungs­gefahr, das sagt er im Gespräch mit dem RND am Telefon. Zwar gebe es all diese Überbrückungs­technik – diese sei aber teuer. „Wenn man pflegebedürftig ist, eventuell Grundsicherung bezieht, kann man nicht eben mal für 3000 Euro ein Aggregat kaufen.“

Beier befürchtet, dass viele Menschen nicht gut auf einen Stromausfall vorbereitet sein werden. Das gelte auch für Menschen, die nicht unmittelbar pflegebedürftig seien. „Wenn der alleinstehende Senior mit 85 und zurückgefahrener Lehne im Sessel sitzt, und plötzlich fällt der Strom aus – dann kommt der da nicht alleine hoch, kann nicht auf Toilette oder essen. Der kann dann schon verloren sein. Auch klassische Hausnotruf­systeme hängen ja am Strom.“

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Von einem längeren Ausfall wären nicht nur häusliche Pflegefälle betroffen. Auf eine RND‑Anfrage antwortete die Korian-Gruppe, einer der größten Pflegeheimbetreiber in Deutschland, dass nur wenige der 230 stationä­ren Einrichtungen über ein Notstromaggregat verfügten. Aggregate in der für Pflegeeinrichtungen ausreichenden Größe zu installieren, sei ein langwieriger Prozess. Beschaffung, Installation und Refinanzierung stellten eine Herausforderung dar. „Wir vertrauen auf die politische Zusicherung, bei einem Stromausfall von THW und Feuerwehr Unterstützung zu erhalten.“ Zudem seien Notfallpläne erstellt worden, die bei einem Blackout helfen sollen, die Zeit bis zu einer möglichen Evakuierung zu überbrücken.

Nierenpatienten: „Wir können derzeit nicht beruhigen“

Die Angst vor dem Stromausfall bekommt auch Martin Koczor vom Bundesverband Niere gerade laufend zu hören. Der Verband vertritt die Interessen der Dialysepatienten in Deutschland. Weil ihr Nieren nicht mehr richtig arbeiten, reinigt eine Maschine ihr Blut alle zwei Tage für mehrere Stunden. „Wenn sie eine Woche keine Dialyse durchführen können, sterben diese Menschen. Ich würde den Leuten gern etwas Beruhigendes sagen – aber wir können derzeit nicht beruhigen. Es gibt noch große Fragezeichen bei diesen Themen“, sagt Koczor.

Die Patienten-Heimversorung (PHV), die zu den führenden Dialyseanbietern in Deutschland gehört, bietet nach eigenen Angaben eine „Auffangdialyse“ in ihren Dialysezentren an, sollte es zu einem länger andauernden Stromausfall kommen und die Behandlung zu Hause nicht möglich sein. Die Zentren zählen wie Krankenhäuser zu den geschützten Einrichtungen, wenn es um die Energieversorgung geht. Außerdem verfügten Krankenhäuser mit Notstrom betriebene Dialyseplätze für schwer kranke Patientinnen und Patienten. Doch im Notfall, wenn es zu einem längeren Stromausfall käme, seien auch die Krankenhäuser überfordert, fürchtet Martin Koczor: „Die Kapazitäten würden mengenmäßig gar nicht ausreichen.“

Auch Maria-Christina Hallwachs rechnet mit überlasteten Krankenhäusern, wenn der Strom wegbleibt. „Um mich im Notfall zu retten, braucht es zwei bis drei Leute.“ Wo sollen die herkommen? Telefonieren werde schwierig, wenn das Netz ausfalle. Sie will sich demnächst an das Rote Kreuz wenden, an die Feuerwehr, die Polizei; einen Notfallplan mit ihnen absprechen, ihre Adresse durchgeben. Auch ihre Pfleger sollen Bescheid wissen, an wen sie sich wenden können. „Wenn man das Szenario einmal durchspielt, hat man nicht mehr so viel Angst.“

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