Nowitschok: Der Kampfstoff, mit dem Nawalny vergiftet wurde

Soldaten in Gillingham (Großbritannien) tragen Schutzanzüge während der Ermittlungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagenten Skripal und dessen Tochter.

Soldaten in Gillingham (Großbritannien) tragen Schutzanzüge während der Ermittlungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagenten Skripal und dessen Tochter.

Die Sowjetunion hatte in den 1970er und 1980er Jahren biologische Kampfstoffe entwickelt, die Gifte dieser Art enthalten. Mit dem üblichen Geheimdienstsarkasmus wurden sie auf den Namen “Nowitschok” getauft – Neuling. Erst vor zwei Jahren war auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Großbritannien ein Anschlag mit Nowitschok-Giften verübt worden. Die britischen Behörden hatten damals den russischen Militärgeheimdienst hinter dem Anschlag vermutet, was zu einer diplomatischen Krise mit Russland führte.

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Wie wirkt das Nervengift Nowitschok, was sind Symptome?

Und so funktioniert Nowitschok: Sogenannte Cholinesterase-Hemmer blockieren ein Enzym, das normalerweise den Botenstoff Acetylcholin abbaut und dadurch die Reizübertragung zwischen Nerven reguliert. Wird Acetylcholin nicht mehr abgebaut, reichert es sich im Körper an: Es kommt zu einer unkontrollierten Überaktivierung des Nervensystems. Typische Vergiftungssymptome sind Speichelfluss, Muskelkrämpfe und schließlich tödliche Herz- und Atemlähmungen.

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Schwach wirksame Cholinesterase-Hemmer sind nicht giftig. Sie werden sogar als Medikamente zur Behandlung von Alzheimer Patienten eingesetzt und können den Verlauf der Krankheit verzögern. Bei der Alzheimerkrankheit ist die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen verlangsamt. Eine leichte Anreicherung des Botenstoffs Acetylcholin im Nervensystem ist in diesem Fall erwünscht, denn sie kann die Signalübertragung und damit die Hirnfunktion bei den Patienten verbessern. Stärker wirksame Vertreter der Gruppe werden zum Beispiel als Pflanzenschutzmittel verwendet: Sie töten Insekten, indem sie deren Nervensystem lahmlegen. Aus hoch wirksamen Cholinesterase-Hemmern lassen sich biologische Waffen entwickeln. Neben den sowjetischen Nowitschok-Giften gehört auch das Senfgas Sarin dazu.

Atropin blockiert den Botenstoff in Nowitschok-Gift

Die Charité gab Nawalny, bevor die genaue Bestätigung aus dem Labor der Bundeswehr kam, bereits Atropin, ein Gegengift, das die Wirkung von Cholinesterase-Hemmern aufhebt. Es kommt in der Natur zum Beispiel in der schwarzen Tollkirsche vor (Atropa belladonna). Atropin blockiert die Wirkung von Acetylcholin und regt unter anderem die Herzfrequenz an. Liegt keine Vergiftung mit Cholinesterase-Hemmern vor oder wird Atropin in zu hoher Dosis genommen, ist es aber ebenfalls tödlich.

Der Kreml-Kritiker war zunächst in einem Krankenhaus im sibirischen Omsk behandelt worden, nachdem er auf einem Flug nach Moskau schreiend zusammen gebrochen war. Nawalnys Unterstützer hatten auf eine Ausreise nach Deutschland gedrängt, weil sie befürchteten, dass eine Vergiftung später nicht mehr nachweisbar sei.

Ehe Nawalny in die Maschine nach Moskau gestiegen war, hatte er offenbar Tee aus einem Plastikbecher getrunken, der das Gift enthalten haben könnte. Eine Vergiftung wäre aber auch durch bloßen Hautkontakt möglich – so wurde im Fall Skripal vermutet, dass Nowitschok auf dessen Türklinke gesprüht worden sei.

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