„Muss in dieser Welt, in die ich nicht passe, überleben“: Wie sich Borderline für Betroffene anfühlt

Sind Kinder oder Jugendliche oft traurig und antriebslos, kann dahinter eine Depression stecken.

Außenstehende können nur schwer nachvollziehen, wie es ist, mit Borderline zu Leben.

Rolf Klauke ist 54 Jahre alt und lebt seit mehr als zehn Jahren mit der Diagnose Borderline. Heute arbeitet der zweifache Familien­vater neben seinem Beruf als Industrie­schreiner als Trainer des sogenannten Stepps-Programms. Es hilft Betroffenen zu lernen, ihre Emotionen zu kontrollieren und Probleme systematisch zu lösen. Wieso das für Menschen mit Borderline wichtig ist und wie sich eine Persönlichkeits­störung im Alltag äußert, erklärt Klauke im RND-Interview.

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Viele Menschen kennen zwar den Begriff Borderline, wissen aber nicht genau, was eine Persönlichkeits­störung für Betroffene bedeutet. Wie fühlt sich das an?

Rolf Klauke: Borderline bedeutet eine ganz eigene Wahrnehmung. Man ist empfindlicher als andere Menschen, denkt mehr über Situationen nach, bei denen – ich sag jetzt mal – „normale“ Leute sagen: „Ach, das kann mir am Allerwertesten vorbeigehen.“ Da beschäftigt sich ein Borderliner schon mal eine Woche bis 14 Tage mit. Das nennen wir Gedanken­karussell oder Kopfkino.

Welche Situationen sind das?

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Da reichen Aussagen, eine Geste oder ein einzelner Blick von jemandem. Wir Borderliner sind sehr einfühlsame Menschen. Laut Statistiken empfinden wir alles siebenmal feiner oder schlimmer als andere. Deswegen sind wir sehr vorsichtig, überlegen genau, welche Menschen wir in unser Leben lassen und ob sie uns vielleicht verletzen – das macht das Leben sehr kompliziert.

Wie wirkt sich so ein Selbstschutz auf soziale Beziehungen aus?

Es ist ein Miteinander, aber auch ein Immer-wieder-auf-Distanz-Halten, um niemanden zu nah an sich ranzulassen. Es gibt viele, die extrem emotional oder aggressiv reagieren, oder andere, die sich sehr zurückziehen.

Seit Rolf Klauke weiß, dass er unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, hilft ihm die Diagnose im Umgang mit der Erkrankung. Mittlerweile macht er anderen als Trainer Mut.

Seit Rolf Klauke weiß, dass er unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, hilft ihm die Diagnose im Umgang mit der Erkrankung. Mittlerweile macht er anderen als Trainer Mut.

Schon als Kind dachte ich, dass ich anders bin.

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Wenn Sie einmal zurückdenken: Wann haben Sie das erste Mal bemerkt, dass sie anders auf gewisse Situationen reagieren als andere?

Schon als Kind dachte ich, dass ich anders bin. Das fing mit sechs oder sieben Jahren an, da habe ich mir schon viele Gedanken darüber gemacht, wie das Haus meiner Eltern und die Stromkosten bezahlt werden. Von den Nachbarskindern war ich der Einzige, der sich über solche Themen Gedanken gemacht hat.

Borderline geht also mit vielen Sorgen einher?

Auf jeden Fall. Man denkt immer: „Ich muss in dieser Welt, in die eigentlich nicht reinpasse, überleben.“ Daraus entstehen Überlebensstrategien, die in diesem Alter auch dringend nötig sind. Aber später, ab dem 30. Lebensjahr etwa, wenn das Sicherheitsdenken bei Erwachsenen anfängt, merken wir, dass diese Strategien uns nicht mehr helfen, sondern vielmehr im Weg stehen. Wir sind nicht in der Lage dazu, Vertrauen aufzubauen, stellen vieles infrage, haben Probleme mit Spontaneität, und einen Zwang zur Absicherung.

Bei wichtigen Terminen zum Beispiel überlege ich vorher: Wo muss ich hin? Welche Strecke muss ich fahren? Wie lange bin ich unterwegs? Das ist bei einigen so extrem, dass sie die Strecke vor einem Termin abfahren, damit möglichst keine Überraschung kommt. Wir stehen permanent unter Druck.

Es heißt, von Borderline Betroffene neigten zu extremem Verhalten, um diesem Druck standzuhalten – stimmt das?

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Borderliner sind häufig auf der Suche, um den inneren Druck loszuwerden oder die innere Leere zu füllen. Das äußert sich zum Beispiel durch das Ritzen, das ja in der Gesellschaft als typische Erscheinung gilt. Aber der Borderliner sucht sich verschiedene Wege: Dazu zählen auch Spiel- oder Kaufsucht, Drogen und Alkohol – das fällt alles unter den Begriff selbst schädigende Verhaltensweisen.

Testen Menschen mit Borderline so ihre Grenzen aus?

Der Borderliner an sich hat keine Grenzen – aber er verlangt sie von anderen. Viele haben dieses Gefühl: Ich mache alles, nur damit mein Gegenüber mich nicht verletzt. Und da werden emotionale Grenzen überschritten, das geht von Erpressung bis Nötigung. Ich mache alles, nur damit mich dieser Mensch nicht verlässt.

Wenn Sie mal zurückdenken: Gab es bei Ihnen einen Auslöser für die Krankheit?

Der Auslöser war bei mir, als ich Anfang 40 war und wir mit der Familie ein Haus gekauft haben. Da meinte ich, das Haus in einem halben Jahr umbauen zu müssen. Dazu sei gesagt: Ich hatte schon immer eine sehr hohe Anspruchshaltung an mich selbst. Alles musste immer besser und perfekter sein als bei anderen Menschen – um nicht angreifbar zu sein. So kam ich nach der Arbeit also immer nach Hause und hab da noch jeden Tag bis neun oder zehn Uhr gearbeitet. Für mich gab es in dieser Zeit nichts anderes. Und durch diesen Stress kam irgendwann der Zusammenbruch. Da hab ich gemerkt: Jetzt ist Feierabend, ich kann nicht mehr.

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Dann hat eine Therapeutin erkannt, dass bei mir eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Das war ein Schlüsselerlebnis. Endlich wurde mir erklärt, was mit mir los ist und was ich habe.

Was hat sich mit der Diagnose für ihre Familie und Freunde verändert?

Es war Erleichterung und Katastrophe zugleich. Wir wussten zwar jetzt, was ich habe, aber mehr erst mal nicht. Vor allem am Anfang hatten wir eine schwierige Zeit. Es musste alles abgesprochen werden, ich konnte nicht alleine sein, ich war wie ein kleines Kind. Wir haben dann versucht, uns schlauzumachen. Auch meine Frau ist zu einer Beratungsstelle gegangen. Dort hieß es aber, dass man mit einem Borderliner nicht zusammenleben könne, und sie sich doch einfach scheiden lassen solle. Das sehen heute leider auch noch viele so.

Haben Sie in dieser Zeit auch zu selbstverletzendem Verhalten geneigt?

Da waren tatsächlich auch Suizidgedanken, weil meine ganze Welt, die ich bis dahin hatte, zusammengebrochen ist. Mir und meiner Familie ist der komplette Boden unter den Füßen weggerissen worden.

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Wie ging es dann für Sie persönlich weiter?

Mir wurde das Stepps-Programm angeboten, das gerade aus den USA nach Deutschland kam. Anderthalb Jahre habe ich dieses Training gemacht und dabei viel über mich gelernt. Endlich konnte ich meiner Frau erklären, was mit mir los war. Das war der Zeitpunkt, ab dem es besser wurde.

Ein Segen war, dass wir im Bekanntenkreis offen damit umgegangen sind. Auch die Schulen unserer Kinder wussten Bescheid, damit sie dort einen Ansprechpartner haben.

Warum finden Sie es wichtig, offen damit umzugehen?

Man braucht nicht immer alles schönzureden. Wenn wir beispielsweise bei Freunden zu Besuch waren und ich gemerkt habe, ich muss jetzt nach Hause, dann haben das alle verstanden. Ich musste keine Ausreden erfinden. Leider erlebe ich durch meine Beratung zum Krankheitsbild, dass in vielen Familien ein Mantel des Schweigens drübergelegt wird.

Inwiefern hat sich denn das Verhältnis zu Ihren Mitmenschen nach der Diagnose verändert?

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Ich war früher ein großer Jasager. Ich habe alles gemacht, um meinen Mitmenschen zu gefallen. Auf einmal kam von mir auch mal ein Nein – und das war für viele nicht in Ordnung. Da haben sich manche im Nachhinein zurückgezogen. Es war eine teilweise unschöne und schmerzliche Erfahrung, aber heute sage ich: Der eine geht, der andere kommt. Das konnte ich früher noch nicht so sehen.

Warum „gehen“ eigentliche Freundinnen und Freunde in so einer Situation?

Einen Arm- oder Beinbruch sieht man – psychische Krankheiten allerdings nicht. Sie sind deshalb für manche schwer nachvollziehbar. Und vor allem in Bezug auf Borderliner herrscht immer noch bei vielen das Vorurteil: Das sind ganz schlimme Menschen. Aber dass wir auf der anderen Seite hochsensibel und einfühlsam sind, das sehen sie nicht.

Wie leben Sie heute mit der Krankheit?

Ich beschäftige mich immer wieder mit mir selbst. Denn schleicht sich der Alltag ein, gerät Erlerntes oft in Vergessenheit. Gelegentlich fällt dann aber auf: Hier musst du wieder achtsamer mit dir sein. Das schützt mich zwar nicht vor depressiven Phasen, in denen ich mich wiederum zu viel mit mir selbst beschäftige oder mir zu viel zumute. Aber heute erkenne ich solche Situationen und ziehe die Reißleine. Dann bleibe ich erstmal ein, zwei Wochen zu Hause und arbeite mit meiner Therapeutin daran, dass ich die Kurve kriege und ins normale Leben zurückkehren kann.

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Das Wichtigste ist, dass man sich im richtigen Moment immer wieder Hilfe und Unterstützung holt.

Es heißt, wir Borderliner leben in Phasen. Manche sind gut, andere sind eine Katastrophe. Das Wichtigste ist, dass man sich im richtigen Moment immer wieder Hilfe und Unterstützung holt. Dann fällt man zumindest nicht in ein ganz tiefes Loch.

Was würden Sie anderen Betroffenen oder deren Umfeld mit an die Hand geben?

Wichtig ist, dass Angehörige nicht versuchen, das Leben von Betroffenen wieder in Ordnung zu bringen. Das können nämlich nur sie selbst, da bringt es nichts, ihnen die Verantwortung zu nehmen.

Aber große Vorteile sind Unterstützung und der Wille, etwas zu verändern. Nötig ist auch die Kraft, zwei oder drei Jahre an sich zu arbeiten. Das funktioniert vor allem mit einem guten Netzwerk und Angeboten wie Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Die Krankheit gehört dann nach wie vor zum Leben, bestimmt es aber nicht mehr.

 

Sie leiden an Depressionen, krankhafter Niedergeschlagenheit oder haben düstere Gedanken? Bitte holen Sie sich Hilfe. Bei Notfällen rufen Sie unter 112 den Notarzt.

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Das Infotelefon Depression hat die Telefonnummer (0800) 33 445 33. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter den Telefonnummern (0800) 11 10 111 oder (0800) 11 10 222 oder 116 123. Weitere Informationen für Betroffene und Angehörige gibt es etwa bei der Stiftung Deutsche Depressions­hilfe im Internet: www.deutsche-depressionshilfe.de. Details zum Stepps-Programm finden Sie zum Beispiel unter www.borderline-hsk.de.

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