„Moralische Katastrophe“: weiterhin krasser Impfstoff-Mangel in Afrika

Die erste Ladung des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca wird am Kotoka Flughafen in Ghana ausgeladen und später von Mitarbeitern des UN-Kinderhilfswerks Unicef entgegengenommen. Doch genügend Impfstoffe haben die afrikanischen Länder noch lange nicht erreicht.

Die erste Ladung des Corona-Impfstoffes von Astrazeneca wird am Kotoka Flughafen in Ghana ausgeladen und später von Mitarbeitern des UN-Kinderhilfswerks Unicef entgegengenommen. Doch genügend Impfstoffe haben die afrikanischen Länder noch lange nicht erreicht.

Kapstadt. Im globalen Rennen mit der Zeit, möglichst rasch möglichst viele Menschen gegen Covid-19 zu impfen, hinkt Afrika hoffnungslos hinterher. Tatsächlich ist es bislang kaum aus den Startlöchern gekommen.

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In Südafrika, das die robusteste Wirtschaft und die meisten Corona-Fälle auf dem Kontinent aufweist, sind gerade mal 0,8 Prozent der Bevölkerung voll immunisiert, wie aus internationalen Statistiken der amerikanischen Johns Hopkins University hervorgeht. Und Hunderttausende Ärzte und Pflegekräfte, von denen es viele jeden Tag mit Infizierten zu tun haben, warten immer noch auf ihre Injektionen.

In mindestens fünf afrikanischen Ländern bisher keine einzige Dosis gespritzt

In Nigeria, mit mehr als 200 Millionen Einwohnern Afrikas bevölkerungsreichstes Land, sind nur 0,1 Prozent voll geschützt. In Kenia mit seinen 50 Millionen Menschen liegt der Prozentsatz noch niedriger, und Uganda hat Dosen aus ländlichen Gebieten abgezogen, weil es bei weitem nicht genügend Impfstoff zur Eindämmung von Corona-Ausbrüchen in großen Städten gibt.

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Im Tschad ist erst am vergangenen Wochenende mit dem Impfen begonnen worden, und nach Angaben von Afrikas Seuchenkontrollbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) gibt es mindestens fünf andere Länder, in denen bislang keine einzige Spritze gegeben wurde.

Neue Infektionswelle, doch Impfstoff-Lieferungen stehen beinahe still

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von einem eklatanten Mangel an Vakzinen auf dem Kontinent mit seinen insgesamt 1,3 Milliarden Einwohnern. Impfstoff-Lieferungen seien fast zum Stillstand gekommen - und das zu einer Zeit, in der eine neue Welle von Infektionen Afrika ergreift. „Es ist äußerst besorgniserregend und manchmal frustrierend“, sagt Afrikas CDC-Direktor John Nkengasong, ein Virologe aus Kamerun. Der Mediziner versucht sicherzustellen, dass auch einige der ärmsten Länder der Welt einen fairen Anteil an Vakzinen erhalten, auf einem Markt, auf dem sie nicht konkurrieren können.

Das Gefälle zwischen armen und reichen Staaten ist drastisch. In den USA und Großbritannien sind beispielsweise über 40 Prozent der Bevölkerung voll geimpft, bei Erwachsenen und besonders gefährdeten Menschen liegt die Rate sogar noch höher. Länder in Europa haben nahezu oder schon mehr als 20 Prozent ihrer Einwohner immunisiert, und hier denken die Menschen darüber nach, wohin sie dank ihrer Impfausweise im Sommerurlaub verreisen könnten.

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„Ich würde gern glauben, dass die G7-Länder, von denen die meisten einen Überschuss an Vakzinen besitzen, auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollen.“

John Nkengasong ist Afrikas CDC-Direktor

CDC-Direktor bittet Impfstoffe zu verteilen, um „moralische Katastrophe“ zu verhindern

Ärmere Länder hatten schon im vergangenen Jahr Alarm geschlagen, befürchtet, dass sich reiche Länder jede Menge Dosen sichern könnten, während sie selbst weitgehend leer ausgehen würden. Und so ist es auch gekommen. Vor diesem Hintergrund hat Nkengasong die reichen Nationen, die diese Woche ihren G7-Gipfel abhalten, dazu aufgerufen, überschüssige Impfstoffe zur Verfügung zu stellen - wozu sich die USA schon bereiterklärt haben - und eine „moralische Katastrophe“ abzuwenden.

„Ich würde gern glauben, dass die G7-Länder, von denen die meisten einen Überschuss an Vakzinen besitzen, auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollen“, sagte Nkengasong in einem Interview. „Verteilt diese Impfstoffe.“ Zu den G7-Ländern gehören Deutschland, Frankreich, die USA, Italien, Japan, Kanada und Großbritannien.

„Die Zeit arbeitet gegen uns“

Andere drücken sich drastischer aus. „Menschen sterben. Die Zeit arbeitet gegen uns. Dies ist IRRSINNIG“, schrieb die südafrikanische Menschenrechtsanwältin Fatima Hasan, die für gleichen Zugang zur Gesundheitsfürsorge kämpft, in einer Serie von Textnachrichten.

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Die US-Regierung hat kürzlich bekanntgegeben, dass sie zunächst 25 Millionen überschüssige Dosen an Staaten in Süd- und Mittelamerika, Asien sowie Afrika, die sie besonders dringend benötigen, abgeben werde. Am Mittwoch sagte eine Gewährsperson der Nachrichtenagentur AP, dass die USA weitere 500 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech und Pfizer kaufen würden, die über das Vakzin-Programm der WHO für ärmere Länder, Covax, an 92 Staaten mit niedrigerem Einkommen und an die Afrikanische Union gehen würden.

Aktuelle Corona-Welle soll stärker sein als vorherige

Tatsächlich fehlen Afrika etwa 700 Millionen Dosen. Das sogar auch dann, wenn man die Impfstoffe einberechnet, die dem Kontinent aus Covax zufließen, und einen Deal mit dem Arzneimittelhersteller Johnson & Johnson, der eh erst im August zum Tragen kommt.

Uganda hat just 3000 Dosen für die Verwendung in der Hauptstadt Kampala freigegeben - eine kaum nennenswerte Menge angesichts einer Einwohnerzahl von zwei Millionen. Hier und auch anderswo wachsen die Befürchtungen, dass man diesmal nicht so viel Glück hat wie bei vorausgegangenen Covid-19-Wellen, bei denen Teile Afrikas relativ glimpflich davonkamen. „Das erste Covid war ein Spaß. Aber dieses ist real. Es tötet“, formuliert es Danstan Nsamba, ein Taxifahrer in Uganda, der eine Reihe von Bekannten durch Corona verloren hat.

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Viele fühlen sich im Stich gelassen

In Simbabwe ist Chipo Dzimba nach Todesfällen in ihrer Gemeinde meilenweit zu Fuß gelaufen, um Impfstoff aufzutreiben. Zuerst suchte sie eine kirchliche Klinik auf, vergeblich, dann ein Bezirkskrankenhaus, wo es ebenfalls keine Dosen gab und man ihr sagte, dass sie sich an das regionale Hauptkrankenhaus der Regierung wenden solle. Aber das war denn doch viel zu weit entfernt. „Ich gebe auf“, sagt Dzimba. „Ich habe kein Geld für eine Busfahrt.“

Fernada Shaman ist für mehrere Altersheime in der südafrikanischen Stadt Durham zuständig. Nur etwa die Hälfte der betagten und gebrechlichen 1600 Bewohner ist geimpft, 22 Infizierte sind gestorben. „Sie fühlen sich sehr mutlos und im Stich gelassen“, sagt Shaman über ihre ungeimpften Schützlinge. „Es wirft wirklich ein Schlaglicht auf das größte Problem...den (Unterschied zwischen) Betuchten und Habenichtsen.“

RND/AP

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