Jetzt impfen auch Apotheken gegen Corona: Was bringt das, und warum finden Ärzte das schlecht?

Eine Apothekerin zieht den Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer auf (Symbolbild).

In einem Nebenraum der Apotheke sitzt Angela Schuster (Name geändert), ihre beiden kleinen Töchter malen, während Mama den Piks bekommt. Die Spritze im 90-Grad-Winkel ansetzen, dann fließt der Impfstoff von Biontech in den Muskel der Frau. Wenige Minuten später ist klar, dass sie keine akute allergische Reaktion hat. Am Schalter erhält sie den QR-Code für das digitale Impfzertifikat, dann geht es für die drei nach Hause. Angela Schuster ist nun bald wieder vollständig geimpft, nachdem der Schutz ihrer Johnson&Johnson-Einmaldosis ausgelaufen war.

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Patientin Nummer fünf ist Schuster an diesem Dienstagmittag in der Torhaus-Apotheke in Hannover, einer von nur vier Apotheken, die in der Stadt zum Impfstart gelistet sind. Für Inhaberin Stephanie Schnare war früh klar, dass sie impfen wird, sobald es möglich ist – schon beim Modellprojekt mit Grippeschutzimpfungen in Apotheken ist sie dabei. „Ich finde es cool, mal was Neues zu machen“, sagt sie, „und ich finde es wichtig, einen Teil dazu beizutragen, die Pandemie zu bekämpfen.“

Apothekerin Stephanie Schnare von der Torhaus-Apotheke in Hannover impft seit dieser Woche auch gegen Corona.

Apothekerin Stephanie Schnare von der Torhaus-Apotheke in Hannover impft seit dieser Woche auch gegen Corona.

Nur wer eine Prüfung besteht, darf impfen

6000 Apothekerinnen und Apotheker sind bislang geschult worden, weitere Seminare sind für die kommenden Monate bereits ausgebucht. Nach einem mit der Bundesärztekammer ausgearbeiteten Curriculum wird gelehrt, mehrere Tage umfasst der Praxis- und Theorieunterricht. Die Apothekerinnen und Apotheker lernen über Anamnese und Wechselwirkungen, impfen Puppen und sich gegenseitig und machen einen Erste-Hilfe-Kurs. Am Ende steht eine Prüfung, wer besteht, darf in den Räumen seiner oder ihrer Apotheke gegen Covid-19 impfen.

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Für Schnare was es indes mehr oder minder nur ein Anruf, denn im Zuge des Grippemodells hatte sie bereits im vergangenen Herbst das Impfen gelernt. „Anfangs hatte ich schon Respekt vor der Aufgabe, man hat als Apothekerin eher selten mit Nadeln zu tun“, sagt sie. Doch viel falsch machen könne man in der Praxis nicht. Sechs Impfungen am Tag macht sie derzeit, an ein bis drei Tagen die Woche, für mehr reiche die Kapazität nicht.

Doch sollte das Angebot durch einen erneuten Booster wieder gebraucht werden, könne sie aufstocken. Sie richtet sich dabei nach der Stiko-Empfehlung. Derzeit darf sie nur Menschen ab 18 impfen, doch bald macht sie einen Kurs, um auch Kinder ab zwölf Jahren impfen zu können.

Apotheker in anderen Ländern impfen längst

„Impfen ist die effektivste Antwort zur Pandemiebekämpfung“, sagt Gabriele Regina Overwiening, Präsidentin der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), „und wir wollen einen Beitrag leisten und die Aufgabe annehmen.“ Obwohl bereits seit Monaten diskutiert wird, dass auch in Apotheken geimpft wird, erfolgt die Umsetzung nun zu einem späten Zeitpunkt in der Impfkampagne. Zu spät? „Sollte eine vierte Impfung für alle beschlossen werden, wird es großen Bedarf geben“, sagt Overwiening. Impfzentren würden schließen, und Impfzelte auf Parkplätzen könnten keine dauerhafte Lösung sein. „Es wäre früher sicher besser gewesen und hätte für kürzere Warteschlangen gesorgt, aber ich bin froh, dass wir es geschafft haben, es innerhalb bestehender Strukturen zu etablieren. Das ist ein großer Schritt.“

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Mit der bestehenden Struktur meint Overwiening, dass es bisher Arztpraxen vorbehalten war zu impfen. Während im Ausland, etwa in Italien, der Schweiz und den USA längst in Apotheken geimpft wird, war das in Deutschland bisher nicht möglich. Dabei sind Impfungen auch ein lukratives Geschäft. 28 Euro erhalten niedergelassene Mediziner und Medizinerinnen für eine Corona-Schutzimpfung – und damit deutlich mehr als beispielsweise für die Grippeschutzimpfung. An Wochenenden und Feiertagen sind es gar 36 Euro. Apotheken könnten sich mit Impfungen also durchaus gute Summen hinzuverdienen – Geld, das sonst an Arztpraxen geht.

Kassenärztliche Vereinigung sieht Apotheken nicht gut genug ausgebildet

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich mehrfach dagegen positioniert, dass Apotheken in die Impfkampagne einsteigen. Von einer „Marketingwirkung“ spricht ein Sprecher, da nur wenige Apotheken bisher eingebunden seien. Der Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen hatte bereits im Herbst kundgetan: „Die Durchführung einer Impfung ist und bleibt eine originär ärztliche Aufgabe.“ Obwohl in Arztpraxen längst auch medizinische Angestellte impfen und nicht nur Ärztinnen und Ärzte, solle das Impfen in den Praxen bleiben.

Denn: Das Impfen beinhalte „nicht nur die Injektion an sich“, so der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Stephan Hofmeister. „Impfanamnese, die Aufklärung zur Impfung, den Ausschluss von akuten Erkrankungen und Kontraindikationen sowie bei bestehenden Erkrankungen die Bewertung, ob eine Impfung durchgeführt werden kann“ seien Themen, die eine „entsprechende ärztliche Aus- und Weiterbildung“ voraussetze. Auf Nachfrage des RND gab es keinen weiteren Kommentar der KBV.

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Genau diese Punkte werden allerdings in den Schulungen aufgegriffen. „Ich habe natürlich Angst, dass mal jemand eine akute allergische Reaktion hat“, sagt Apothekerin Schnare. Aber auch wenn schwerwiegende Wirkungen in Arztpraxen auftreten, würde man den Rettungsdienst rufen und nicht selbst behandeln. „Ich kann verstehen, dass die Ärzte die Kompetenzen klar verteilen wollen. Aber es ist nun einmal eine Pandemie.“ Dennoch impft Schnare nur, wenn ihre Kollegin, die zur Notfallsanitäterin ausgebildet ist, anwesend ist.

Apotheken als niedrigschwellige Anlaufstelle

ABDA-Chefin Overwiening sieht das ähnlich. „Es sollte das übergeordnete Ziel sein, die Pandemie zu bekämpfen. Zum Wohle und zum Schutz der Gesellschaft.“ Sie könne nicht verstehen, dass so mancher das Einsteigen der Apotheken als Konkurrenzangebot wahrnehme. „Es ist eine Ergänzung“, stellt sie klar, „wir fühlen uns als Verbündete in der Zusammenarbeit.“ Gassen sieht das anders, wie es in einer Pressemitteilung heißt: „Die Corona-Pandemie bekommen wir nur gemeinsam in den Griff – und zwar jeder an seinem Platz.“

Apotheken wie Bevölkerung seien dafür bereit, glauben Overwiening wie Schnare. Apotheken hätten den großen Vorteil, ohnehin schon Anlaufstelle für Menschen in medizinischen Fragen zu sein, vor allem Stammkundinnen und -kunden hätten ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. „Nicht jeder hat einen Hausarzt, viele Menschen sind nicht dauerhaft in ärztlicher Behandlung, da sind Apotheken bei leichten Erkrankungen der Erstkontakt“, sagt Overwiening.

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Untersuchungen zeigen: Apotheken erreichen eine weitere Zielgruppe für Impfungen

Daten aus anderen Ländern belegen, dass Impfquoten generell steigen können, wenn durch Apotheken ein zusätzliches niedrigschwelliges Angebot entsteht. Der Apothekerverband Nordrhein und die AOK Rheinland/Hamburg hatten 2020 das erste Modellprojekt zur Grippeimpfung in Deutschland gestartet, unter wissenschaftlicher Begleitung durch das Forschungsunternehmen May & Bauer. Das Ergebnis: Es wurden vor allem Menschen erreicht, die sich sonst nicht hätten impfen lassen – etwa solche, die sonst selten zum Arzt gingen. Zudem können Apotheken auf andere Arten mobilisieren, etwa durch Werbemaßnahmen am Schaufenster. Schnare sagt, man sehe in Deutschland, dass die Grippeschutzimpfung wenig nachgefragt sei, „dabei ist sie als Schutz sinnvoll“.

Eine hohe Nachfrage verzeichnet man auch andernorts in Hannover. Die Rosen-Apotheke in der Innenstadt ist als eine der Einrichtungen gelistet, die gegen Corona impfen – fälschlicherweise. „Es rufen ständig Leute an, aber wir impfen gar nicht“, sagt eine Mitarbeiterin.

Auch Schnare erlebt großen Andrang. Seit Wochen würden Kunden und Kundinnen fragen, wann es endlich losgehe. Für Menschen sei es primär, welchen Impfstoff sie bekämen und ob sich die Impfung in den Tagesablauf integrieren lasse, und nicht, wo geimpft werde. „Ich hoffe, dass es normal wird, dass wir in den Apotheken impfen.“

Corona-Impfung nur Auftakt: Apotheken wollen Impfangebote ausweiten

Man wolle sich nun erst einmal auf die Corona-Impfung konzentrieren – und auf die Grippeschutzimpfung. „Wir hoffen, dass die Grippeimpfung zum normalen Regelangebot werden kann. Das wollen wir als Erstes etablieren“, so Overwiening, die glaubt, dass das Gesundheitssystem und Arztpraxen damit entlastet werden können.

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Schnare hofft bereits auf mehr. Reiseimpfungen, saisonale Impfungen wie gegen Grippe oder eine Impfung gegen Gürtelrose für Senioren und Seniorinnen kann sie sich vorstellen. Nur bei Impfungen für Kinder ist sie zurückhaltend: „Das soll lieber bei den Kinderärzten bleiben.“

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