Intensivpfleger berichtet eindringlich aus seinem Alltag: „Könnte die eigene Mama sein, die da liegt“

Ricardo Lange, Intensivpfleger, spricht während einer Pressekonferenz zur weiteren Entwicklung in der Corona-Pandemie.

Ricardo Lange, Intensivpfleger, spricht während einer Pressekonferenz zur weiteren Entwicklung in der Corona-Pandemie.

Berlin. „Stellen Sie sich vor, Sie sind Intensivkrankenpfleger. Sie kommen zum Frühdienst und nehmen einen Covid-19-Patienten auf. Er ist wach, ansprechbar und scheinbar stabil. Sie unterhalten sich, reden über die Familie. Kurz vor Feierabend sagen Sie ihm, es wird alles gut werden, und gehen nach Hause. Am nächsten Tag kommen Sie zum Frühdienst, das Bett ist leer. Der Patient hat die Nacht nicht überlebt.“

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Seit dem Beginn der Corona-Pandemie würden sich solche Situationen häufen, sagt Ricardo Lange am Donnerstag bei einer Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Berlin. Der Intensivkrankenpfleger berichtet von einer 50-jährigen Frau, die wochenlang um ihr Leben kämpft und schließlich doch stirbt. Er erzählt von einer schwangeren 28-Jährigen, so schwer an Covid-19 erkrankt, dass sie beatmet werden muss – während er und seine Kollegen in der 25. Woche das Kind holen.

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Intensivkrankenpfleger bei Pressekonferenz von Spahn und Wieler

Lange ist bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt und kennt deshalb den Alltag in verschiedenen Berliner Kliniken. Er schilderte eindrücklich, wie sehr die körperliche und seelische Belastung von Intensivpflegekräften seit Beginn der Pandemie gestiegen ist.

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„Auch in normalen Zeiten betreuen wir todkranke Patienten. Aber jetzt sterben die Patienten anders“, sagt Lange. Aufgrund des Infektionsschutzgesetzes dürfe die Familie Schwerkranke nun erst besuchen, wenn sich abzeichne, dass sie in Kürze stürben. Und auch dann seien Schutzmaßnahmen einzuhalten. „Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie kommen ins Krankenhaus und müssen Abschied nehmen mit Handschuhen, Mundschutz und mit Kittel. Das ist das Letzte, was der Schwerkranke sieht. Und Sie haben keinen körperlichen Kontakt“, sagt der Intensivkrankenpfleger.

Körperliche Belastung gestiegen

Nach ihrem Tod müssten Pflegekräfte wie er die Verstorbenen in schwarze Plastiksäcke packen. „Wir legen sie dort hinein und machen den Reißverschluss zu. Glauben Sie mir, das macht etwas mit einem. Das könnte auch die eigene Mama sein, die dort liegt“, schildert Lange.

Auch die körperliche Belastung sei seit Beginn der Corona-Pandemie gestiegen. Einerseits durch die Schutzkleidung: „Die ist aus Plastik und damit wasserabweisend. Sie schwitzen unter der Kleidung. Sie frieren, wenn Sie die Kleidung ausziehen, weil der Kasak nass ist. Und Sie tragen eine FFP2-Maske durchgängig, acht Stunden lang – außer Sie kommen mal zu Ihrer Pause.“

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Arbeiten Lange und seine Kollegen am Bett eines Intensivpatienten, tragen sie eine FFP3-Maske. „Die ist deutlich dichter und erschwert körperliche Anstrengung wie Bauchlagen, die wir seit fast einem Jahr mehrmals täglich durchführen müssen“, erklärt der Intensivkrankenpfleger.

Intensivstationen bereits überlastet

Eines wolle er „mit aller Klarheit“ sagen: Viele seiner Kolleginnen und Kollegen, ob Ärzte oder Reinigungspersonal, arbeiteten seit einem Jahr an ihrer Belastungsgrenze und darüber hinaus. Werde sich nichts ändern, würden noch weitere den Beruf aufgeben. Das Thema sei nicht neu. „Die Pflege arbeitet seit vielen Jahren am Limit. Doch leider hat es bisher in diesem Umfang niemanden interessiert“, kritisiert Lange.

Provisorische Intensivstationen

Überlastet seien die Intensivstationen bereits. „Da gibt es meiner Meinung nach keinen Interpretationsspielraum“, sagt der Intensivkrankenpfleger. Es werde immer nur von Corona geredet. Aber da seien noch Patienten mit Schlaganfällen, Herzinfarkten, nach Unfällen oder Suizidversuchen. Manche davon würden nun auf provisorische Intensivstationen verlegt.

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Dort fehle es teils an Ausstattung und das Personal sei oft unzureichend geschult für den Umgang mit intensivpflichtigen Patienten. Komme es zu einer Notsituation, seien diese Kollegen weder mental noch fachlich genügend vorbereitet. „Wir haben auf der Intensivstation eine Bandbreite an Fällen. Und die Intensivstationen waren auch schon voll, bevor es Corona gab“, erklärt er. Es gebe nicht zu wenig Betten. Es gebe zu wenig Personal.

Der Pfleger räumte ein, er sehe auf den Intensivstationen nur die schweren Verläufe und Menschen, die daran sterben, weniger die leichten oder symptomlosen Verläufe. Diese „Betriebsblindheit“ wolle er aber allen vermitteln, die demgegenüber eben nur die leichten Verläufe im Umfeld sehen.

„Jeder, der nicht auf einer Intensivstation arbeitet oder nicht im privaten Umfeld davon betroffen ist, sieht nur die leichten Verläufe oder Menschen, die gar nicht an Covid erkranken. Und das wiederum heißt nicht, dass es diese schweren Verläufe nicht gibt“, sagt Lange.

Mit epd

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