„Die Grippesaison in diesem Jahr ist deutlich gravierender“

Australiens Grippewelle könnte Vorbote für Europa sein

Eine Mutter hilft ihrem Kind beim Naseputzen (Symbolbild). In Australien nimmt die Zahl der Grippefälle vor allem bei Kindern zu.

Sydney. Reisebeschränkungen, Abschottung, Maskentragen und Hygienemaßnahmen haben die Grippe in den vergangenen zwei Jahren weltweit massiv eingedämmt. Doch Expertinnen und Experten warnen seit Langem, dass die Viruserkrankung mit dem Einstellen dieser Maßnahmen verstärkt zurückkehren könnte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf der Südhalbkugel, auf der jetzt die Wintermonate beginnen, zeichnet sich das nun tatsächlich ab: So meldete die australische Gesundheitsbehörde in einem aktuellen Bericht, dass grippeähnliche Erkrankungen seit März deutlich zugenommen hätten. Seit Beginn des Jahres wurden fast 39.000 Fälle gemeldet, etwas über 26.000 davon alleine in den 14 Tagen vor der Veröffentlichung des Reports. Damit hatten sich die Meldungen im Vergleich zu den zwei Wochen davor mehr als verdreifacht. Schon jetzt sind die Zahlen höher als der Fünfjahresdurchschnitt. Drei Menschen sind bereits an den Folgen der Erkrankung gestorben.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Spotify Ltd., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Immunsystem ist „nicht mehr trainiert“

Nach zwei Jahren Abschottung während der Pandemie ist das Immunsystem vieler Menschen nicht mehr „trainiert“, viele Kleinkinder waren bestimmten Viren noch nie ausgesetzt. Letzteres hatte im vergangenen Jahr bereits zu einem besonders schlimmen Ausbruch des RS-Virus (Respiratorisches-Synzytial-Virus) geführt, ein Virus, das bei Säuglingen und kleinen Kindern eine akute Bronchitis auslösen kann. Michael Baker, ein neuseeländischer Epidemiologe und Gesundheitsexperte, hatte dieses Phänomen im Interview mit dem „Guardian“ damals mit einem Waldbrand verglichen: Je mehr Zeit ohne Feuer vergangen ist, umso mehr Brennstoff sammelt sich auf dem Boden, um die Flammen zu nähren. Entsteht dann ein Feuer, brennt es heftiger als normal.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ian Barr vom Peter-Doherty-Institut für Infektionen und Immunität in Melbourne bestätigt dies. Er erklärt den Effekt mit der Kombination aus Isolation, Hygienemaßnahmen und Distanz zu anderen Menschen während der Pandemie. Australien und Neuseeland, die stärker vom Rest der Welt abgeschnitten waren als andere Länder, bekamen den Effekt besonders zu spüren. Doch auch in Europa konnte man zeitversetzt dann Ähnliches beobachten. Je mehr die Länder öffneten, umso mehr Fälle des RS-Virus oder des Influenzavirus tauchten auf. Während 2021 in Australien offiziell kein Grippetoter während der Grippesaison über die Wintermonate registriert wurde und nur ein Mensch wegen der Grippe ins Krankenhaus musste, befürchtete Barr schon damals, dass „die nächste Saison dafür deutlich schlimmer werden“ könne.

Vor allem Kinder betroffen

Diese Befürchtung bewahrheitet sich nun: „Die Grippesaison in diesem Jahr ist deutlich gravierender und vergleichbar mit der Saison, die wir 2017 hatten“, sagte Annastacia Palaszczuk, die Regierungschefin des Bundesstaates Queensland, vor Kurzem vor Medienvertreterinnen und -vertretern. Ihr Bundesland hat deswegen – wie auch West- und Südaustralien – die Grippeimpfung kostenlos gemacht. Expertinnen und Experten fürchten vor allem das Risiko einer Co-Infektion mit Covid-19.

„Wir haben ungefähr 600.000 Kinder unter zwei Jahren, die noch nie der Grippe ausgesetzt waren“, sagte Sheena Sullivan, eine Epidemiologin am Peter-Doherty-Institut, gegenüber dem australischen Sender ABC. Das sei eine beträchtliche Anzahl an Kleinkindern, die anfällig seien. Nick Wood, ein Kinderarzt aus Sydney, berichtete, dass die australischen Krankenhäuser in diesem Jahr bereits einen Anstieg der Grippefälle bei kleinen Kindern verzeichneten. „Im pädiatrischen Bereich gibt es definitiv mehr Krankenhauseinweisungen bei unter Fünfjährigen als bei Covid-19″, sagte Wood. Weil die Grippe nicht im Umlauf gewesen sei, seien die Kinder den Viren noch nie zuvor ausgesetzt gewesen und seien „effektiv immunnaiv“, wie Wood es nannte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Diesjährige Impfung zeigt gute Wirkung

Die echte Grippe oder Influenza ist eine akute Krankheit der Atemwege, die unter Umständen lebensbedrohlich sein kann, vor allem für Kleinkinder, schwangere Frauen, ältere Menschen oder Menschen mit chronischen Erkrankungen. Neben den Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und Masketragen in den Wintermonaten gilt die jährliche Grippeimpfung als bester Schutz. Die Impfung, die vor schwerer Krankheit schützt, aber auch das Risiko einer Übertragung verringert, muss jährlich verabreicht werden, da sich die Influenzaviren ständig verändern und neue Varianten bilden. Dementsprechend ist nicht jede Grippeimpfung gleich effizient. In manchen Jahren bieten die Grippeimpfstoffe, die auf den Erfahrungen der Vorjahre basieren, besseren Schutz als in anderen. Doch laut dem Experten Barr ist die diesjährige Impfung nach bisherigen australischen Erkenntnissen ein wirksames Vakzin. Die zirkulierenden Viren würden bisher gut mit dem Impfstoff zusammenpassen, wie er der ABC sagte.

Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Grippeinfektionen bereits zu, obwohl hierzulande anders als in Australien die Sommermonate anstehen. Doch erste Daten zeigen, dass sich inzwischen bereits mehr Menschen mit Influenza angesteckt haben als zur gleichen Jahreszeit vor der Corona-Pandemie. Vor allem bei Kindern hat die Grippe inzwischen die Covid-Infektionen überholt. Auch wenn das Robert Koch-Institut derzeit noch keinen Anlass zur Besorgnis sieht, so zeigen die Erfahrungen der Südhalbkugel, dass sich auch Europa in diesem Winter vermutlich vor einer Grippesaison wappnen muss, die nach zwei Jahren Entspannung mit voller Wucht zurückkommen könnte.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Gesundheit

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.