Experten: Sorge vor Corona rechtfertigt keinen Kaiserschnitt

In Kreißsälen gebe ausreichend Desinfektionsmittel und Schutzkleidung für das Personal und auch Extra-Kreißsäle nur für Corona-Verdachtsfälle, schildert der Hebammenverband in Thüringen.

In Kreißsälen gebe ausreichend Desinfektionsmittel und Schutzkleidung für das Personal und auch Extra-Kreißsäle nur für Corona-Verdachtsfälle, schildert der Hebammenverband in Thüringen.

Berlin/Worms. Die Angst in der Bevölkerung, sich mit dem Coronavirus anzustecken, wächst, auch bei Schwangeren. So verzeichnen Thüringer Hebammen angesichts der Coronavirus-Pandemie ein steigendes Interesse an Hausgeburten. „Wir haben vermehrt Anfragen nach außerklinischen Entbindungen“, berichtet die Vorsitzende des Hebammenlandesverbandes, Annika Wanierke.

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Extra-Kreißsäle für Corona-Verdachtsfälle

Warnierke vermutet, „das steigende Interesse an außerklinischen Geburten in der Coronakrise könnte generell mit der Angst vor Ansteckung zu tun haben." Dabei seien die hygienischen Vorsorgemaßnahmen in den Kreißsälen sehr umfangreich. Es gebe ausreichend Desinfektionsmittel und Schutzkleidung für das Personal und auch Extra-Kreißsäle nur für Corona-Verdachtsfälle.

Auf den Wochenstationen seien Besuche massiv eingeschränkt oder ganz verboten, sagte die Verbandschefin. Zudem dürften werdende Väter derzeit nur unter strengen Auflagen bei der Geburt dabei sein. In mindestens einer Klinik in Thüringen ist ihnen die Teilnahme an der Geburt sogar ganz untersagt. Nähere Angaben dazu machte Wanierke jedoch mit Rücksicht auf das betreffende Krankenhaus nicht.

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Hebammen sind überlastet

Gleichzeitig verwies Wanierke auf die Arbeitsbelastung der Hebammen, die in den Kreißsälen bereits zu normalen Zeiten extrem hoch sei. Nicht selten müssten bis zu drei Frauen und mehr gleichzeitig während der Geburt betreut werden. Einige Hebammen hätten sich wegen der Ausbreitung des Erregers Sars-CoV-2 bereits in Quarantäne begeben müssen. Sollte ihre Zahl weiter steigen, werde das die ohnehin angespannte Personalsituation massiv verschärfen, befürchtete Wanierke.

Experten warnen vor unbegründeten Kaiserschnitten

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) warnt währenddessen vor Kaiserschnitten, die mit der Coronakrise begründet werden. “Das wäre nicht gerechtfertigt”, sagt Vizepräsident Frank Louwen. Die Klinik Worms in Rheinland-Pfalz beispielsweise entbindet werdende Mütter im Falle einer Infektion, wenn zeitlich möglich, per Kaiserschnitt. “Es geht natürlich nicht nur um den Schutz der Mitarbeiter, sondern auch um den Schutz von Mutter und Kind”, sagte Kliniksprecherin Eva Ehmke.

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Risiko für Mutter und Kind?

Laut Louwen profitieren Mutter und Kind nicht von einem solchen Schritt. Vielmehr werde damit ein unnötiges Risiko eingegangen: "Organisatorische Gründe rechtfertigen keine höheren Behandlungsrisiken. Frauen mit Kaiserschnitten sind anfälliger für Komplikationen als Mütter, die ihre Kinder natürlich zur Welt bringen", so Louwen.

Eine Infektion mit dem neuen Coronavirus sei keine Indikation für einen Kaiserschnitt. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, die Art der Geburt mit betroffenen Schwangeren abzustimmen und Kaiserschnitte nur in medizinisch begründeten Fällen durchzuführen.

Auch bei Frauen ohne Infektion sei die Coronakrise keine Indikation für eine vorgezogene Geburt, etwa durch Einleitung. "Gegenteilig können daraus Komplikationen erwachsen, die im Extremfall Intensivbetten blockieren", betont der Arzt. "Ausschließlich medizinische Gründe dürfen zur einer Intervention in der Geburtshilfe führen", so Louwen.

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Schwangere sollten sich vor Viren schützen

Wie Kliniken in Zukunft mit Geburten infizierter Mütter umgehen wollen, ist unklar: “Zum aktuellen Zeitpunkt existieren noch keine verbindlichen Richtlinien für eine Geburt bei nachgewiesener Covid-19-Erkrankung”, sagt die Wormser Kliniksprecherin. Zur aktuellen Lage hat die DGGG Informationen für Schwangere veröffentlicht. Es sollen außerdem Behandlungsempfehlungen für Kreißsäle folgen.

Grundsätzlich gelten für Schwangere dieselben Schutzmaßnahmen wie für die restliche Bevölkerung: Beim Husten und Niesen sollte ein Abstand von mindestens einem Meter zu anderen Personen gehalten werden. Nach dem Naseputzen, Niesen und Husten sollten gründlich die Hände gewaschen werden. Ist kein Taschentuch griffbereit, sollte beim Niesen und Husten die Armbeuge vor Mund und Nase gehalten werden.

Die Hände sollten regelmäßig 20 bis 30 Sekunden mit Wasser und Seife gewaschen werden. Eine gründliche Handhygiene empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung immer nach dem nach Hause kommen, dem Toilettengang, sowie immer vor einer Mahlzeit. Auch vor und nach dem Besuch von Kranken sollten sich die Hände gewaschen werden. Und, zu Erkrankten sollte ein Sicherheitsabstand von einem bis zwei Meter gehalten werden.

Wenige Studien zu Corona und Neugeborenen

Darüber, wie sich das Coronavirus auf Babys auswirkt, gibt es bislang nur wenige Studien. “Bei den bisher untersuchten Neugeborenen Covid-positiver Mütter konnte kein Nachweis einer Übertragung erbracht werden”, heißt es auf der Homepage des Robert-Koch-Instituts. Auch amerikanische Forscher des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) schreiben: “Wir haben keine Informationen aus veröffentlichten wissenschaftlichen Berichten über die Anfälligkeit schwangerer Frauen für COVID-19.”

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Durch die immunbiologischen Veränderungen während der Schwangerschaft seien die Frauen aber möglicherweise anfälliger für virale Atemwegsinfektionen. Außerdem könne bei Schwangeren die Sterblichkeits- und Morbiditätsrate höher sein als bei der restlichen Bevölkerung, mutmaßt das CDC.

Ansteckung bei der Geburt: Tröpfcheninfektion möglich

Chinesische Forscher um Huijun Chen von der Tsinghua Universität haben im Februar untersucht, wie sich das Coronavirus auf neun infizierte Schwangere auswirkte, die vom 20. bis 31. Januar 2020 im Zhongnan-Krankenhaus stationiert waren. Alle Kinder der Patientinnen kamen im dritten Trimester per Kaiserschnitt auf die Welt. Gleich nach der Geburt wurden bei sechs Müttern und ihren Neugeborenen Fruchtwasser-, Nabelschnurblut-, Neugeborenen-Rachenabstrich- und Muttermilchproben gemacht. Das Ergebnis: Alle Tests auf das Coronavirus fielen negativ aus.

Daraus schlussfolgerten die Wissenschaftler, dass das Virus nicht vertikal – also von der Mutter auf das Kind – übertragen werden könne – auch nicht beim Stillen über die Muttermilch. Stattdessen gelte eine Übertragung durch eine Tröpfcheninfektion und engen Kontakt mit einer infizierten Person als wahrscheinlicher.

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Babys in China und England infiziert

Bislang sind Informationen zu zwei Neugeborenen aus England und China bekannt, die positiv auf das neuartige Coronavirus getestet wurden. Ein Neugeborenes in England hat sich, ebenso wie seine Mutter, mit Sars-CoV-2 infiziert. Die Mutter sei schon vorher auf das neuartige Coronavirus getestet worden, das positive Testergebnis habe aber erst nach der Geburt vorgelegen, berichtete die englischsprachige Zeitung “Independent".

Eine weitere Infektion wurde bereits Anfang Februar in China bei einem Säugling nur 30 Stunden nach der Geburt festgestellt, wie der Chef der Neugeborenenabteilung des Kinderkrankenhauses von Wuhan, Zeng Lingkong, nach Angaben der Nachrichtenagentur China News Service berichtete.

RND/dpa/ ame

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