2746 Fälle in Europa

Ist die Verbreitung der Affenpocken noch zu stoppen?

Weltweit sind mittlerweile fast 5000 Affenpockenfälle bekannt – Europa scheint mit mehr als 2700 Fällen das Epizentrum zu sein. Eine Studie deutet nun darauf hin, dass der Ausbruch von Männern beschleunigt wurde, die in kurzer Zeit viele wechselnde Geschlechtspartner hatten. Das Bild zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme von Affenpocken-Viren.

Aktuell entscheidet ein Expertenrat der Weltgesundheitsorganisation WHO darüber, ob die sich häufenden Meldungen von Infektionen mit Affenpocken zu einer „gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“ erklärt werden. Aber ist die Verbreitung der Affenpocken überhaupt noch zu stoppen?

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Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind in Deutschland bislang 676 Affenpockenfälle gemeldet (Stand 24. Juni 2022). Einer gemeinsamen Analyse der EU-Gesundheitsbehörde ECDC und des Regionalbüros Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge wurden inzwischen 2746 Fälle von Affenpocken in 29 europäischen Ländern und Regionen identifiziert – weltweit sind fast 5000 Fälle bekannt (Stand 22. Juni 2022). Warum sich das Virus nun zum ersten Mal außerhalb Afrikas in längeren Infektionsketten ausbreitet, ist noch nicht klar.

Hohe Dynamik des Geschehens

Eine unveröffentlichte Modellierungsstudie deutet aber darauf hin, dass die aktuelle Infektionsdynamik von Infizierten aus der MSM-Community (Red.: men who have sex with men, deutsch: Männer, die mit Männern Sex haben) beschleunigt wurde, die in kurzer Zeit sehr viele Sexualpartner hatten. Die Studie basiert auf einem Datenstand vom 31. Mai 2022, als weltweit nur 728 Affenpocken-Fälle bekannt waren. „Daran lässt sich die hohe Dynamik des Geschehens ablesen“, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin, München Klinik Schwabing.

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„Anders ausgedrückt bedeutet diese Modellierung, von einem Ausbruch mit mehr als 10.000 Infizierten ist in der MSM-Community statistisch betrachtet eigentlich sicher auszugehen – es sei denn, es werden zeitnah Schutzmaßnahmen getroffen“, erklärt Wendtner.

Konsequente Kontaktnachverfolgung und Isolation

„Besonders gefährdet sind Menschen mit häufig wechselnden unterschiedlichen engen Körperkontakten – je mehr Kontakte und Partner oder Partnerinnen, umso größer wird das Infektionsrisiko“, erklärt Norbert Brockmeyer, ehemaliger Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin (WIR) in Bochum. Tatsächlich handelt es sich bei den bislang Infizierten fast ausschließlich um Männer, die nach eigenen Angaben häufig wechselnde Kontakte mit anderen Männern hatten. Auch wenn die Infektionsketten nachweislich in der MSM-Community begonnen haben, sei Brockmeyer zufolge auch die sehr aktive heterosexuelle Szene gefährdet. Derzeit gebe es laut Clemens Wendtner aber noch keine bekannten Affenpocken-Fälle bei Frauen oder Kindern in Deutschland.

Stiko empfiehlt Affenpocken-Impfung für Risikogruppen

Die Ständige Impfkommission empfiehlt bestimmten Menschen eine Impfung gegen Affenpocken. Unterdessen steigen die Fallzahlen in Deutschland weiter.

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Um eine starke Verbreitung der Affenpocken in der MSM-Community zu verhindern, rät Mirjam Kretzschmar, Professorin am Julius Center for Health Sciences and Primary Care, Universitätsmedizin Utrecht, zu einer „konsequenten Kontaktnachverfolgung und Isolation von Infizierten“. Da die Ausbreitung der Affenpocken nicht so schnell wie bei Corona ginge, habe man eine Chance, infizierte Kontakte rechtzeitig zu finden.

Informationen sollen niederschwellig erfolgen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt nach dem Kontakt mit einem mit Affenpocken Infizierten und für Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko die Impfung mit dem Vakzin Imvanex. Clemens Wendtner rät zusätzlich zu sogenannten Ringimpfungen, bei denen von einem Infizierten alle Kontaktpersonen durchgeimpft würden. „Hier ist Großbritannien mit gutem Beispiel bereits vorangeschritten und führt diese Impfungen derzeit durch, um Infektionsketten zu unterbrechen“, sagt Wendtner.

Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie, Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln, betont zusätzlich die Wichtigkeit von Aufklärung. „Grundsätzlich sollten die Informationen sehr breit und sehr niederschwellig erfolgen“, sagt Fätkenheuer. Vor allem sollten diese sich nicht nur an eine bestimmte Gruppe richten, sondern „darauf hinweisen, dass häufig wechselnde Geschlechtspartner als ein Risiko anzusehen sind“. Dem Infektiologen zufolge ginge es um ein Verhalten, „nicht um eine spezielle Gruppe von Menschen“.

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