Biometeorologe: „Das Wetter allein ist nicht schuld, wenn ich Kopfweh bekomme“

Bei gutem Wetter geht es den meisten Menschen gut – schlechtes Wetter kann sie herunterziehen. Biometeorologe Andreas Matzarakis vom Deutschen Wetterdienst erklärt im Interview, dass alle Menschen auf das Wetter reagieren.

Herr Matzarakis, was ist Ihr Lieblingswetter?

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Das kommt auf die Situation an. Eine Temperatur von 18, 19 Grad ist für mich optimal zum Arbeiten. Wenn ich draußen bin und mich bewege, liebe ich ein Wetter um die 20, 23 Grad. Eigentlich ist für mich jedes Wetter ideal, außer es ist sehr kalt, sehr heiß oder hat starken Wind.

Manche Leute lieben klirrende Kälte, andere blühen erst bei Hitze so richtig auf.

Ja. Das Temperaturempfinden ist individuell sehr verschieden. Bei meinen Biometeorologie­vorlesungen frage ich meine Studenten immer: Wie empfindet ihr momentan die Temperatur in diesem Raum? Die Bandbreite ist enorm. Die Angaben bewegen sich zwischen 17 und 25 Grad. Das sind acht Grad. Da spielen Individualität und Präferenzen eine große Rolle.

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Wie kommt es zu so großen Abweichungen?

Das hat mit Gewicht, Größe und Gesundheitszustand zu tun und auch damit, ob jemand trainiert oder untrainiert ist. Es gibt auch Unterschiede zwischen Mann und Frau: Frauen nehmen die Temperatur als kühler wahr, weil sie mehr Wärme abgeben. Sie haben auch weniger Schweißdrüsen als Männer und sind daher bei Hitze schlechter dran.

„Wir sind alle wetterreagierend“

Gibt es eine Temperatur, die für die meisten Menschen optimal ist?

Das ist der Bereich zwischen 18, 19 und 25 Grad. Dann nämlich wird das Thermo­regulations­system des Menschen nicht herausgefordert. Das kann nach individuellen Bedürfnissen, Gewohnheiten und dem Gesundheitszustand variieren. Für die Gesundheit am besten ist es aber, wenn es leicht kühl ist. Sie kennen das Gefühl, wenn Sie rausgehen und es ist angenehm, aber etwas frisch und sie spüren ein bisschen ein Beißen des Windes. Das sind für die Gesundheit eigentlich die besten Bedingungen, weil die Thermoregulation ein bisschen gereizt wird und man seinen Körper trainiert. Man spricht vom Kältereiz.

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Daher gilt zum Beispiel das Nordseeklima als heilsam?

Richtig. Da spielt aber nicht nur die Lufttemperatur eine Rolle, sondern weitere Faktoren, etwa, dass viele Seesalze in der Luft gelöst sind. Das ist gesundheitsförderlich.

Prof. Dr. Andreas Matzarakis (61) leitet das Zentrum für medizinisch-meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg.

Prof. Dr. Andreas Matzarakis (61) leitet das Zentrum für medizinisch-meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg.

Egal ob kalt oder warm: Über das Wetter wird gern geklagt. Haben Wetterlagen wirklich einen so großen Einfluss auf die Gesundheit?

Dazu muss man sagen: Das Wetter allein ist nicht schuld, wenn ich Kopfweh bekomme. Aber es kann dazu beitragen, dass Menschen Beschwerden entwickeln. Wir sind alle wetterreagierend, das heißt, wir reagieren über die Sinne auf das Wetter: Wir merken, ob es kalt draußen ist, und passen uns entsprechend an. Und über schönes Wetter freuen wir uns. Jede Veränderung der Atmosphäre führt allerdings dazu, dass ich mich neu anpassen muss. Wenn ich durch meinen Gesundheitszustand belastet bin, dann ist meine Anpassungsfähigkeit eingeschränkt. Bin ich also zum Beispiel im Stress, kann es sein, dass mir das Wetter stärker zu schaffen macht. Außerdem können chronische Krankheiten, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Anpassungsfähigkeit beeinträchtigen.

Es gibt drei Gruppen: Wetterreagierende, Wetterfühlige und Wetterempfindliche

Wie viele Menschen haben Probleme, sind also wetterfühlig?

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Bei Befragungen sagen 50 Prozent der Menschen: Ja, das Wetter hat einen Einfluss auf mich. Als häufigste Symptome wurden Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen und Schlafstörungen genannt. Ob aber wirklich ein negativer Einfluss da ist oder es sich nur um Einbildung handelt, lässt sich bei solchen Befragungen nicht feststellen. Bestimmt ist das Wetter nicht an allem schuld.

Besonders Rheumatikern macht das Wetter offenbar zu schaffen.

Neben Wetterreagierenden und Wetterfühligen unterscheiden wir noch eine dritte Gruppe: die Wetterempfindlichen. Das sind ungefähr 15 bis 20 Prozent der Menschen. Sie haben eine chronische Krankheit, etwa Rheuma, oder eine längere Krankheitsgeschichte und können sich nicht so schnell an Wetteränderungen anpassen. In der Folge kommt es zu Schmerzen oder anderen Beschwerden. Damit verbunden ist oft auch eine gewisse Vorfühligkeit. Sie kennen das vielleicht von der Tante, die sagt: „Ach, mein Knie tut heute wieder weh! Das Wetter ändert sich.“ Da gibt es gewisse Veränderungen in der Luft, die Vorboten eines Wetterwechsels sind.

Ähnlich wie ein Barometer, das Luftdruckänderungen anzeigt?

Genau. Hintergrund sind Veränderungen in der Atmosphäre, die das vegetative Nervensystem stärker belasten oder auch irritieren können.

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Welche Wetterlagen wirken sich besonders ungünstig aus?

Dazu zählen Tiefdruckgebiete, Warm- und Kaltfronten, der Wechsel von kalt auf warm oder von warm auf kalt sowie Föhn. Bei Föhn kommt es, wie bei Tiefdruckgebieten, zu einer gewissen Unruhe. Es handelt sich um niederfrequente Luftdruckschwankungen, die im Sekundenbereich liegen und die wir nur mit Spezialgeräten messen können. Und das ist das, was den Körper mancher Menschen wahrscheinlich irritiert.

Werden die Belastungen wegen des Klimawandels zunehmen?

Auf jeden Fall wird Hitze immer mehr ein Thema sein. Dadurch kommt es zu einer zusätzlichen Belastung für den menschlichen Körper. Außerdem werden in Zukunft die Pollen wahrscheinlich länger und intensiver fliegen, vielleicht gibt es auch neue Pollenarten. Auch das ist eine Belastung für den Körper. Wir haben aber bessere Informations- und Warnsysteme und auch ein verbessertes Gesundheitssystem. Beim Thema Klimawandel muss man ziemlich vorsichtig sein. Er ist bestimmt eine zusätzliche Belastung, aber man weiß das Ausmaß nicht.

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Kann man als wetterfühliger Mensch etwas tun, um sich vor kritischen Wetterlagen zu schützen?

Vieles. Für gesunde und wetterfühlige Menschen gelten die gleichen Tipps: nämlich den Körper abhärten, Bewegung, viel frische Luft, Kneippbäder, Wechselduschen, gesunde Ernährung. Das können Sie aber nur im Vorfeld machen. Wenn Sie Kopfweh haben, werden Sie nicht für drei Stunden spazieren gehen wollen. Wetterempfindliche Menschen brauchen eine ärztliche Begleitung.

Ist es sinnvoll, das Verhalten der Wettervorhersage anzupassen?

Das ist eine gute Idee. Sich zu informieren ist das Beste, was man machen kann. Es gibt ja spezielle Vorhersagen für Wetterfühlige, auch eine Gesundheitswetter-App. So kann man sich besser vorbereiten und schützen.

 

Wie das Wetter auf Herz und Kreislauf wirkt

Kälte: Bei niedrigen Temperaturen ziehen sich die Blutgefäße zusammen, sodass der Blutdruck steigen kann. Zudem werden die Organe besser durchblutet, um einer Unterkühlung vorzubeugen. Dadurch arbeitet die Niere stärker und man muss öfter Wasser lassen. Infolge des Flüssigkeitsverlusts wird das Blut zähflüssiger, sodass es leichter zu einem Blutstau und Verklumpungen kommt. Besonders gefährdet für Komplikationen sind Patientinnen und Patienten, die bereits an Bluthochdruck, Arteriosklerose und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden.

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Hitze: Sie bewirkt eine Weitung der Blutgefäße. Dadurch fällt der Blutdruck häufig, was zu Müdigkeit, Schwindel und Kopfschmerzen führen kann. Extreme Hitze kann aber auch das Gegenteil bewirken: Sie kann für Menschen mit Bluthochdruck ein zusätzlicher Stressfaktor sein und den Blutdruck weiter in die Höhe treiben. Abgesehen davon wird das Blut wegen des Flüssigkeitsverlusts zäher, sodass das Thrombose- und Infarktrisiko steigt.

Schwülwarmes Wetter: Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit kann der Körper schlechter Wärme abgeben. Ist der Herzmuskel bereits geschwächt, bedeutet das eine zusätzliche Belastung. Kardiologinnen und Kardiologen beobachten bei solchen Wetterlagen häufiger Herzrhythmusstörungen bei ihren Patientinnen und Patienten.

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