Rock, Metal und Klassik sind die Verlierer

Wie Spotify und Co. den Hip-Hop begünstigen

Die R-’n-’B-Sängerin SZA auf einer Veranstaltung von Spotify.

Die R-’n-’B-Sängerin SZA auf einer Veranstaltung von Spotify.

Künstler aus den Genres Hip-Hop und Pop erzielen durch die Ausschüttungspraxis von Musikstreamingdiensten wie Spotify, Apple Music oder Tidal unverhältnismäßig höhere Gewinne als Musiker der Bereiche Klassik, Rock, Heavy Metal oder Jazz. Das liegt auch daran, dass das aktuelle Vergütungsmodell der Streamingriesen kürzere Songs gegenüber längeren begünstigt. Das ist das Ergebnis einer Studie von Marketingwissenschaftlern der Universität Hamburg und der privaten Kühne Logistics University. Sie haben den Effekt, der durch das Verteilungsmodell entsteht, erstmals berechnet. Das Ergebnis: Genres wie Rock und Klassik subventionieren faktisch die Hip-Hop-Branche mit rund 109 Millionen Euro pro Jahr.

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Derzeit verteilt Spotify die Einnahmen, die der Dienst durch Nutzungsgebühren (Abos) und Werbung generiert, nach dem sogenannten Pro-Rata-Modell. Das bedeutet, dass alle Einnahmen zusammengefasst und dann nach dem Anteil ihrer Abrufe beim Gesamtpublikum auf die einzelnen Künstler verteilt werden. Auf diese Weise zahlen Nutzerinnen und Nutzer auch für Musik, die sie selbst gar nicht hören. Spotify weist darauf hin, dass es entgegen der landläufigen Annahme keine direkte Pro-Stream-Bezahlung an Künstler gebe. Stattdessen würden die Einnahmen erst zusammengelegt und dann verteilt. Zudem gebe es unterschiedliche Lizenzvereinbarungen mit einzelnen Labels oder Distributoren.

„Da der Anteil an den Gesamtstreams für die gezahlten Gelder verantwortlich ist, profitieren vor allem Genres mit kurzen Songs, die von einem Segment von Nutzenden mit langer Hördauer und wenig Budget gehört werden“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Michel Clement von der Fakultät für Betriebswirtschaft der Universität Hamburg. Die Forscher verglichen das aktuelle Pro-Rata-Verteilmodell mit einem alternativen, nutzerzentrierten Modell: Bei diesem User-Centric-Modell gehen die Einnahmen, die durch jeden einzelnen Kunden erzeugt werden, anteilig an exakt die Künstler, die der Nutzer oder die Nutzerin in einem bestimmten Monat über genau seinen oder ihren Account gehört hat.

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Das Ergebnis: Würden Spotify und Co. die Einnahmen nach diesem individuellen Modell verteilen, würden Musikgenres wie Jazz, Klassik, Rock oder Heavy Metal deutlich höhere Einnahmen verzeichnen. Das Pro-Rata-Modell dagegen begünstigt Genres, bei denen die einzelnen Stücke kürzer sind: Hip-Hop und elektronische Tanzmusik (EDM).

„Einige Genres – insbesondere Jazz, Blues und Metal – haben im Durchschnitt eine längere Songlänge, generieren weniger Streams in einem bestimmten Zeitraum und sind daher bei der Ausschüttung benachteiligt“, sagte Clement weiter. „Gleichzeitig werden Pop, Hip-Hop oder elektronische Tanzmusik durch eine kürzere Songlänge begünstigt.“

Unterm Strich bedeutet das: Im Vergleich mit den Erlöszahlen, die bei einem nutzerzentrierten Modell zu erwarten wären, reduzieren sich die Einnahmen beim aktuellen Pro-Rata-Modell für das Genre Rock um 66 Millionen Euro pro Jahr und für Klassik um 30 Millionen Euro. Umgekehrt wurden vor allem deutscher und internationaler Hip-Hop mit 109 Millionen Euro quasi subventioniert. Es ist das Genre, das vom aktuellen Ausschüttungssystem am meisten profitiert. Die Einnahmen für Hip-Hop-Künstler wären beim Nutzermodell deutlich geringer.

Der Streamingdienst Deezer setzt sich für ein User-Centric-Modell ein, während Marktführer Spotify das Pro-Rata-Prinzip verteidigt – mit der Begründung, die Verwaltungskosten seien geringer. Dies lassen die Forscher jedoch nicht gelten. „Wir meinen: In einem digitalen Transaktionssystem mit gut definierten Schnittstellen sollten die Transaktionskosten zwischen einem anteiligen und einem nutzerzentrierten Vergütungsmodell nicht sehr unterschiedlich sein“, schreiben sie in ihrer Studie.

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Den größten Einfluss auf die Geldverteilung hat die Hörhäufigkeit je Genre. Kürzere Songs werden bevorzugt. Die aktuelle Praxis hat damit nicht nur finanzielle, sondern auch kulturelle Folgen: So stellten die Forscher fest, dass sich die durchschnittliche Songlänge in den vergangenen zehn Jahren in fast allen Genres bereits verringert hat. Songs sind in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt 2,5 Sekunden pro Jahr kürzer geworden – also zehn Sekunden seit 2017. Die Forscher stellt auch fest: „Die Musiklandschaft wird monotoner.“

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Die Wissenschaftler werteten für ihre Studie Daten einer Online-Panel-Befragung unter 3365 Streamingkunden aus. Darin ging es um Nutzungsdauer, bevorzugte Musikgenres und Abokosten. Diese Daten wurden mit öffentlichen Angaben der Streamingdienste etwa zu den meistgehörten Künstlern oder den erfolgreichsten Songs verknüpft. Mithilfe speziell entwickelter Formeln verteilten die Forscher anschließend die errechneten Erlöse nach verschiedenen Modellen auf die Künstler. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Journal of the Academy of Marketing Science“ veröffentlicht.

Spotify, gegründet 2006 in Stockholm, ist mit 400 Millionen aktiven Nutzern der Marktführer unter den Musikstreamingdiensten. Das Unternehmen zahlte im Jahr 2021 rund 30 Milliarden Dollar an Rechteinhaber aus, meldete „Forbes“. Apple Music liegt mit knapp 80 Millionen aktiven Nutzern weltweit auf Platz zwei.

Als ein Stream wird gezählt, wenn ein Nutzer ein Lied mindestens 30 Sekunden lang anhört. Aus Protest gegen die Entwertung von Musik hat der Musiker Valentin Hansen auf seinem Debütalbum „Crisis (The Worthless Album)“ von 2021 einen drastischen Weg gewählt: Er hat die acht Song seines Albums in einzelne Clips von exakt 29 Sekunden Länge zerteilt. Damit liegt seine Musik unter der Wahrnehmungsschwelle von Spotify und Co. Seine Begründung für die Protestaktion: „Der Markt ist kaputt.“

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