Politiker und Zocker fremdeln noch immer

Bundeskanzlerin Merkel gab sich zwar beeindruckt von der Wirtschaftskraft der Spiele-Industrie, doch selber wagte sie sich nicht an die Konsolen.

Bundeskanzlerin Merkel gab sich zwar beeindruckt von der Wirtschaftskraft der Spiele-Industrie, doch selber wagte sie sich nicht an die Konsolen.

Köln. Ein aufblühendes Land. Die Technologien entwickeln sich rasant, die Städte wachsen. Die Bürger verlangen nach Kultur und attraktiven Wohnungen. Die Rede ist hier nicht von einem realen Land, sondern von der Wirtschaftssimulation „Anno 1800“. Das Spiel ist eins der Highlights der Gamescom 2017, der französische Spieleanbieter Ubisoft produzierte es in Deutschland.

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Die Industrie verlangt nach mehr Förderung

Standortchef Ralf Wirsing stellte es am Dienstag der Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres Messerundgangs im Anschluss an die Eröffnung vor. „Der Spieler muss hier ein Land erschaffen, in dem die Menschen glücklich und zufrieden sind. Das kennen Sie doch“, neckte er den prominenten Gast. Er appellierte an die Kanzlerin, mehr für die Branche zu tun: „Deutschland ist der größte Markt für Gaming in Europa, aber in der Produktion sind wir noch erschreckend klein.“

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Zum Vergleich: Ubisoft hat in Kanada, dem diesjährigen Gastland der Gamescom, 3000 Mitarbeiter, hierzulande nur 300. „Wir hinken in Deutschland zwei Jahrzehnte hinter, diesen Rückstand gilt es aufzuholen, zum Beispiel durch gezielte Produktionsförderung.“ Merkel zeigte sich schlagfertig: „Also habe ich das richtig verstanden: Erst die Förderung, dann der nächste Blockbuster aus Deutschland? Ok, got it.“

Die Kanzlerin nimmt das Gamepad nicht in die Hand

Bei dem Messebesuch der Politikerentourage um Merkel war von den kritischen Tönen der vergangenen Jahre nichts mehr zu hören. Selbst bei der Präsentation des Spiels „Assassinn’s Creed“, in dem es titelgerecht auch um politisch motivierten Meuchelmord geht, zuckte die Kanzlerin nicht mit der Wimper. Kein Wort über das vielzitierte Vorurteil, Action-Spiele förderten Gewalt.

Merkel ruft junge Frauen dazu auf, den Beruf der Programmiererin zu ergreifen: „Es gibt so viele gute Spielerinnen in diesem Land. Wenn man einen Job in einer zukunftsreichen Branche sucht, ist das mein Tipp.“ Außerdem sei Programmieren heute ja gar nicht mehr so schwer, da gäbe es doch heutzutage schon diverse Hilfstools, oder?

Ein japanischer Zuschauer mit großen Taschen voller Fanartikel macht noch schnell ein Selfie mit Merkel. Seine Begleiterin flüstert ihm zu: „Ich hätte mir gewünscht, dass Merkel ,Just Dance’ spielt.“ Dabei handelt es sich um ein Ubisoft-Tanzspiel. Merkel hört an diesem Stand jedoch nur zu und wagt sich nicht selbst an die Playstation.

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Das Fachpublikum bleibt auf Distanz

Vielleicht ist es diese vornehme Zurückhaltung, welche die Brancheninsider eher skeptisch stimmt. „Merkel ist mir sowas von egal“, sagt eine junge Frau am Playlink-Stand von Playstation, ihre Kollegin pflichtet bei: „Ist irgendwie unpassend, dass sie hier ist. Was hat die Politik schon für uns getan?“ Namentlich wollen sie nicht genannt werden, ebenso wenig wie der Redakteur eines Fachmagazins. Er sagt: „Das ist doch ganz klar eine Wahlkampfmasche. Irgendwer hat Frau Merkel gesagt, dass man mit Gaming die Masse erreicht. Jahrelang haben führende Politiker unsere Branche in die Schmuddelecke gesteckt und uns als Sündenbock für gesellschaftliche Probleme missbraucht.“ Der Experte begrüßt es jedoch, dass die Akzeptanz für Gaming in Deutschland wächst. „Merkels Besuch macht klar: Wir sind mehr als Killerspiele.“

Der deutsche Spieleentwickler Marcus Bäumer von dem Independent-Label Backwoods, der auf der Messe das Point-and-Click-Abenteuer „Unforeseen Incidents“ vorstellt, stimmt der hohe Besuch optimistisch: „Computerspiele werden zunehmend als kulturelles Gut anerkannt. Das ist schön zu sehen. Es war aber auch höchste Zeit.“

Von Nina Felicitas May/RND

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